Auswirkungen auf Löhne, Beschäftigung und Arbeitsbedingungen

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Eine der wichtigsten Lehren aus den jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um die Durchsetzung und Verankerung des Achtstundentages und der 40-StundenWoche bestand, wie oben ausgeführt, in der Erfahrung, dass gesetzliche oder tarifvertragliche Arbeitszeitverkürzungen meist nur allmählich im betrieblichen und häuslichen Alltag Wurzeln schlagen, und dass dies insbesondere in Frankreich durch Phasen verstärkten politischen Drucks vorangetrieben werden musste. Deshalb wäre es sicher vorschnell, bereits jetzt ein abschließendes Urteil über den Erfolg oder Misserfolg der gesetzlichen 35-Stunden-Woche in Frankreich zu fällen. Hinzu kommt, dass die praktische Umsetzung der 35-Stunden-Woche bislang vergleichsweise wenig erforscht ist (den jüngsten Überblick zum Forschungsstand gibt der ausführliche Bericht einer Enquête-Kommission der Nationalversammlung, vgl. Assemblée Nationale 2014). Die vorhandenen Untersuchungen geben jedoch wichtige Hinweise, die auch den begrenzten Erfolg der Arbeitszeitverlängerungspolitik unter Sarkozy verständlicher machen.

3.3.1 Löhne und Arbeitsplätze

Im Vorfeld der gesetzlichen Arbeitszeitverkürzung standen deren mögliche Auswirkungen auf die Löhne im Zentrum der öffentlichen Auseinandersetzungen. Die Arbeitgeber fürchteten naheliegenderweise einen starken Anstieg der Lohnkosten und den Verlust ihrer preislichen Wettbewerbsfähigkeit. Unter den Beschäftigten dagegen gab es große Sorgen vor möglichen Lohneinbußen. Dies erklärte auch die zunächst zum Teil sehr zögerliche Unterstützung der Gewerkschaften für das Regierungsprojekt (wobei es hier, wie in Frankreich üblich, deutliche Unterschiede zwischen den Gewerkschaften gab).

Bald wurden jedoch die Skeptiker auf beiden Seiten eines Besseren belehrt. Unternehmensbefragungen ergaben, dass die lokalen Vereinbarungen über die Einführung der 35-Stunden-Woche zumeist einen Reallohnausgleich und allenfalls geringe Lohnerhöhungen vorsahen; Lohnkürzungen dagegen wurden nur von einer kleinen Minderheit der Firmen berichtet (DARES 2002a). Ähnlich ergaben Beschäftigtenbefragungen, dass nicht mehr als zwölf Prozent der Arbeitnehmer/innen von Lohnkürzungen betroffen waren. Insgesamt gab es im Zeitraum der Arbeitszeitverkürzung einen leichten Reallohnanstieg.

Damit wurde immerhin erreicht, dass von der Lohnentwicklung keine bremsenden Effekte auf die expansive, den Binnenmarkt stärkende Wirtschaftspolitik der Jospin-Regierung ausgingen. Trotz der Arbeitszeitverkürzung wurden auch in dieser Phase in Frankreich deutlich höhere Raten wirtschaftlichen Wachstums erreicht als in Deutschland und anderen Ländern der Eurozone: Im Zeitraum 1997 2001 stieg das BIP in Frankreich pro Jahr um durchschnittlich 3,5%, verglichen mit 2,5% im Rest der Währungsunion (Logeay/Schreiber 2006, S. 382). Dieses Wachstum schuf bereits günstige Voraussetzungen für eine positive Beschäftigungsentwicklung, und die Arbeitszeitverkürzung verstärkte diesen Effekt. So entstand ein Positivsummenspiel von zunehmender Beschäftigung, Stärkung der Massenkaufkraft und wirtschaftlichem Wachstum: Zwischen 1997 und 2001 wuchs die Zahl der Beschäftigten um 7,2% – eine Rate, die nie zuvor im 20. Jahrhundert in Frankreich innerhalb von vier aufeinanderfolgenden Jahren wirtschaftlichen Wachstums erreicht worden war (Husson 2002; Assemblée Nationale 2014, S. 82 ff.). In diesem wirtschaftlichen Umfeld relativierte sich auch die von den Arbeitgebern befürchtete Kostenbelastung, zudem mehr und mehr Unternehmen in den Genuss der reduzierten Sozialbeiträge kamen.

Die Beschäftigungseffekte innerhalb dieses Positivsummenspiels waren erheblich, auch wenn sie sich als geringer erwiesen als von den Promotoren der 35-Stundenwoche ursprünglich erhofft. Zum einen gingen die tatsächlichen Arbeitszeiten im Durchschnitt „nur“ um 2 Wochenstunden zurück, und zum anderen wurden – ähnlich wie zuvor beim Übergang zur 35-Stunden-Woche in der westdeutschen Metallindustrie (Stille/Zwiener 1997) – etwa 35 bis 40% des rechnerisch möglichen Beschäftigungseffekts durch induzierte Produktivitätserhöhungen geschluckt. Dies konnte Gubian (2000) durch einen auf betriebliche Daten gestützten Vergleich der Beschäftigungsentwicklung in Betrieben mit und Betrieben ohne 35-Stunden-Woche in der ersten (freiwilligen) Phase der 35Stunden-Woche zeigen. Demnach führten Arbeitszeitverkürzungen um durchschnittlich 12% zu einem Beschäftigungseffekt von rund 7%.

Die Gesamtgröße der Beschäftigungseffekte der gesetzlichen 35-StundenWoche wird unter Ökonomen selbstverständlich unterschiedlich beurteilt[1]. Zu berücksichtigen ist grundsätzlich, dass jeder Versuch einer ex-post Schätzung der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen auf einer Hypothese über die anzunehmende Beschäftigungsentwicklung ohne Arbeitszeitverkürzung aufbauen muss. Sehr hohe Beschäftigungseffekte ergaben die Makro-Modellsimulationen von Husson (2002) und Logeay/Schreiber (2006). Gemeinsamer Ausgangspunkt dieser im Einzelnen unterschiedlichen Analysen waren Extrapolationen früherer Beschäftigungstrends seit den 1970er Jahren, die dann mit der tatsächlichen Entwicklung nach 1997 verglichen wurden. Die Differenz zwischen der zu erwartenden und der tatsächlichen Beschäf-

tigung von 1998 bis 2001 betrug je nach Modell zwischen 450.000 und etwas über 500.000 zusätzlichen Beschäftigungsverhältnissen, die auf die 35-StundenWoche zurückzuführen seien. Etwas geringere, aber immer noch erhebliche Beschäftigungseffekte im Umfang von rund 350.000 zusätzlichen Beschäftigungsverhältnissen ermittelte das Wirtschaftsforschungsinstitut OFCE (Abbildung 3). Diese weithin akzeptierte Berechnung bedeutet, dass 18% der zwischen 1997 und 2002 zusätzlich geschaffenen Jobs auf die Arbeitszeitverkürzungen im Zuge des Übergangs zur gesetzlichen 35-Stunden-Woche zurückzuführen sind[2].

Abbildung 3: Beitrag der Arbeitszeitverkürzung zum Beschäftigungswachstum, Frankreich 1996 bis 2002 (in 1.000)

Quelle: OFCE (Assemblée Nationale 2014, S. 82)

Die Etablierung des neuen Arbeitszeitstandards in Teilen der Arbeitswelt mag durch diese Erfahrung politisch begünstigt worden sein, doch für die Masse der Beschäftigten dürften die Auswirkungen auf ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen noch relevanter gewesen sein. Es sollte sich zeigen, dass – wie es der Kommissionsbericht der französischen Nationalversammlung zusammenfasst – „die Arbeitszeitverkürzung nach einem weithin geteilten Gefühl eine soziale Errungenschaft darstellt, und es keinen Grund gibt, sie in Frage zu stellen“ (Assemblée Nationale 2014, S. 132).

3.3.2 Lebens- und Arbeitsbedingungen

Im Zuge und nach der Einführung der gesetzlichen 35-Stunden-Woche wurden mehrere Beschäftigtenbefragungen durchgeführt (DARES 2001, 2002a, 2006). Rund die Hälfte der Beschäftigten, in deren Betrieb die Arbeitszeit verkürzt worden war, gaben eine Verbesserung, 13% dagegen eine Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen an.

Entscheidend für das Urteil waren zum einen die wahrgenommenen Auswirkungen auf die Arbeitsbelastungen. Diese werden deutlich widersprüchlicher bewertet als die Veränderung der alltäglichen Lebensbedingungen (vgl. den Überblick in Assemblée Nationale 2014, S. 156 ff.). Zwei Fünftel der betroffenen Beschäftigten gaben an, dass sich ihr Arbeitsumfang trotz kürzerer Arbeitszeit nicht verändert habe, und ein Drittel beklagte sich über mehr Stress – dies gab in vielen Fällen den Ausschlag für eine eher negative Beurteilung der Arbeitszeitverkürzung (DARES 2006). Auf der anderen Seite erklärte jede(r) Vierte, dass sie oder er mit der höheren Belastung durch verbesserte Arbeitsorganisation gut zurecht komme (DARES 2001). Am kritischsten wurde die neue Situation von vielen cadres beurteilt, die die Option der Jahres-Pauschale gewählt hatten und dann ihre wöchentliche Arbeitszeit wegen unveränderten Arbeitsumfangs ausdehnten (Bouffartigue/Bouteiller 2000, S. 51).

Im Hinblick auf die Flexibilität der Arbeitszeiten bestätigten sich viele Befürchtungen nicht: 57% der Beschäftigten mit kürzerer Arbeitszeit gaben an, dass ihre Arbeitszeiten variabler organisiert würden, aber interessanterweise traf dasselbe auch auf 45% der Beschäftigten zu, die weiterhin 39 Wochenstunden arbeiteten. Entscheidend war, dass sich für die meisten dieser Beschäftigten die Planbarkeit der eigenen Arbeitszeit dadurch nicht verschlechtert hatte (DARES 2006).

Der zuletzt genannte Aspekt verweist darauf, dass der Gewinn an planbarer Freizeit letztlich den Ausschlag für die mehrheitlich positive Beurteilung der 35Stunden-Woche gab. Nur für rund ein Viertel der betroffenen Beschäftigten wurde die Arbeitszeitverkürzung auf täglicher Basis umgesetzt, während zwei Drittel der Beschäftigten (sogar mit steigender Tendenz) erklärten, sie könnten sich freie Tage nehmen – entweder regelmäßig als halbe Tage auf wöchentlicher oder als ganze Tage auf zweiwöchentlicher Basis, oder als zusätzliche Urlaubstage (DARES 2001; DARES 2002b).

Tabelle 2: Bewertung des Einflusses unterschiedlicher Gestaltungsformen der Arbeitszeitverkürzung auf das tägliche Leben (in %)

Gestaltungsformen

Eher Verbesserung

Eher Verschlechterung

Regelmäßige ganze oder halbe freie Tage

71

10

Zusätzliche freie oder Urlaubstage

60

10

Arbeitszeitkonten

60

9

Kürzere Arbeitstage

57

13

Jahresarbeitszeit

54

17

Insgesamt

59

13

Quelle: DARES (2001)

„Klar definierte“ (Cette et al. 2006, S. 68) Formen der Arbeitszeitorganisation wurden auch in multivariaten Analysen als entscheidend für die Zufriedenheit der Beschäftigten mit der kürzeren Arbeitszeit ermittelt. Dies erklärte den wichtigen Befund, dass (ceteris paribus) in Vollzeit beschäftigte Frauen mit Kindern unter zwölf Jahren die Beschäftigtengruppe ist, die sich am zufriedensten mit der 35-Stunden-Woche zeigte (ebenda, S. 73). So gab denn auch ein Drittel der Frauen eine Verbesserung ihrer „work life balance“ an. Für Lallement (2003, S.

41) ist es deshalb „unbestreitbar, dass die Familien die großen Nutznießer der Arbeitszeitverkürzung sind“. Wenn eine Arbeitszeitverkürzung Wurzeln im Alltag schlagen soll, ist dies sicherlich nicht die schlechteste Voraussetzung.

  • [1] Überblicke zur internationalen Literatur über den Zusammenhang von Arbeitszeitverkürzung und Beschäftigung geben Bosch/Lehndorff (1998) und aktuell Golden/Glosser (2013). In beiden Veröffentlichungen wird Wert auf die Aussage gelegt, dass der Beschäftigungseffekt einer Arbeitszeitverkürzung immer in hohem Maße von der Art und Weise abhängt, wie sie umgesetzt und gestaltet wird. So dürften in Frankreich die finanziellen Anreize für die Unternehmen (d. h. die gestaffelte Senkung der Sozialbeiträge bei Neueinstellungen) ebenso eine positive, die Beschäftigungswirksamkeit fördernde Wirkung gehabt haben wie z. B. der starke Schub, der von den Aubry-Gesetzen für betriebliche Verhandlungen über Arbeitszeitfragen ausging (s.u.). Eine bloße Senkung der Sozialbeiträge, also ohne Verknüpfung mit der Arbeitszeitverkürzung, hätte nach Modellrechnungen des Wirtschaftsforschungsinstituts OFCE einen um zwei Drittel geringeren Beschäftigungseffekt gehabt (Assemblée Nationale 2014, S. 81)
  • [2] Neben den Makro-Modellsimulationen wurden auch neoklassische Analysen durchgeführt, die auf Mikrodaten und auf Annahmen über einzelwirtschaftliche Reaktionen von Unternehmen basieren. Sie ergaben zumeist nur geringe positive Effekte, aber immerhin nur selten negative (Estevão/Sá 2006; Chemin/Wasmer 2009). Eigentlich wäre ja zu erwarten, dass angesichts solcher eher skeptischen Ergebnisse nach alternativen Erklärungen für die überdurchschnittlich positive Beschäftigungsentwicklung im betrachteten Zeitraum gesucht würde. Doch die Autoren begnügen sich mit dem allgemeinen Hinweis, dass auf Keynesianischen Makro-Modellen basierende Analysen „scharf kritisiert“ worden seien (Chemin/Wasmer 2009: 493). Da muss man sich dann mit dem volkswirtschaftlichen Problem selber gar nicht erst befassen. Ein ähnlicher an gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen desinteressierter „ökonomischer Sachverstand“ war in Deutschland zuletzt in der Debatte über den gesetzlichen Mindestlohn zu bes
 
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