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2.2 Das Verblassen der Norm

Die Ära des Finanzmarktkapitalismus führt bislang keineswegs zu einer internationalen Konvergenz der Arbeitszeiten oder anderer Arbeitsmarktprozesse. In entwickelten kapitalistischen Volkswirtschaften gibt es zwar länderübergreifende Grundströmungen auf den Arbeitsmärkten (insbesondere die Renaissance von Arbeitslosigkeit und ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen), doch die Wirkungen der seit den 1980ern zunehmenden Dominanz von Finanzkapital und neoliberaliberaler Politik und Ideologie werden weiterhin durch eine Vielzahl von strukturellen und institutionellen Besonderheiten auf nationaler Ebene gebrochen und modifiziert (Bosch et al. 2009). So ist auch der Gezeitenwechsel in der Arbeitszeitentwicklung in Deutschland stärker als in einer Reihe anderer EULänder ausgeprägt. Deshalb wird die allmähliche Erosion der im „Goldenen Zeitalter“ verankerten 40-Stunden-Norm im Folgenden am deutschen Beispiel skizziert.

Bis zum Beginn der 1990er Jahre war die Initiative zu Arbeitszeitveränderungen noch wesentlich von der gewerkschaftlichen Tarifpolitik ausgegangen. Mit der schrittweisen Durchsetzung der 35-Stunden-Woche in der Metallindustrie wurde jedoch der Betrieb immer mehr zum wichtigsten Spielfeld der Arbeitszeitpolitik, und mit dieser Verlagerung ging die Initiative auf die Arbeitgeber über. Wesentlich begünstigt wurde dies durch miteinander verflochtene strukturelle und politische Umbrüche: durch die Tertiarisierung der Wirtschaft und der Rückgang der tayloristischen Massenproduktion in der Industrie, die Globalisierung von Wettbewerb und Lieferketten, neue Formen der Arbeitsorganisation, die Schwächung des Tarifvertragssystems und nicht zuletzt durch die starke Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit (zu ausführlicheren Analysen vgl. Haipeter/ Lehndorff 2004 sowie Einzelanalysen in Seifert 2005). All dies vollzog sich unter dem Vorzeichen von, und in Kombination mit, jener Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen Kapital und Arbeit, die als das politische Wesensmerkmal der bisherigen Entwicklung des Finanzmarktkapitalismus betrachtet werden kann.

Die abnehmende Tarifbindung ist, wie eingangs erwähnt, in Deutschland ein wesentlicher Ausdruck dieser Veränderung des politischen Kräfteverhältnisses. Dieser Trend wurde durch die wirtschaftlichen und politischen Umbrüche in der Folge der Wiedervereinigung massiv beschleunigt (Lehndorff et al. 2009). Zur Schwächung des Tarifvertragssystems trägt außerdem erheblich bei, dass seit den 1990ern deutlich weniger Tarifverträge für allgemein verbindlich erklärt werden (ob die 2014 beschlossene Erleichterung der Allgemeinverbindlicherklärung hier eine Trendwende einleiten wird, bleibt abzuwarten). Bei der Arbeitszeitregulierung kommt die Besonderheit hinzu, dass die staatliche Arbeitszeitbegrenzung hierzulande sehr weit und locker gefasst ist[1]. Unter diesen Bedingungen ist in Deutschland der Basistrend einer Entstandardisierung, Ausdifferenzierung und Flexibilisierung von Arbeitszeiten vergleichsweise stark ausgeprägt. Die Arbeitszeiten von Vollzeitbeschäftigten sind heute im Durchschnitt wieder ungefähr so lang wie in Westdeutschland am Ende der 1980er Jahre. Hinter dem Durchschnitt verbirgt sich teilweise ein Auseinanderdriften der Arbeitszeiten zwischen verschiedenen Beschäftigtengruppen (z.B. zwischen höher qualifizierten Angestellten und Produktionsarbeitern). Zugleich lassen zunehmende Frauenerwerbstätigkeit und wachsender Dienstleistungssektor klassische (männlich dominierte) Industriebereiche mit eher standardisierten Arbeitszeiten schrumpfen, während Sektoren mit mehrheitlich weiblichen Beschäftigten und hohen Anforderungen an die zeitliche Verfügbarkeit und Flexibilität des Dienstleistungsangebots wachsen. In einigen Tätigkeitsbereichen ist eine graue Zone von selbst organisierter Flexibilisierung und Verlängerung der Arbeitszeiten zu beobachten. Zur Entstandardisierung und Ausdifferenzierung der Arbeitszeiten tragen zwei weitere, sehr unterschiedliche Entwicklungen wesentlich bei. Zum einen

nimmt die Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland wie auch in einigen anderen Ländern vor allem in den Bahnen der Teilzeitarbeit zu, so dass die Arbeitszeitunterschiede sowohl zwischen Männern und Frauen als auch innerhalb der weiblichen Erwerbsbevölkerung größer werden. In Deutschland wird dies paradoxerweise mit Hilfe einer impliziten, auf Umwegen wirkenden staatlichen Arbeitszeitregulierung gefördert: Von Institutionen wie Minijobs oder dem Ehegattensplitting in der Lohn- und Einkommensteuer werden viele Frauen bei der Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit nach der so genannten Familienphase in Teilzeitbahnen mit einem langfristigen Klebeeffekt gelenkt, der im zurückliegenden Jahrzehnt sogar noch stärker geworden ist (Sachverständigenkommission 2011).

Zum anderen reflektieren sich in der Ausdifferenzierung der Arbeitszeiten neue Formen der Arbeitsorganisation, in denen die (insbesondere höher qualifizierten) Beschäftigten die Folgen knapperer Ressourcen und härter werdenden Konkurrenzdrucks in eigener Regie zu bewältigen haben. Diese als „abstrakter Kontrollmodus“ (Dörre 2001) oder „indirekte Steuerung“ (Peters 2001) bezeichnete Strategie zielt darauf ab, mit Hilfe von Kennziffern ein selbst-rationalisierendes Verhalten abhängig Beschäftigter unter vom Management gesetzten Voraussetzungen zu fördern[2]. In einem „System permanenter Bewährung“ (exemplarisch für den IT-Sektor: Boes et al. 2011) wird ein stummer Zwang der Verhältnisse erzeugt, der auf eine für die Beschäftigten schwer entwirrbare Weise mit ihrem eigenen Ehrgeiz und beruflichen Engagement verwoben ist. In Arbeitszusammenhängen ohne fest etablierte Arbeitszeitregelungen liegt es unter diesen Bedingungen nahe, dass die Arbeit sowohl intensiviert als auch extensiviert wird.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass der in Deutschland weiterhin vorherrschende Weg der Arbeitszeitregulierung per Tarifvertrag in besonderem Maße dem Druck veränderter Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit in der Ära des Finanzmarktkapitalismus ausgesetzt ist, während die das traditionelle Geschlechterverhältnis konservierenden Elemente des Wohlfahrtsstaats zusätzlich zur Entstandardisierung der Arbeitszeiten beitragen. Unter diesen Voraussetzungen wirken sich die skizzierten Umbrüche vergleichsweise stark auf die Arbeitszeiten aus. Umso interessanter ist es, das Verhältnis von Norm und Normalität in Frankreich zu betrachten, einem Land mit gänzlich anderer Tradition der Arbeitszeitregulierung als in Deutschland.

  • [1] Das deutsche Arbeitszeitgesetz enthält – im Unterschied zu zahlreichen anderen EU-Ländern – keine ausdrückliche Definition der wöchentlichen Regelarbeitszeit. Es definiert lediglich eine Begrenzung der täglichen Arbeitszeit, die aus zwei Elementen besteht: Einer Höchstdauer von zehn Stunden mit definierten Ausnahmetatbeständen sowie einer Regelarbeitszeit von acht Stunden, die im Durchschnitt von sechs Monaten nicht überschritten werden darf. Da die tägliche Arbeitszeitbegrenzung auf zehn bzw. acht Stunden für sechs Werktage pro Woche gilt, ergibt sich implizit eine gesetzliche Höchstarbeitszeit von 60 (in Ausnahmefällen 72) Stunden pro Woche bzw. von 48 Wochenstunden bezogen auf den Durchschnitt von sechs Monaten
  • [2] Wie eng diese Art der Steuerung mit der Finanzmarkt-Orientierung von Unternehmen zusammenhängt, diskutiert Latniak im vorliegenden Buch, und Gerlmaier konfrontiert das mit indirekter Steuerung verbundene Autonomie-Versprechen an die Beschäftigten mit deren gesundheitlichen Belastungen unter dem Druck einer weiterhin präsenten Hierarchie
 
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