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9.2.5 Welche Unterschiede bestehen zwischen den Pflegeformen?

Grundsätzlich wird zwischen stationärer und ambulanter Pflege unterschieden. In den letzten Jahrzehnten sind aber auch einige neue oder Mischformen auf den Markt gekommen.

Die stationäre Pflege wird erforderlich, wenn die Pflege durch die Angehörigen nicht gewährleistet werden kann. Bei der stationären Pflege wird zwischen teilstationärer Pflege, vollstationärer Pflege und Kurzzeitpflege unterschieden (pflegeversicherung.net/stationaere-pflege, Zugriff am 13.9.2014).

Bei der teilstationären Pflege können die betroffenen Personen trotz hohen Pflegebedarfs weiter zu Hause wohnen. Sie werden in diesem Fall im Rahmen einer Nachtoder Tagespflege in Pflegeeinrichtungen professional betreut. Dies ist auch für pflegende, berufstätige Angehörige eine Entlastung. Bei der teilstationären Pflege wird also die häusliche mit der stationären Pflege kombiniert. Dabei übernimmt die Pflegekasse auch die Kosten für den Transport und die soziale Betreuung. Kosten für Verpflegung und Unter-

kunft werden privat bezahlt. Leistungen für die Tages- und Nachtpflege lasen sich mit anderen Leistungen aus der Pflegeversicherung kombinieren. Wird die teilstationäre Pflege mit Leistungen eines Pflegedienstes kombiniert, kann der Betrag der Pflegedienstleistungen auf 150 € aufgestockt werden:

Eine Frau mit der Pflegestufe II geht jede Woche für drei Tage in die Tagespflege. Diese kostet 660 Euro monatlich. Das sind 60 Prozent der 1110 Euro die es maximal als Sachleistungen in der Pflegestufe II gibt. Zusätzlich kommt jeden Morgen ein Pflegedienst nach Hause, um die Frau zu waschen. Dieser veranschlagt 385 Euro, also 35 Prozent der Maximalleistung monatlich. Zu den 150 Prozent bleibt nun noch ein Anteil von 55 Prozent. In der Pflegestufe II stehen den Pflegebedürftigen monatlich bis zu 440 Euro zu. Davon erhält die Frau nun noch 55 Prozent, also 242 Euro jeden Monat. Insgesamt erhält sie also Pflegeleistungen in Höhe von 1287 Euro monatlich. (pflegeversicherung.net/stationaere-pflege, Zugriff am 13.9.2014)

Im Grunde wird ab Pflegestufe III von der Notwendigkeit der vollstationären Pflege ausgegangen. Folgende Kriterien machen eine vollstationäre Pflege erforderlich ( pflegeversicherung.net/stationaere-pflege, Zugriff am 13.9.2014):

• Fehlende Pflegeperson

• Fehlende Pflegebereitschaft

• Überforderung der Pflegepersonen

• Verwahrlosung des Pflegebedürftigen

• Eigenoder Fremdgefährdung, ausgehend von der Pflegeperson

• Ungünstige räumliche Gegebenheiten, die nicht behoben werden können

Somit unterscheiden sich die ambulante und die stationäre Pflege beispielsweise durch das Ausmaß der Pflegebedürftigkeit des Betroffenen. Im Grunde wird ab Pflegestufe III von der Notwendigkeit der vollstationären Pflege ausgegangen.

Außerdem ist stationäre Pflege sinnvoll, wenn es keine Angehörigen gibt, die sich um den Pflegebedürftigen kümmern. Ein Pflegedienst, der dreimal am Tag vorbeikommt, um dem Betroffenen bei den notwendigsten Verrichtungen behilflich zu sein, ist nicht ausreichend, da dem Pflegedürftigen die sozialen Bezugspunkte fehlen und er vereinsamt. Im Pflegeheim besteht der Vorteil, dass beispielsweise die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen werden. Zudem werden Veranstaltungen angeboten, welche die Freizeit sinnvoll ausfüllen. Auch bei Schwerkranken genügt ein ambulanter Pflegedienst nicht, da sie sich, z. B. durch Stürze, verletzen können. Gerade bei Demenz im fortgeschrittenen Stadium ist eine stationäre Pflege angebracht.

Für Pflegebedürftige (mit Pflegestufe) besteht die Möglichkeit einer Kurzzeitpflege. Diese kann zur Bewältigung einer Krisensituation in Anspruch genommen werden (Bundesministerium für Gesundheit 2014c). Eine Krisensituation ist beispielsweise der Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt. Doch auch pflegende Angehörige wollen sich mal eine Auszeit gönnen. Und so kann der zu Pflegende für diese Zeit in eine Kurzzeitpflege gebracht werden:

Die Leistung der Pflegeversicherung für die Kurzzeitpflege unterscheidet sich betragsmäßig nicht nach Pflegestufen, sondern steht unabhängig von der Einstufung allen Pflegebedürftigen in gleicher Höhe zur Verfügung. Die Höhe der Leistung beträgt bis zu 1550 Euro im Jahr für bis zu vier Wochen pro Kalenderjahr. (Bundesministerium für Gesundheit 2014c)

Das bedeutet, dass jeder Pflegebedürftige einmal im Jahr von der Kurzeitpflege profitieren kann. Dazu kommt, dass seit Inkrafttreten des Pflege-Neuausrichtungs-Gesetzes während der Kurzzeitpflege für bis zu vier Wochen je Kalenderjahr die Hälfte des bisher bezogenen Pflegegeldes weitergezahlt wird. Die Kurzzeitpflege kann seither auch in stationären Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen in Anspruch genommen werden. Diese Einrichtungen benötigen keine Zulassung zur pflegerischen Versorgung nach SGB XI. Den pflegenden Angehörigen wird es so erleichtert, an Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen teilzunehmen (Bundesministerium für Gesundheit 2014c).

Eine weitere, gern genutzte Pflegeform ist die 24-Stunden-Pflege. Eine deutsche 24–Stunden-Pflegekraft kostet bis zu 10.000 € im Monat. Da sich dies nur die Elite leisten kann (Hubschmid 2013), werden gern Pflegehilfen aus Osteuropa eingesetzt. Im Moment arbeiten mehr als 150.000 Frauen aus Polen, Tschechien oder der Slowakei in Deutschland. Die Frauen putzen, kochen, gehen einkaufen, begleiten die Betroffenen zum Arzt und helfen beim Waschen und Ankleiden. Für die medizinische Versorgung ist dennoch ein ambulanter Pflegedienst erforderlich.

Seit Mai 2011 dürfen Arbeitsverträge direkt mit den Betreuungskräften geschlossen werden (Hubschmid 2013). Die Personen müssen gemeldet werden und benötigen eine Lohnsteuerkarte. Zudem ist eine Unfallversicherung abzuschließen. Die Hilfskraft kann so bei den Betroffenen einziehen. Der Arbeitgeber trägt auch die Risiken für die Hilfskraft. Diese muss im Krankheitsfall weiterbezahlt werden. Gezahlt wird zudem der Mindestlohn, inklusive Beiträge zur Sozialversicherung So fallen monatlich schnell 3000 € an, wovon Kost und Logis wieder abgezogen werden können (Hubschmid 2013).

Anders ist es, wenn die Pflegehilfen selbstständig arbeiten. Das mindert die Verantwortung und die Kosten des Arbeitgebers. Dabei melden die Hilfen selbst ein Gewerbe an und arbeiten auf Rechnung. Die Pflegekräfte müssen dann mindestens in zwei Haushalten arbeiten, weil es sich sonst um eine Scheinselbstständigkeit handelt. Es gibt zahlreiche Portale im Internet, die selbstständige Haushaltshilfen anbieten. Hier sollte die Suchmaschine entsprechend bemüht werden. Neben der Anstellung und der Arbeit als selbstständige Pflegehilfe besteht die Möglichkeit der Entsendung durch das Heimatland, d. h. beispielsweise, eine polnische Pflegefirma entsendet Arbeitskräfte nach Deutschland (Hubschmid 2013). In diesem Fall sind die Arbeitskräfte in ihrem Heimatland angestellt. Dort werden auch Steuern und Beiträge zur Sozialversicherung gezahlt. Die polnischen Entsendefirmen arbeiten mit deutschen Vermittlungsagenturen zusammen. Im Ernstfall kann innerhalb einer Woche eine Pflegekraft vermittelt werden. Die Pflegehilfen werden, da auch fleißige Osteuropäer mal Urlaub brauchen, nach drei Monaten ausgetauscht. Sie kosten zwischen 1200 und 2500 € im Monat. Dazu kommt eine jährliche Vermittlungsprovision. Wichtig ist zu wissen, dass weder die Familie noch die deutsche Vermittlungsagentur weisungsbefugt ist. Die Weisung obliegt der Firma im Ausland. Die Kosten für Betreuungshilfen werden nicht von den Pflegeversicherungen übernommen.

Eine Sonderform der Pflege ist die geriatrische Rehabilitation. Diese richtet sich an ältere Menschen, die wegen Krankheit oder einer Operation in ihrer Alltagsfähigkeit eingeschränkt sind (MediClin AG 2014). Ziel der geriatrischen Rehabilitation ist die Wiederherstellung der Selbstständigkeit. Damit wird die Pflegebedürftigkeit vermindert. Der Patient soll zu einem selbstständigen und selbstbestimmten Leben zurückfinden. Für die Beantragung einer geriatrischen Rehabilitation müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein. Dazu gehören (MediClin AG 2014):

• Höheres Lebensalter (70 Jahre)

• Mindestens zwei geriatrietypische Krankheiten (Mehrfacherkrankungen)

• Rehabilitationsfähigkeit

Die Geriatrie ist eine fachübergreifende Disziplin, da die Geriatriepatienten unter verschiedenen Krankheiten gleichzeitig leiden. Häufig ist es gerade das Zusammenwirken verschiedener Symptome, das zu einem Verlust der Selbstständigkeit führt. Diese Symptome reichen von Immobilität, Stürzen, Harninkontinenz über intellektuellen Abbau und Störungen bei der Ernährungs- und Flüssigkeitsaufnahme bis hin zu Schwindel, Depressionen und chronischen Schmerzen (MediClin AG 2014). Häufig bedingen und verstärken sich die Symptome gegenseitig. Vor der geriatrischen Rehabilitation erfolgt eine ausführliche Untersuchung des Patienten. Dabei wird der physische, kognitive, emotionale und soziale Zustand des Patienten erfasst (MediClin AG 2014). Danach wird ein individueller Behandlungsplan erstellt. Die Behandlungserfolge werden in wöchentlichen Gesprächen bewertet und ggf. angepasst. Eine geriatrische Rehabilitation erfolgt stationär. Sie dauert im Durschnitt drei Wochen. Der Antrag wird entweder vom Hausarzt oder vom Krankenhaus gestellt.

9.2.6 Was ist das Pflegestärkungsgesetz?

Für die Zukunft ist eine Stärkung der Pflege vorgesehen. Das Pflegestärkungsgesetz tritt dem demografischen Wandel mit sinnvollen Neuerungen entgegen. Gleichzeitig wird die Angst vor dem Alter ein wenig gemindert.

Der 1. Entwurf des Pflegestärkungsgesetzes wurde am 28. Mai 2014 vom Bundeskabinett vorgelegt (Bundesministerium für Gesundheit 2014d). Nach der Beratung im Bundestag und Bundesrat wird das 1. Pflegestärkungsgesetz am 1. Januar 2015 in Kraft treten. Es ist keine sozialromantische Illusion, dass sich der Wert einer Gesellschaft am Umgang mit den Schwächsten zeigt. Dieser Umgang soll mit dem Pflegestärkungsgesetz verbessert werden. Dabei erhalten Familien, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen, größere Unterstützung. Mehr Zeit für Tages- und Kurzzeitpflege sind eingeplant. Die Arbeit in Pflegeeinrichtungen wird leichter, indem es mehr zusätzliche Betreuungskräfte gibt. Zudem wird ein Pflegevorsorgefonds eingerichtet.

Natürlich kann sich die Regierung die zusätzlichen 5 Mrd. nicht aus dem Ärmel schütteln. Und so wird der Steuerzahler mit zur Kasse gebeten. Die Beiträge zur Pflegeversicherung werden ab dem 1. Januar 2015 um 0,3 Prozentpunkte angehoben. Weitere 0,2 Prozentpunkte folgen im Laufe der Wahlperiode (Bundesministerium für Gesundheit 2014d). Dem ersten Pflegestärkungsgesetz soll im Laufe der Wahlperiode das zweite Pflegestärkungsgesetz folgen. Dabei wird ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff eingeführt. Mit dem neuen Gesetz können die Unterstützungsleistungen (Tages-, Nachtbzw. Kurzzeitpflege) vielfältig miteinander kombiniert werden. Niedrigschwellige Angebote werden gestärkt. Künftig erhalten die Pflegebedürftigen 104 € im Monat. Damit können sie Alltagshelfer finanzieren. Für Umbaumaßnahmen zur Barrierefreiheit stehen künftig 4000 € anstelle von 2557 € zur Verfügung. Pflegehilfsmittel für den täglichen Gebrauch steigen von 31 € auf 40 € pro Monat. Zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie (hier Pflege) werden für zehn Tage Lohnersatzleistungen gezahlt (Bundesministerium für Gesundheit 2014d).

 
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