Bonapartismus und Klassenkampf

In Frankreich hat sich ein sehr spezifisches Muster staatlichen Handelns im Bereich der industriellen Beziehungen herausgebildet, das sich deutlich von dem in Deutschland und den meisten anderen EU-Ländern unterscheidet: Auf der einen Seite ein staatlicher „Dirigismus“, dessen Wurzeln bis zur französischen Revolution und dem ihr folgenden „Bonapartismus“ der napoleonischen Ära zurückreichen; auf der anderen Seite die Kollektivverhandlungen, die eine wesentlich schwächere gewerkschaftliche Basis als zum Beispiel in Deutschland haben und zugleich in einem wesentlich konfliktreicheren Umfeld stattfinden (Visser 2000, S. 237 ff.; Hancké 2001, S. 323 ff.; Hall 2007). Seit den 1980er Jahren ist das französische Modell schrittweise von einem staatlich dominierten zu einem „staatlich geförderten Kapitalismus“ verändert worden (Berrebi-Hoffmann et al.2009), aber viele Institutionen, die für die Arbeitsbedingungen wichtig sind, werden weiterhin durch den Staat geschaffen oder zumindest geschützt.

Dieser so genannte „Etatismus“ ist in der Arbeitszeitpolitik traditionell besonders stark ausgeprägt, auch wenn es immer ein Zusammenspiel mit den Akteuren der industriellen Beziehungen gab. Frankreich war 1936 das erste europäische Land, in dem die gesetzliche 40-Stunden-Woche eingeführt wurde. Das Dekret der damaligen Volksfrontregierung, dem eine Welle von Streiks vorausgegangen war, beruhte auf einer tripartistischen Vereinbarung (Cross 1989, S. 220). Das Gesetz wurde bereits ein Jahr später von der neu ins Amt gekommenen Rechtsregierung suspendiert, aber nach dem Krieg wieder in Kraft gesetzt. Doch dann breitete sich eine derart extensive Überstundenpraxis aus, dass die 40-Stunden-Woche erst in den 1970er Jahren im Alltag verankert wurde (Freyssinet 1997).

Wieder waren es (in den Jahren 1968/1969) Streikwellen, die dafür den Weg bahnten. Und wieder bereitete die Regierung eine tripartistische Vereinbarung vor, die dann eine Serie von Tarifverträgen über die Eindämmung der Überstundenarbeit auslöste, mit deren Hilfe die tatsächlichen Arbeitszeiten auf das Niveau der gesetzlichen Norm reduziert wurden. Freyssinet (2001, S. 63) fasst seinen Rückblick auf die Geschichte der französischen Arbeitszeitpolitik mit den Worten zusammen, dass die Arbeitszeitregulierung in seinem Land „das Ergebnis einer komplexen Interaktion zwischen gesetzlichen und kollektivvertraglichen Normen“ sei.

Im Rahmen dieser Interaktion hat die politische Linke auch später gelegentlich die gesetzlichen Normen als treibendes Instrument eingesetzt. So reagierte Präsident Mitterand auf eine längere Phase von der Regierung initiierter, doch ergebnisloser Tarifverhandlungen über die Einführung der 35-Stunden-Woche 1981/1982 mit der Verkürzung der gesetzlichen Arbeitszeit auf 39-Stunden. Zwar hinkten auch diesmal „die sozialen Normen hinter der gesetzlichen Norm her“ (Thoemmes 2010, S. 163), doch bestimmte die 39-Stunden-Woche schließlich den Arbeitsalltag großer Teile der französischen Beschäftigten bis zu den späten 1990er Jahren (vgl. dazu die im folgenden Abschnitt präsentierten Daten). Zugleich taten in dieser Zeit Regierungen unterschiedlicher Couleur viel für die Förderung dezentraler Kollektivvereinbarungen über die Arbeitszeit. Doch auf sehr fruchtbaren Boden fielen diese Bemühungen nicht. Das zumeist distanzierte Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretungen auf betrieblicher Ebene trug dazu bei, dass Kollektivvereinbarungen über Arbeitszeitfragen keine zentralere Rolle in den industriellen Beziehungen spielten (Howell 2006).

Ausgelöst durch die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit entwickelte sich im linken Teil des politischen Spektrums und unter den (in Frankreich wesentlich häufiger als in Deutschland anzutreffenden) mainstream-kritischen Wirtschaftswissenschaftler/inne/n in den 1990er Jahren eine Diskussion über einen neuen Vorstoß zur Arbeitszeitverkürzung (Cette/Taddei 1998). Zwar nahmen die Gewerkschaften in dieser Frage zunächst eine zögerliche Haltung ein (Gauvin 1993), doch als 1997 die neue, von Lionel Jospin geführte sozialistische Regierung ins Amt kam, erklärte sie die Einführung der 35-Stunden-Woche zum zentralen Bestandteil ihrer beschäftigungspolitischen Agenda. Dieses Regierungsprogramm stützte die von Crouch (2005) vertretene Sichtweise, dass soziale und politische Akteure auch Neuerungen in den Institutionen eines nationalen Kapitalismusmodells vornehmen können, die nicht allein – wie von Streeck und Thelen (2005) angenommen – der mehr oder weniger weitgehenden Anpassung an den neoliberalen Mainstream dienen. Dieser Gedanke ist für den hier behandelten Zusammenhang von zentraler Bedeutung: Mit dem Konzept des “institutional engineering” wird die Möglichkeit nationaler Akteure hervorgehoben, die Dominanz der „freien Märkte“ einzudämmen und damit insbesondere die Arbeit zu „dekommodifizieren“ (Esping-Andersen 1990), also den Warencharakter der Arbeitskraft einzuschränken.

Realistischerweise ist dabei zugleich von Wechselwirkungen auszugehen: Institutionelle Reformen, die gegen den Mainstream gerichtet sind, tragen unter den heutigen Bedingungen dennoch dem Druck der „freien Märkte“ in der einen oder anderen Form Rechnung. Trotzdem bleiben derartige Reformen ein Fremdkörper, der alle möglichen Konflikte auslöst, die dann den Ruf nach erneuten Reformen stärker werden lassen. Diese Art der Reformpolitik ist zwar in den zurückliegenden Jahrzehnten bislang die absolute Ausnahme geblieben, doch ist genau dies der Hintergrund, vor dem die 35-Stunden-Woche in Frankreich analysiert werden muss.

 
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