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2 Energiewirtschaft – eine Branche im Wandel

Bis Ende der 1990er Jahre war die Energiewirtschaft eine stark regulierte Branche. Energieproduktion und -verteilung galt als ‚natürliches Monopol' und Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge. Bis zu dieser Zeit war der Energiemarkt in regionale Versorgungsmonopole zwischen neun großen Energieversorgern aufgeteilt. Diese Unternehmen waren zwar privatwirtschaftlich organisiert, die öffentliche Hand hielt jedoch jeweils wesentliche Aktienanteile. Unterhalb der Gebietsmonopolisten gab es noch eine Struktur von Regionalversorgern und, in den meisten größeren deutschen Städten, von Stadtwerken. Energiepreise wurden auf Grundlage der Herstellungskosten und eines standardisierten Gewinnaufschlags der Unternehmen kalkuliert und durch Preiskontrollen überwacht. Neben den Versorgungsmonopolen gab es kleinere regionale Anbieter, die einzelne Regionen mit Strom, Wärme oder Wasser versorgten, sowie lokale Anbieter in den Kommunen, die öffentlichen Stadtwerke. Auch die regionalen Anbieter waren teilweise Stadtwerke, die Leistungen über die kommunalen Grenzen hinaus anboten.

Mit Blick auf die Arbeitsbeziehungen und die Tarifautonomie wies die deutsche Energiewirtschaft zwei Besonderheiten auf. Erstens waren in der Branche aus historischen Gründen mehrere Gewerkschaften aktiv; in den öffentlichen Unternehmen und denen mit öffentlichem Mehrheitsbesitz war dies die ÖTV (und später Ver.di), in den privaten Unternehmen mit eigenen Förderstätten für Kohle oder großen Energieproduktionsbetrieben die IG BCE resp. ihre Vorläufer. Die zweite Besonderheit bestand darin, dass die Stadtwerke als kommunale Betriebe nicht von den Arbeitgeberverbänden der Energiewirtschaft repräsentiert wurden, sondern von den kommunalen Arbeitgeberverbänden. Auch die vergleichsweise kleine deutsche Ölindustrie war und ist nicht in den Verbandsstrukturen der Energiewirtschaft integriert, sondern in denen der chemischen Industrie.

Marktstrukturen und -regulierung änderten sich grundlegend mit der europaweiten Liberalisierung der Energiemärkte durch die EU-Direktive des Jahres 1996. Der Markt wurde geöffnet; Energiekonsumenten erhielten das Recht auf freie Wahl des Energieanbieters. Diese Regelungen erwiesen sich rasch als unzureichend für die Schaffung eines freien Netzzugangs und bescherten den großen Energieunternehmen hohe Gebühreneinnahmen und deutliche Konkurrenzvorteile. Im Jahr 2003 verabschiedete die EU eine neue Direktive zur beschleunigten Liberalisierung, in deren Umsetzung im Jahr 2005 in Deutschland dann mit der Bundesnetzagentur eine neue Energiebehörde zur Kontrolle des Netzzugangs und der Netzpreise geschaffen wurde und zugleich die großen Energieanbieter gezwungen wurden, ihre Netzbetriebe rechtlich von der Energieproduktion zu trennen. Seit 2009 steuert die Bundesnetzagentur die Preise für Netznutzung durch Erlös-Obergrenzen (die sog. Anreizregulierung).

Atomausstieg und die Förderung regenerativer Energien bildeten neben der Liberalisierung die zweite wichtige Veränderung der Marktstrukturen. Im Erneuerbare-Energien-Gesetz und dem Atomausstiegsgesetz des Jahres 2002 wurden die Privilegierung und Förderung regenerativer Energiequellen sowie Restlaufzeiten für die Atomkraftwerke in Deutschland bis zum Jahr 2023 festgelegt. Zwar wurde der Atomausstieg von der schwarz-gelben Bundesregierung im Jahr 2009 wieder in Teilen zurückgenommen, dann jedoch mit der Energiewende des Jahres 2011 rasch wieder eingeführt. Dies war verbunden mit weiteren Maßnahmen, zu denen verbindliche Ziele für die Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien sowie die Beschleunigung des Netzausbaus von Nord nach Süd (insbesondere zum Energietransfer aus den Nordsee-Offshore-Windkraftanlagen) und der rechtlichen Verselbständigung der Netzbetreiber gehörten.

Die Liberalisierung hat sich für die großen Energiekonzerne als überaus profitables Geschäft erwiesen. Grundlage dafür war die Stärkung der Marktpositionen durch eine Vielzahl von Fusionen untereinander, aus denen dann schließlich die vier großen Energieunternehmen E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall Europe hervorgingen. Obwohl sie ihre rechtliche Monopolposition verloren hatten, konnten sie eine dominante Position auf dem Energiemarkt einnehmen. Im Jahr 2006 hielten sie einen Anteil am Stromabsatz von rund 57%, und ihr Anteil an der Stromproduktion betrug 100% der Grundlast und 85% der Spitzenlast (Bontrup/Marquardt 2010).

E.ON und RWE haben nach der Fusionswelle zunächst eine Strategie diversifizierter Kerngeschäftsfelder neben der Energie eingeschlagen. Im Falle E.ON zählten dazu die Telekommunikation und chemische Produkte, bei RWE konzentrierte sich die Ausweitung auf Wasser, Abfall und Recycling. In beiden Unternehmen erwies sich diese Strategie als wenig erfolgreich, und nur wenige Jahre später haben die Unternehmen die meisten Anteile in diesen Bereichen wieder verkauft. Wegen der hohen Profitabilität des Energiegeschäfts konnten die Unternehmen dennoch weiter expandieren, und sie taten dies durch internationale Akquisitionen (Bontrup/Marquardt 2010). In diesem Prozess wurden die Großunternehmen zugleich Vorreiter einer starken Kapitalmarktorientierung (Faust/Bahnmüller/Fisecker 2011) mit ambitionierten Renditezielen, Ausrichtung am Unternehmenswert und Steuerung der Unternehmenseinheiten durch finanzwirtschaftliche Kennziffern. Ähnlich wechselhaft verlief übrigens auch ihre Expansion in die Welt der Stadtwerke, in die sich die Großunternehmen mit vielen Beteiligungen eingekauft hatten, die sie aber schließlich teilweise – wie E.ON die große Beteiligungsgruppe Thüga mit über 90 Beteiligungen – an kommunale Energieverbünde wieder verkauft haben. Auch Kommunen kaufen derzeit Anteile an ihren teilprivatisierten Stadtwerken zurück (Matecki/Schulten 2013).

Mit der Liberalisierung haben sich auch die Betriebs- und Beschäftigtenzahlen der Energiewirtschaft deutlich verändert (Statistisches Bundesamt 2013).

Nachdem die Zahl der Betriebe im Zuge der Fusionswelle zunächst gesunken ist, lässt sich mittlerweile ein deutlicher Anstieg der Betriebszahlen verzeichnen. Er wird angetrieben durch neue Energievertriebsunternehmen, neue Erzeuger alternativer Energien sowie die teilweise – bei der Verselbständigung der Netzbetreiber – rechtlich geforderte, teilweise auch strategisch gewollte Auslagerung von Geschäftstätigkeiten der Großunternehmen. Anders als die Zahl der Betriebe nahm die Beschäftigung deutlich ab. Zwischen 1995 und 2010 sank die Beschäftigtenzahl in der Elektrizitätswirtschaft von 263.600 auf rund 191.600 Beschäftigte und damit auf nur noch 73% des Ausgangswertes. Wichtigste Triebkraft dieser Entwicklung waren die Kostensenkungs- und Auslagerungsprogramme, die von den Großunternehmen nicht zuletzt unter den Vorzeichen des Shareholder Value durchgeführt wurden. Kostensenkung erfolgte dabei vorrangig durch sozialverträglichen Personalabbau und nicht durch Druck auf die Tariflöhne, die sich die Unternehmen bei sprudelnden Gewinnen problemlos leisten konnten.

Mit der ‚Energiewende' änderten sich allerdings die Rahmenbedingungen. Zum einen verloren nun die Atomkraftwerke wegen geringer Restlaufzeiten und sinkender Kapazitätsnutzung ihre Wirtschaftlichkeit. Und zum anderen verschlechterte sich auch die Profitabilität der konventionellen Kohleoder Gaskraftwerke, weil diese nicht mehr kontinuierlich ausgelastet werden, sondern wegen der Priorität der erneuerbaren Energien nur noch die Lücken zwischen der Energienachfrage und dem Angebot durch erneuerbare Energien füllen. Nach Expertenangaben sank die Kapazitätsnutzung dieser Werke um bis zu 50%.

„Sie haben Tage mit viel Sonne und Wind, an denen 80-90% der Energie aus diesen Quellen fließt. Und es gibt Tage ohne Sonne und mit Windflaute, da beträgt ihr Anteil nur 5-10%. Dann springen die konventionellen Kraftwerke ein. In der anderen Zeit sind sie aber ungenutzte Kapazität, und die Unternehmen müssen ja auch das ganze Personal dafür vorhalten. Lag früher die jährliche Auslastung eines Kohlekraftwerks vielleicht bei 5.000 bis 6.000 Stunden, so beträgt sie jetzt nur noch 2.000 bis 2.500 Stunden.“ (Experte Arbeitgeberverbände)

Ein Indikator dieser Entwicklung sind die Gewinnwarnungen, die von einzelnen Großunternehmen seitdem erstmals ausgegeben wurden. Freilich ist dabei zu bedenken, dass die Warnungen auf der Grundlage hoher Gewinnerwartungen und Renditeziele erfolgten. So oder so hat die Sicherung des Shareholder Value in den Unternehmen aber dazu geführt, dass der ohnehin übliche Druck auf die Personalkosten nun auch auf die Tarifnormen ausgeweitet wurde.

 
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