Mitbestimmung im Finanzmarktkapitalismus

Wie ist genau der Druck zu erklären, der vom Finanzmarktkapitalismus auf die Interessenvertretungen ausgeht? Der Finanzmarktkapitalismus als „neue Leitmetapher für die Organisation von Arbeit“ (Minssen 2011) beschreibt ein neues Ensemble sozialer Institutionen des Kapitalismus, deren Gravitationszentrum die Finanzmärkte bilden (zum Folgenden vergleiche auch die Einleitung zu diesem Band). Zu diesem Ensemble gehören die Liberalisierung des Kapitalverkehrs und der Rückzug der Banken aus der langfristigen Unternehmensfinanzierung ebenso wie die Entstehung neuer Finanzmarktakteure wie Fonds, Analysten und Rating-Agenturen oder eines Marktes für Unternehmenskontrolle (für einen Überblick der Entwicklung Beyer 2006; Windolf 2005). Eng mit diesen Entwicklungen verbunden ist die Herausbildung finanzwirtschaftlicher Formen der Unternehmenssteuerung. Ursprünglich in den diversifizierten amerikanischen Großkonzernen der 1960er und 1970er Jahre als Mittel zur wirtschaftlichen Kontrolle von Geschäftseinheiten eingeführt, wurde die finanzwirtschaftliche Unternehmenssteuerung zu einem wichtigen Instrument der Durchsetzung von Shareholderinteressen und finanzmarktgetriebenen Orientierungen weiterentwickelt (Fligstein 1990).

Mit Blick auf die Corporate Governance der Unternehmen lassen sich zwei Dimensionen des finanzwirtschaftlichen Kontrollmodus unterscheiden. In der ersten Dimension ist er ein System finanzwirtschaftlicher Kennziffern, mit deren Hilfe finanzwirtschaftliche Ziele gesetzt und mit der tatsächlich erreichten Performance der Unternehmen oder der jeweiligen Geschäftseinheiten verglichen werden. Die Zielsetzungen sind mehr oder weniger eng an den Erwartungen von Finanzmarktakteuren oder an den durchschnittlichen Verzinsungen orientiert, die am Kapitalmarkt für Investitionen erzielt werden können. Eine finanzwirtschaftliche Kontrolle in diesem Sinne setzt profitverantwortliche Geschäftseinheiten und damit relativ dezentrale Organisationsstrukturen in den Unternehmen voraus.

Die zweite Dimension der finanzwirtschaftlichen Kontrolle ist die Finanzialisierung der Unternehmenssteuerung im Sinne einer neuen Legitimationsfolie und Begründungsordnung wirtschaftlichen Handelns von Unternehmensführungen (Froud et al. 2006; Kädtler 2009). Diese Begründungsordnungen stützen sich auf Konzepte eines wertorientierten Managements, dessen Aufgabe darin besteht, den Unternehmenswert auch und vor allem für die Eigentümer – die Shareholder – zu erhöhen. Unternehmenswert wird in dieser Lesart dann geschaffen, wenn sich interne Investitionen höher verzinsen als alternative Investitionen auf den Kapitalmärkten. Der Unternehmenswert definiert damit eine Mindestverzinsung für Investitionen. Auf diese Weise werden, zumindest implizit, die Verzinsungsansprüche der Investoren an das eigene Unternehmen als gegeben und unveränderlich unterstellt. Auch diese leiten sich daraus ab, welche Verzinsung Investoren für alternative Investitionen durchschnittlich erzielen können. Wert ist damit die Residualgröße, die zur Verteilung im Unternehmen nach Abzug dieser Ansprüche übrig bleibt.

Aktuelle Befunde deuten darauf hin, dass die Unternehmenssteuerung trotz der Finanzmarktkrise in den Unternehmen weiterhin finanzwirtschaftlich geprägt ist. Renditesteigerung bleibt ein vorrangiges Ziel der Unternehmensleitungen (Dörre et al. 2011). Allerdings ist davon auszugehen, dass sich die Begründungsmuster der Finanzialisierung verschieben: weg von der Wertsteigerung für Shareholder hin zu der Wertsteigerung als Grundlage der Wettbewerbsfähigkeit in globalen Produktmärkten (Faust et al. 2011).

Deshalb stellt sich die Frage, welche Auswirkungen auf die Mitbestimmung mit beiden Dimensionen der Finanzialisierung verbunden sind. Insgesamt lassen sich hypothetisch zumindest sechs mögliche Konsequenzen der Finanzialisierung ableiten. Die erste Konsequenz ist die Kurzfristigkeit der Managementhorizonte: Investitionen müssen sich in kurzer Frist rentieren, weil das Management den Investoren in der ‚Logik der Quartalsberichte' kurzfristige Erfolgsmeldungen liefern muss. Zudem nehmen Stellenwechsel innerhalb des Managements zu, so dass der Erfolgshorizont des Managements zusätzlich durch die Besetzungs- und Karrierehorizonte von Stellen verkürzt wird. Kurzfristigkeit der Investitionen aber bedeutet, dass der Atem für langfristige Projekte der Organisationsentwicklung und der Entwicklung innovativer Geschäftsfelder kürzer wird. Zwar ist es richtig zu sagen, dass mit der Finanzialisierung keine Festlegung der unternehmensstrategischen Orientierung verbunden ist; die Frage, mit welchen Produkt-, Organisationsoder Rationalisierungsstrategien Wertsteigerungen tatsächlich erzielt werden können, ist nicht Teil der Begründungsordnungen (Faust et al. 2011). Doch werden häufig von Betriebsräten initiierte oder unterstützte Projekte der Organisationsentwicklung, wie z. B. die Einführung innovativer Formen der Arbeitsorganisation, die erfahrungsgemäß lange Einarbeitungs- und Lernphasen erfordern und nicht zu unmittelbaren finanziell messbaren Erfolgen führen, unter erheblichen Erfolgs- und Legitimationsdruck gesetzt. Ähnliches gilt für langfristige Investitionen in innovative Geschäftsfelder, deren wirtschaftlicher Ertrag kurzfristig nicht einschätzbar ist. In beiden Fällen müssen Betriebsräte für langfristig angelegte Investitionen kämpfen oder Konzessionen eingehen, damit die Unternehmen solche Investitionen überhaupt vornehmen.

Damit verbunden ist als zweiter Punkt der Verzinsungsanspruch. Investitionen müssen sich nicht nur kurzfristig rentieren, sie müssen dabei auch Verzinsungsansprüchen gerecht werden, die von alternativen Investitionsoptionen der Kapitalmärkte abgeleitet werden. Investitionen, die diese Verzinsungsziele nicht erfüllen, werden nicht vorgenommen oder nur dann, wenn durch Kostensenkungen die Verzinsung auf das gewünschte Maß gesteigert werden kann. Fordern also Betriebsräte solche Investitionen ein, sehen sie sich mehr und mehr dazu gedrängt aufzuzeigen, wie die Verzinsung der Investitionen erhöht werden kann, damit sie auch als wertschöpfend anerkannt werden. Dies kann dazu führen, dass die Betriebsräte sich gezwungen sehen, Maßnahmen zur Verbesserung der Verzinsung der Investitionen zuzustimmen, die vom Management entwickelt werden, oder auch solche Maßnahmen selber zu entwickeln und vorzuschlagen, um Investitionen zu sichern.

Zu diesen Maßnahmen können drittens Veränderungen der Löhne und Arbeitsstandards gehören. Veränderungen heißt in diesem Fall zumeist Absenkungen, weil die Reduzierung der Personalkosten die Verzinsung der Investitionen steigert. Zwar können Reduzierungen der Kosten auch durch neue, produktivere Formen der Arbeitsoder Arbeitszeitorganisation erzielt werden. Dafür aber bedürfte es wiederum eines längeren Atems. Einfacher und schneller erscheint der Weg über Lohnsenkungen. Sofern dieser Weg begangen wird, werden die Löhne zumindest partiell zu einer variablen Verfügungsmasse und Restgröße, denen die Verzinsung der Investitionen als fester Anspruch der Investoren ge genübersteht. In dieser Logik wird von den Betriebsräten erwartet, dass sie Investitionen mit Konzessionen erkaufen.

Die vierte Konsequenz ist die wachsende Attraktivität von Auslagerungen oder Ausgründungen von Tätigkeiten oder Geschäftsbereichen. Diese sind aus drei Gründen für die Unternehmen naheliegend. Der erste Grund ist die Trennung von Geschäftsbereichen, die nicht als strategisch bedeutsam betrachtet werden oder die auf längere Sicht nicht in der Lage erscheinen, die Verzinsungsansprüche zu erfüllen. Der Verkauf oder die Schließung dieser Einheiten ist ein Beitrag zur Bereinigung des Unternehmensportfolios. Der zweite Grund ist der, dass eigentlich hinreichend rentable Einheiten oder Tätigkeiten noch rentabler werden können, wenn sie in Branchen mit schwächeren Arbeitsregulierungen und niedrigeren Lohn- und Arbeitsstandards verlagert werden. Und der dritte Grund schließlich, der vor allem für Hedge-Fonds als Eigentümer eine Rolle spielt, lautet, dass Ausgründungen die Börsenkurse kurzfristig steigern können. Verkauf, Auslagerungen oder Schließung von Organisationseinheiten gehören deshalb zum Alltag einer finanzialisierten Unternehmenssteuerung (so auch Dörre/Brinkmann 2005) und damit auch zum Alltag der Mitbestimmung der Betriebsräte in kapitalmarktorientierten Unternehmen. Denn für Betriebsräte stellt sich in dieser Situation wiederum das Problem, Beschäftigungssicherung zumeist nur mit Konzessionen erreichen zu können. Sie können entweder versuchen, die Einheiten um den Preis einer Absenkung der Arbeitsstandards im Unternehmen zu halten; oder sie können versuchen, die Auslagerung von Aktivitäten mit der Übernahme der Beschäftigten und dem weitgehenden Erhalt ihrer Arbeitsstandards zu begleiten. So oder so sind Vereinbarungen wahrscheinlich, in denen die Betriebsräte Zugeständnisse machen.

Die fünfte Konsequenz lautet, dass Unternehmen die Unterschiede der Arbeitsstandards zur Erhöhung der Rendite auch intern in Form prekärer Beschäftigungsverhältnisse nutzen. Ein wichtiges Beispiel dafür ist der strategische Einsatz von Leiharbeit im verarbeitenden Gewerbe, der längst nicht mehr nur auf die Erhöhung der Flexibilität, sondern auf die Ersetzung von Stammbeschäftigten durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse zur Kostenreduzierung abzielt (Holst et al. 2010; vgl. auch den Aufsatz von Hertwig im vorliegenden Band). Auch in dieser Situation finden sich die Betriebsräte in der Defensive. Zwar können sie die Ausdehnung prekärer Beschäftigung durch Quoten oder andere Instrumente zu verhindern versuchen und dabei auch durchaus erfolgreich sein, müssen im Erfolgsfall aber zumeist an anderer Stelle Konzessionen akzeptieren. Zugleich können sie durch die Existenz unterschiedlicher Arbeitsstandards im Betrieb unter Druck geraten, Zugeständnisse bei den Stammbelegschaften zu machen, um die Umwandlung in prekäre Beschäftigung zu beschränken.

Die sechste Konsequenz besteht schließlich darin, dass die Betriebsräte Legitimationsprobleme gegenüber ihren Belegschaften bekommen (Rehder 2006). Diese Probleme entstehen, wenn Betriebsräte im Rahmen betrieblicher Bündnisse für Arbeit Konzessionen verhandeln und diese dann gegenüber den Belegschaften als Kompromiss gemeinsam mit den Unternehmensleitungen vertreten. Insbesondere wenn mehrere Bündnisse aufeinanderfolgen und sich, in Folge andauernder Restrukturierungen oder kontinuierlicher Verlagerungsdrohungen, die Konzessionen als dauerhaft und nicht nur als temporäre Beiträge zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage erweisen, stellt sich die Frage der Perspektive von Zugeständnissen und der Rolle der Betriebsräte als Repräsentanten von Beschäftigteninteressen. Diese Situation schafft einen Nährboden für Kritik und Konflikte zwischen Betriebsräten und Beschäftigten.

In der Summe der möglichen Konsequenzen liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die Finanzialisierung der Unternehmenssteuerung die betrieblichen Interessenvertretungen in eine Defensivsituation drängt oder zumindest dazu beiträgt. Betriebsräte können dann zwar versuchen, die Auswirkungen von Verzinsungszielen, Auslagerungsdruck oder Prekarisierung einzudämmen, aber häufig wird ihnen dies nur um den Preis materieller Konzessionen gelingen. Auf diese Weise koordinieren und dämpfen sie Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen, wenden sie aber nicht ab. Damit riskieren sie eine wachsende Distanz zur Belegschaft und eine Infragestellung ihrer Legitimität.

Wir wollen im Folgenden untersuchen, ob und in welcher Weise sich die Finanzialisierung und ihre Folgewirkungen tatsächlich in der Praxis der betrieblichen Regulierung der Arbeitsbedingungen niederschlagen. Dabei können wir nicht alle Mechanismen der Finanzialisierung im Detail analysieren, die wir eben angesprochen haben. Stattdessen wollen wir auf der Grundlage unserer empirischen Forschung insbesondere neue Strategien und Ansätze der Interessenvertretung untersuchen, die das Ziel verfolgen, neue Antworten auf die angesprochenen Probleme und Herausforderungen der Mitbestimmung zu entwickeln. Dabei versuchen wir auszuloten, ob und inwieweit damit neue Lösungen gefunden und möglicherweise sogar Grundlagen für eine Stärkung der Mitbestimmung auch unter den Bedingungen der Finanzialisierung geschaffen werden können. Es geht uns also um die Möglichkeiten und Ansätze einer Revitalisierung regulierender Institutionen und der Akteure, die sie tragen können. Erst dann, so lautet unsere zentrale Hypothese, wird es möglich, ein vollständigeres Bild der aktuellen Entwicklungen zu zeichnen.

 
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