Anregungen für die deutsche Arbeitszeitpolitik

Ganz anders als in Frankreich hat sich in Deutschland bei der Arbeitszeit über die Jahrzehnte hinweg eine Arbeitsteilung zwischen Gesetz und Tarifvertrag eingebürgert. Die Tarifverträge definieren deutlich kürzere wöchentliche Regelarbeitszeiten als das Gesetz, so dass Letzteres im Alltag häufig in den Hintergrund tritt. Mit abnehmender Tarifbindung und mit abnehmender Wirkung von Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen auf die tatsächlichen Arbeitszeiten bestimmter Beschäftigtengruppen wird die etablierte Arbeitsteilung jedoch prekär. Das Gesetz gewinnt wieder an Bedeutung. Es wird deshalb Zeit, über das Ausbalancieren von Staat und Tarifvertrag bei der Arbeitszeitregulierung in Deutschland neu nachzudenken.

Die Anregungen, die dafür aus den französischen Erfahrungen gewonnen werden können, laufen im Kern darauf hinaus, dass staatliche Regulierung betriebliche Verhandlungen über die Arbeitszeitorganisation fördern kann, dieser aber zugleich dringend bedarf, wenn gesetzliche (ebenso wie tarifvertragliche) Normen tatsächlich im Alltag verankert werden sollen. Diese Chance einer positiven Wechselwirkung lässt sich gut erkennen, wenn man die Praxis der 35Stunden-Woche in Frankreich mit der in der (west)deutschen Metallindustrie vergleicht – dem einzigen großen Wirtschaftszweig in Deutschland, der einen Vergleich mit der 35-Stunden-Woche in Frankreich ermöglicht.

Stärken und Schwächen im Vergleich: Die 35-Stunden-Woche in der deutschen Metallindustrie

Mitte der 1990er Jahre begannen die gewöhnlichen Wochenarbeitszeiten der Vollzeitbeschäftigten in der Metallindustrie (ähnlich wie in anderen Wirtschaftszweigen) wieder anzusteigen. Am Vorabend der jüngsten Krise betrug die Kluft zwischen tarifvertraglichen und durchschnittlichen gewöhnlichen (tatsächlichen) Arbeitszeiten etwa vier bis viereinhalb Stunden pro Woche (Franz/Lehndorff 2013).

Die allgemeinen Ursachen dieser Entkoppelung sind oben kurz skizziert worden (vgl. Kapitel 2.2). Für den hier interessierenden deutsch-französischen Vergleich sind einige in der deutschen Metallindustrie besonders ausgeprägte Entwicklungen wichtig: Neben der auch in dieser Branche allmählich abnehmenden Tarifbindung sind dies die Zunahme von – gewöhnlich mit dem internationalen Konkurrenzdruck und der Standortkonkurrenz begründeten – betrieblichen Abweichungen vom Flächentarifvertrag insbesondere in der ersten Hälfte des zurückliegenden Jahrzehnts;

die in den Metall-Tarifverträgen vereinbarte Quote von 13% bzw. 18% der Beschäftigten, mit denen individuelle 40-Stunden-Verträge abgeschlossen werden können, deren Nutzung und Ausweitung durch den wachsenden Anteil von Angestellten mit höherer Qualifikation aus Arbeitgebersicht immer wichtiger wird; und

die zahlreichen Varianten flexibler Arbeitszeitgestaltung, die im Kontext neuartiger Formen der Arbeitszeitorganisation („indirekte Steuerung“) den Beschäftigten Arbeitszeitverlängerungen in eigener Regie nahelegen.

Diese Auflistung deutet bereits an, wo Unterschiede zwischen – aber auch gemeinsame Herausforderungen in – der deutschen und der französischen Metallindustrie zu suchen sind: Der größte Unterschied liegt in den hierzulande größer werdenden weißen Flecken auf der Landkarte des Tarifvertragssystems, die es in Frankreich wegen der dort üblichen Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen nicht gibt. Ähnliche Herausforderungen sind dagegen überall dort zu erwarten, wo durch die Art der Flexibilisierung eine Grauzone zur Arbeitszeitverlängerung geschaffen wird, und wo – perspektivisch vielleicht noch wichtiger – vor allem in Bereichen höher qualifizierter Angestellter die Ausbreitung einer „Anwesenheitskultur“ durch Ausnahmeregelungen im Gesetz oder Tarifvertrag begünstigt wird.

Die Bedeutung sowohl der Unterschiede als auch der Gemeinsamkeiten wird durch die Streuung der Arbeitszeiten unterstrichen, die sich jeweils hinter den Durchschnittsarbeitszeiten verbirgt. Der obere Teil von Abbildung 4 vergleicht das Arbeitszeitprofil in der deutschen Metallindustrie mit dem in der Gesamtwirtschaft. Deutlich wird, dass die tarifvertragliche 35-Stunden-Woche zwar wesentlich mehr Beschäftigten als in den übrigen Branchen eine kürzere Vollzeit ermöglicht, aber auch, dass dieser Anteil mit 20% (zu denen weitere 20% mit Arbeitszeiten zwischen 36 und 39 Wochenstunden hinzugezählt werden können) doch recht bescheiden ausfällt. Demgegenüber arbeiten in der Metallindustrie nur fünf Prozentpunkte der Beschäftigten weniger als in der Gesamtwirtschaft gewöhnlich 40 Stunden pro Woche[1].

Die Bedeutung der Tarifbindung springt ins Auge, wenn man im unteren Teil von Abbildung 4 sieht, dass in der französischen Metallindustrie immerhin 30% der Beschäftigten gewöhnlich 35 Stunden pro Woche arbeiten (wobei man darüber hinaus auch hier die mehr als 30% der Beschäftigten berücksichtigen kann, die 36 bis 39 Stunden arbeiten). Das Gesetz und die sich darauf beziehenden, für allgemeinverbindlich erklärten Tarifverträge zeigen hier ihre Wirkung, auch wenn sie noch längst nicht den Arbeitsalltag der überwiegenden Mehrheit der Beschäftigten prägen. Dass diese wichtige Einschränkung gemacht werden muss, liegt an dem vergleichsweise hohen – und seit 2003 stark gestiegenen – Anteil der Beschäftigten, die länger als 40 Wochenstunden arbeiten[2].

An der zunehmenden Bedeutung der Beschäftigtengruppen mit sehr langen Arbeitszeiten wird die oben beschriebene Schwäche des französischen Herangehens an die Arbeitszeitkulturen unter höher qualifizierten Beschäftigten deutlich. Deshalb wiegt die mangelnde Erfahrung mit dem Aushandeln von Arbeitszeitmodellen im Betrieb unter Einbeziehung der Betroffenen umso schwerer (Hege/Dufour 2014).

Auch in Deutschland befinden sich die betrieblichen Interessenvertretungen bei Verhandlungen über Arbeitszeitfragen häufig in der Defensive und fühlen sich vielfach auch überfordert (Haipeter et al. 2011). Doch zugleich wird es mehr und mehr als Herausforderung verstanden, betriebliche und gruppenspezifische Arbeitszeitmodelle zu entwickeln, die tarifvertragliche Standards nicht unterlaufen, aber den unterschiedlichen individuellen Interessen der Beschäftigten nach größerer Selbstbestimmung der Arbeitszeit gerecht werden (Wagner 2014; Wiedemuth 2014). Meine Sicht auf diese Herausforderung habe ich vor längerer Zeit (Lehndorff 2003, S. 286) unter dem Motto „Sicherheit anbieten und Vielfalt ermöglichen“ folgendermaßen beschrieben: „Es wäre absurd, wenn zukünftige Arbeitszeitregulierung den einzelnen Beschäftigten weniger individuellen Einfluss auf die Arbeitszeitgestaltung „zugestehen“ würde, als es die Unternehmen tun. Es käme vielmehr darauf an, den Spieß umzudrehen: Durch kollektive Absicherung individueller Gestaltungsrechte die praktischen Möglichkeiten zu verbessern, die Autonomie-Verheißung der neuen Managementformen reale Gestalt annehmen zu lassen – wenn nötig, im Konflikt. Mit anderen Worten: Durch kollektiv gezogene Grenzen sind individuelle Handlungsmöglichkeiten zu schützen und zu erweitern.“ Für diese Option können, wie ich im Folgenden zeigen möchte, auch in Deutschland gesetzliche Anstöße durchaus hilfreich sein.

Abbildung 4: Arbeitszeit-Profile* in Metallindustrie und Gesamtwirtschaft in Deutschland (oben) und in der deutschen und französischen Metallindustrie (unten), 2010

* Anteil der Beschäftigten mit gewöhnlichen Wochenarbeitszeiten in den jeweiligen Stundenintervallen (in % aller abhängig Beschäftigten)

Hinweis: Den Grafiken liegen die Daten zur Metall- und Elektroindustrie ganz Deutschlands zugrunde, während die 35-Stunden-Woche nur in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie tarifvertraglicher Standard ist. Diese Ungenauigkeit fällt jedoch für den deutsch-französischen Vergleich angesichts der Größenunterschiede zwischen west- und ostdeutscher Metall- und Elektroindustrie kaum ins Gewicht: So betrug 2010 die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie 40,2 Stunden, gegenüber 39,5 Stunden in Westdeutschland; die Durchschnittsarbeitszeit in der deutschen Metall- und Elektroindustrie insgesamt lag mit 39,6 Wochenstunden jedoch nur um 0,1 Stunden über der im westdeutschen Teil der Branche (Franz/Lehndorff 2013).

Quelle: EU-LFS; Auswertung durch Christine Franz, IAQ

  • [1] Ein ähnliches Bild ergab die Fragebogenaktion, die die IG Metall 2013 unter 500.000 Beschäftigten durchgeführt hat: Nur 18% derjenigen, die sich an der Befragungsaktion beteiligt haben, arbeiteten tatsächlich 35 Stunden pro Woche; fast ein Viertel dagegen gaben eine normale Wochenarbeitszeit von mehr als 40 Stunden an (IG Metall 2013)
  • [2] Der wachsende Anteil der Beschäftigten mit langen Arbeitszeiten führt im Übrigen dazu, dass die durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten in der französischen Metall- und Elektroindustrie sogar etwas länger sind als in ihrem deutschen Pendant (2008 betrug die Differenz 0,4 Wochenstunden; Franz/Lehndorff 2013). Die reine Betrachtung der Durchschnittswerte verstellt also den Blick auf die jeweiligen Stärken und Schwächen des französischen bzw. des deutschen Herangehens
 
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