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9 Was kosten Krankheit und Pflegebedarf?

Jeder muss heute davon ausgehen, entweder mit der Pflege seiner Angehörigen oder der eigenen Pflegebedürftigkeit konfrontiert zu werden. Deshalb beschäftigt sich das vorliegende Kapitel mit den Kosten von Krankheit und Pflegebedarf. An dieser Stelle drängt sich wieder die Frage in den Vordergrund, ob Arme früher sterben müssen.

9.1 Ist Sterben teuer?

Es heißt, nicht das Alter, sondern das Sterben sei teurer geworden. Diese Feststellung bezieht sich auf den zeitlichen Abstand zum Tod, der die Kosten des Gesundheitswesens drastisch erhöht (Nöthen 2011, S. 665). So entstehen die höchsten Krankheitskosten in den letzten Lebensmonaten eines Menschen. Das gilt unabhängig vom Lebensalter. Setzt man dieser These die steigende Lebenswartung zugrunde, dann wird deutlich, dass sich die Kosten durch die größer werdende Anzahl Hochbetagter weiter erhöhen.

Im Jahre 2008 wurden in Deutschland 254,3 Mrd. € für den Erhalt der Gesundheit und die Linderung von Krankheiten ausgegeben. Die Hälfte dieser Summe kam der Altersgruppe ab 65 Jahren zugute (Nöthen 2011, S. 665). Genauer heißt das:

Während die Pro-Kopf-Krankheitskosten der Altersgruppen bis zu 64 Jahren unter dem allgemeinen Durchschnitt von 3100 Euro liegen, sind sie in der Altersgruppe von 65 bis 84 Jahren mehr als doppelt so hoch (6520 Euro) und danach mit 14 840 Euro fast fünfmal so hoch wie der Durchschnitt. (Nöthen 2011, S. 666)

Folgt man dieser These, dann liegt es klar auf der Hand, dass der demografische Wandel zu einer Zunahme der Gesundheitskosten führt. Das stimmt nicht ganz, denn an dieser Stelle kommen wieder die unterschiedlichen wissenschaftlichen Thesen (Expansions- und Kompressionsthese) zum Tragen, die von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen:

Darüber, dass die Zahl der Älteren in Zukunft zunehmen wird, herrscht in der Literatur Konsens. Strittig ist hingegen, wie sich vor dem Hintergrund der steigenden Lebenserwartung der allgemeine Gesundheitszustand und damit die Kosten entwickeln werden: Nehmen sie mit den gewonnenen Jahren weiter zu, verschieben sie sich infolge eines besseren Gesundheitszustands in ein höheres Alter oder gehen sie aufgrund des erwarteten Bevölkerungsrückgangs sogar zurück? (Nöthen 2011, S. 666)

Zur Wiederholung sei hier nochmal gesagt, dass die Vertreter der Expansionsthese von der Annahme ausgehen, dass die zusätzlichen Lebensjahre krank verbracht werden. Dadurch steigen die Kosten. Die Kompressionsthese geht davon aus, dass sich die Lebenszeit, die in Krankheit verbracht wird, künftig verkürzt. Der Kostenanstieg verschiebt sich damit ins hohe Alter, also in den Zeitraum kurz vor dem Tod. Damit entstehen die Kosten nicht durch das Alter, sondern durch das Sterben.

Für Nöthen (2011) war es naheliegend, die Gesundheitskosten im Alter anhand der Krankenhauskosten (stationären Behandlungen) nachzuweisen. Das Material ist statistisch gesichert. Zudem ist davon auszugehen, dass nur

„ernste“ Fälle eine stationäre Behandlung genießen. Nöthen (2011, S. 668) hat so die Häufigkeit, die Kosten und die Verweildauern der letzten Krankenhausbehandlung vor dem Tod bestimmt und diese mit regulären Krankenhausentlassungen verglichen. Aus inhaltlicher Sicht ist zu sagen, dass in Krankenhäusern die höchsten Gesundheitskosten anfallen – über ein Viertel des Gesamtvolumens. Zudem ereignen sich in Krankenhäusern fast die Hälfte der jährlichen Sterbefälle, und die Inanspruchnahme von Krankenleistungen ist kurz vor dem Tod besonders intensiv (Nöthen 2011, S. 668).

17,9 Mio. Menschen wurden 2008 bundesweit in Krankenhäusern behandelt. Dabei war der Anteil älterer Menschen ab 65 Jahren doppelt so hoch wie ihr Anteil an der Bevölkerung. 400.000 dieser Patienten starben während des Krankenhausaufenthalts (Nöthen 2011, S. 668). 82 % der Sterbefälle betraf ältere Menschen. Abbildung 9.1 zeigt die Behandlungskosten in Krankenhäusern getrennt nach Altersgruppen. Daraus ist ersichtlich, dass die Behandlungskosten mit dem Alter ansteigen. Die Behandlungskosten erreichen ihr Maximum bei Patienten zwischen 65 und 84 Jahren. Danach sinken die Kosten wieder. Werden nur

Abb. 9.1 Behandlungskosten in Krankenhäusern in Euro 2008 nach Altersgruppen/pro Krankenhausbehandlung. (Nöthen 2011, S. 668)

die Kosten für Sterbefälle betrachtet, gibt es einen immensen Unterschied zu den regulären Entlassungen:

Bei einem Sterbefall sind die Behandlungskosten mit durchschnittlich 8650 Euro 2,4-mal so hoch wie die bei einer Entlassung (3 610 Euro). (Nöthen 2011, S. 668)

Besonders hoch sind die Kosten bei Sterbefällen von Kindern und jungen Erwachsenen. Auffallend ist, dass die Sterbekosten mit steigendem Alter zurückgehen.

Die meisten Studien kommen also zu dem Schluss, dass ein Großteil der Krankheitskosten, die im Laufe des Lebens entstehen, erst im letzten Jahr vor dem Tod steigen. Somit würde allein die Restlebenszeit die Kostenverteilung der Krankheitskosten bestimmen – und das unabhängig vom chronologischen Lebensalter (Nöthen 2011, S. 671).

Dennoch machen die Sterbefälle nur 5,2 % der Gesamtkosten von Krankenhäusern aus. Das kann wiederum auf das Datenmaterial zurückgeführt werden, das nur einen Ausschnitt abbildet (Nöthen 2011, S. 671).

Die Ergebnisse der Krankenhausstudie von Nöthen wurden dann auf den demografischen Wandel übertragen. Dabei wurden wieder die Expansions- und die Kompressionsthese beachtet.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Zukunft unberechenbar ist. Die Kosten für die kommenden Generationen können nicht realitätsgetreu vorausberechnet werden. Dennoch ist davon auszugehen, dass die Kosten anwachsen werden. Das geschieht jedoch nicht explosionsartig. Somit können Katastrophenmeldungen, die vom Kollaps des Gesundheitssystems ausgehen, revidiert werden (Nöthen 2011, S. 674). Die demografische Entwicklung ist nur ein Faktor unter anderen, die einen Einfluss auf die Kostenentwicklung nehmen. Weitere Faktoren sind der medizinisch-technische Fortschritt, der rechtliche Rahmen, mögliche Ausweitungen der Leistungen oder die Morbiditätsentwicklung (Nöthen 2011, S. 674).

Als Fazit dieses Abschnitts bleibt die Tatsache, dass wir zwar alle sukzessive mit einem längeren Leben rechnen können, aber nur zum Preis einer erhöhten Pflegebedürftigkeit und längeren Krankheitsphasen im Alter. Jegliche Präventionsversuche sind zwar sinnvoll, müssen jedoch um erfolgreich zu sein bis ins hohe Alter durchgehalten werden. Inwiefern dies für den Einzelnen letztlich einen Verlust an Lebensqualität durch den Verzicht auf Genussmittel und Bequemlichkeit bedeutet, bleibt der individuellen Bewertung überlassen.

 
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