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3 Organisationsstrukturen und -strategien der Arbeitgeberverbände

Die Energiewirtschaft gehört zu den Branchen mit traditionell hohem und überdurchschnittlichem Organisationsgrad der Arbeitgeberverbände. Nach den Daten des IAB-Betriebspanels, das Wasser- und Abfallwirtschaft sowie den Bergbau zum Energiesektor hinzuzählt, waren im Jahr 2011 56% der Unternehmen in der überbetrieblichen Tarifbindung und 6% der Betriebe hatten einen Firmentarifvertrag abgeschlossen (Abbildung 1). Weil es quasi keine OT-Mitgliedschaften gibt und auch die Unternehmen mit Firmentarifverträgen im Arbeitgeberverband sind, sind in der Branche Tarifbindung und Organisationsgrad der Arbeitgeberverbände nahezu deckungsgleich. Zwar hat der Organisationgrad nach diesen Zahlen im letzten Jahrzehnt insgesamt von 69% auf 62% abgenommen, doch verlief die Entwicklung nicht stetig, sondern schwankend, so dass ein eindeutiger Trend kaum auszumachen ist. Zudem lag die Tarifbindung nach Betrieben in 2011 weit über dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft von 32%.

Abbildung 1: Tarifbindung im Energiesektor nach Betrieben (in %)

Quelle: IAB-Betriebspanel (Ellguth/Kohaut 2012)

Im Jahr 2011 waren insgesamt 455 Betriebe mit 151.000 Beschäftigten Mitglied in den Arbeitgeberverbänden der Branche (vaeu.de). Eine Ursache für den leichten Rückgang des Organisationsgrades ist das Entstehen neuer Energievertriebsunternehmen und neuer Anbieter erneuerbarer Energien. Die Arbeitgeberverbände haben nach internen Diskussionen bislang darauf verzichtet, diese Unternehmen zur Mitgliedschaft zu bewegen. Ausschlaggebend dafür waren zwei Gründe: Erstens handelt es sich dabei vor allem um Kleinunternehmen, die schwer zu organisieren und finanziell wenig attraktiv für die Verbände sind. Und zweitens haben auch die Gewerkschaften noch keine Anstrengungen unternommen, dort Mitglieder zu rekrutieren, was die Attraktivität der Arbeitgeberverbände für die Unternehmen gesteigert hätte.

Analog zu anderen Branchen weisen die Arbeitgeberverbände der Energiewirtschaft als eingetragene Vereine zwei Organisationsebenen auf, die der Einzelverbände, in denen die Unternehmen Mitglieder sind und die des Dachverbandes, in denen die Einzelverbände Mitglieder sind. Die Einzelverbände sind zugleich Mitglieder in den regionalen Landesvereinigungen der Arbeitgeberverbände. Insgesamt hat der Dachverband VAEU (Vereinigung der Arbeitgeberverbände energie- und versorgungswirtschaftlicher Unternehmen) mit Sitz in Hannover sieben Einzelverbände (Tabelle 1). Darunter ist auch der AVN, der eine Reihe von Nahverkehrsunternehmen organisiert, die früher in eigentumsrechtlichen Verbindungen zu Energieunternehmen standen.

Tabelle 1: Mitgliedsverbände der VAEU und ihre Organisationsdomänen

AGV Ba-Wü (Arbeitgeberverband der Elektrizitätswerke Baden-Württemberg)

EnBW und Baden-Württemberg

AGV Energie (Arbeitgeberverband Energie Südwest)

Rheinland-Pfalz

AGV Bayern (Arbeitgebervereinigung Bayerischer Energieversorgungsunternehmen)

E.ON und Bayern

AGWE (Arbeitgeberverband von Gas-, Wasser- und Elektrizitätsunternehmungen)

Nordrhein-Westfalen und RWE

AVE (Arbeitgebervereinigung energiewirtschaftlicher Unternehmungen)

E.ON, Vattenfall Europe, Hessen

AVEU (Arbeitgeberverband energie- und versorgungswirtschaftlicher Unternehmungen)

Berlin und Ostdeutschland

AVN (Arbeitgebereinigung öffentlicher Nahverkehrsunternehmen)

Nahverkehrsunternehmen

Die Verbandsstruktur der Energiewirtschaft weist fünf Besonderheiten auf. Die erste ist, dass die Organisationsdomänen der Verbände nicht nur regional bestimmt sind. Vielmehr gruppieren sie sich auch firmenbezogen um die großen vier Energieanbieter, die jeweils mit ihren zahlreichen Tochter- und Beteiligungsgesellschaften in die Verbände einbezogen sind. Genauere Informationen zur Struktur der Mitgliedsunternehmen liegen zwar nicht vor; die Gliederung der Organisationsdomänen deutet allerdings einen starken Einfluss der Großunternehmen an.

Die zweite Besonderheit besteht darin, dass fünf der sieben Verbände – AGV Bayern, AGWE, AVE, AVEU und AVN – ihre Geschäftsführung auf den Dachverband VAEU übertragen und in Hannover zentralisiert haben. Der Geschäftsführer und die drei weiteren Experten der Geschäftsführung, unter ihnen drei Juristen und ein promovierter Volkswirt, sind jeweils in Mehrfachfunktionen für die Einzelverbände und den Gesamtverband zuständig.

Die dritte Besonderheit ist, dass nach den Statuten innerhalb der Einzelverbände unterschiedliche Tarifgruppen gebildet werden können. Die Verbände schließen zumeist keine einheitlichen Tarifverträge für ihre Organisationsdomäne ab, sondern weisen eine differenzierte Tarifstruktur auf, in der jeweils die vier Großunternehmen, aber auch andere Unternehmenszusammenhänge eigene Tarifgruppen mit eigenständigen Tarifwerken bilden. In den Tarifstrukturen ist damit eine Differenzierung mit starkem Unternehmensbezug angelegt, die erklären kann, warum es in der Energiewirtschaft bislang keine tarifliche Dezentralisierung durch tarifliche Öffnungsklauseln oder Haustarifverträge gibt.

Die vierte Besonderheit ist der weitgehende Verzicht der Arbeitgeberverbände auf eigene Lobbyaktivitäten. Zentrale Dienstleistung der Verbände neben dem Abschluss von Tarifverträgen ist die arbeitsrechtliche Beratung, die insbesondere von den kleineren Unternehmen stark genutzt wird. Auch die Verbandsinformationen über Internet oder in Broschürenform werden nach Aussage der Experten stark nachgefragt. Beim Lobbying hingegen gibt es zum einen die Wirtschaftsverbände (und unter ihnen vor allem den erst im Jahr 2007 gegründete Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft), die die Produktmarktinteressen der Branche vertreten. Zum anderen aber wollen die Großunternehmen das Heft des Handelns in der Hand behalten und Lobbyarbeit nicht an die Arbeitgeberverbände delegieren.

„Lobbyarbeit machen vor allem die Wirtschaftsverbände. Und hinzukommt: Die großen Unternehmen machen für sich selber Lobbyarbeit. Man kann schon fast sagen: Die legen eigentlich gar keinen Wert auf die Vertretung gemeinsamer Brancheninteressen durch die Verbände. Nach dem Motto: Was kümmert mich das, was RWE macht?“ (Experte IG BCE)

Fünftens schließlich ist festzustellen, dass die Arbeitgeberverbände der Energiewirtschaft auf neue Organisationsstrategien weitgehend verzichten. Dies gilt insbesondere für die Entwicklung einer OT-Strategie. Risiken und Chancen der OT-Strategie sind in den Verbänden zwar intensiv diskutiert worden, doch wurde dieser Weg dann nicht eingeschlagen. Nur in einem der sieben Verbände, dem AVEU, sieht die Satzung einen OT-Mitgliedschaftsstatus vor, der denn auch lediglich von drei oder vier Unternehmen genutzt wird. In den Deutungsmustern der Mitglieder und Verbandsspitzen werden die Tarifverträge weiterhin als Selbstverständlichkeit und als wichtiges kollektives Gut betrachtet, die durch OT-Mitgliedschaften in Frage gestellt würden.

 
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