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6 Wohnst Du noch, oder bist Du schon in Rente?

Es gibt verschiedene Vorstellungen zum Wohnen im Alter. Während die einen die Horrorvorstellung von überfüllten Pflegeheimen mit sich herumtragen, träumen die anderen von idyllischen Wohngemeinschaften. Ein Zusammenleben verschiedener Generationen: Jung und Alt in trauter Harmonie. Sozialromantik pur. Die Realität ist eine andere. Wie im vergangenen Kapitel erwähnt, beträgt die Mindestrente742 €. Im Osten Deutschlands ist eine Einzimmerwohnung für 300 € warm zu haben. Bleiben noch 442 € zum Leben. Nun, das liegt immerhin etwas über dem Hartz-IV-Satz für eine alleinstehende Person. Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Zu wenig für große Sprünge und zu wenig, um den Enkelkindern etwas zuzustecken. Ein einsames Leben in der Einzimmerwohnung, möglicherweise in einer DDR-Plattenbausiedlung – das sind keine rosigen Aussichten für die Zukunft. Abgeschoben aufs anonyme Abstellgleis – ist das die Zukunft der Alten?

Das Pestel-Institut hat im Jahr 2006 drei Untersuchungen in Auftrag gegeben, mit deren Hilfe der künftige Wohnungsbedarf in Deutschland ermittelt werden sollte (PestelInstitut 2007, S. 1). Zuletzt wurden die Wohnverhältnisse der älteren Generation im Rahmen einer Stichprobenerhebung im Jahr 2006 untersucht. Bei über einem Viertel der privaten Haushalte war der Haushaltsvorstand 65 Jahre oder älter. Das betraf 10,7 Mio. Haushalte mit 16,5 Mio. Menschen. Das bedeutet, dass es sich bei 29 % der Haushalte um Seniorenhaushalte handelt. Weiter wird ausgeführt, dass etwas weniger als die Hälfte der Seniorenhaushalte in den eigenen vier Wänden wohnt. Davon leben 80 % im Einoder Zweifamilienhaus. Fast drei Viertel wohnen in Mehrfamilienhäusern mit einer durchschnittlichen Wohnfläche von 68,2 m2. Natürlich haben die Hausbesitzer ein höheres Nettoeinkommen als Mieter, nämlich mehr als ein Drittel. Mieter und Hausbesitzer wohnen bereits 25 Jahre oder länger in ihrer Wohnung. 1,3 Mio. pflegebedürftiger Senioren werden zu Hause betreut. Das stellt höhere Anforderungen an die Wohnung.

Bezüglich der Einkommensbelastung gibt es nur Daten der Mieter. Hier liegt die durchschnittliche Belastung des Nettoeinkommens durch die Miete mit 25 % drei Prozentpunkte über dem Wert des Durchschnitts. 40 % der Mieter bringen 30 % ihres Einkommens für die Kaltmiete auf. Werden Heiz- und Nebenkosten in die Betrachtung einbezogen, liegt die Einkommensbelastung der Senioren für das Wohnen bei über 50 %. Wesentlich besser dürfte die Situation bei den Besitzern entschuldeten Eigentums sein. Doch auch hier gibt es Renovierungsbedarf und Sanierungen, von denen die Besitzer schnell überfordert sein können. Zusammenfassend heißt es:

Insgesamt zeigt sich heute – auch im Vergleich mit dem Ausland – in Deutschland eine durchaus positive und komfortable Wohnsituation der älteren Generation. Nicht vergessen werden darf aber der Mangel an barrierefreien Wohnungen und die zum Teil sehr hohe Belastung des Nettoeinkommens durch das Wohnen bei Mietern und sicher auch bei einem kleineren Teil der Eigentümer. (PestelInstitut 2007)

Wie bereits erwähnt gibt es verschiedene Modellrechnungen zur Entwicklung der Bevölkerung Deutschlands. Allen Szenarien gleich ist, dass die Bevölkerung im Rentenalter ansteigt und die Zahl der Erwerbstätigen abnimmt. Da über das zukünftige Renteneintrittsalter noch nicht allzu viel bekannt ist, richtet sich der Fokus auf die Bevölkerung, die 70 Jahre und älter ist. Diese dürfte 2035 (dem Bezugszeitraum der Untersuchung über Wohnen im Alter) im sicheren Ruhestand sein (Pestel-Institut 2007, S. 5). Einbezogen werden müssen weiterhin Veränderungen der Verbraucherpreise, Wohnkosten und Haushaltsnettoeinkommen (Pestel-Institut 2007, S. 6). In Bezug auf die Rente wurde von einer Absenkung von 20 % gegenüber dem heutigen Stand ausgegangen. 2006 betrug diese Eckrente bei der Einzahlung des Durchschnittsrentenbeitrags über 45 Jahre 1100 €. Die zukünftigen Rentenbezieher werden neben der Absenkung des Betrags gebrochene Erwerbsbiografien mit erheblichen Ausfallzeiten aufweisen. Das gilt beispielsweise für den Osten Deutschlands, der nach der politischen Wende einen rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit verzeichnete.

Nur wenige Jahre später erforderte die beginnende Globalisierung Flexibilität. Die lebenslange Bindung an ein Unternehmen ist heute aufgehoben. Demzufolge sind die Arbeitnehmer nur begrenzt in der Lage, private Altersvorsorge zu betreiben. Somit stellt sich auch die Frage nach dem Wohnen im Alter. Auch ein kleinerer Teil von Altersarmut betroffener Rentner kann die kommunalen Haushalte sehr belasten, denn diese sind im Rahmen der staatlichen Daseinsfürsorge für das Wohnen der Bürger verantwortlich. Dazu kommt ein dahinschmelzender Bestand von Sozialwohnungen. Das Pestel-Institut beendet seine Studie zum Wohnen im Alter mit folgenden interessanten Sätzen:

Wenn diese ökonomischen Rahmenbedingungen so eintreten, dann steht Deutschland weniger vor einem Produktionsproblem als vielmehr vor einem enormen Verteilungsproblem, was in Grundzügen bereits in den vergangenen fünfzehn Jahren sichtbar wurde. Wenn in einem Land der wirtschaftlichen Potenz Deutschlands wachsende Teile der Bevölkerung ihren Lebensunterhalt mit ihrer Erwerbsarbeit nicht bestreiten können und die Versorgung von Transfereinkommensbeziehern zunehmend auch auf die Ausweitung der Angebote von Suppenküchen und Sozialkaufhäusern angewiesen ist, so ist dies eines Sozialstaats bzw. der Sozialen Marktwirtschaft nicht würdig. (PestelInstitut 2007)

 
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