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12 Back to the Roots – Wie kann ich Halt und Unterstützung in der Familie finden?

Eine stabile Familie ist in der Lage, die Unsicherheiten der Moderne abzufedern, und verspricht Sicherheit und Halt. Doch wie ist es möglich, in unsicheren Zeiten eine stabile Familie zu haben? Wie kann diese Familie bis ins Alter erhalten werden? Möglicherweise ist ein anderer Umgang mit Konflikten nötig. Es ist sicherlich keine Lösung, sich bei Problemen in der Beziehung gleich einen neuen Partner zu suchen. Konflikte gibt es früher und später auch mit dem neuen Partner. Möglicherweise ist die Familie die sicherste Altersvorsorge.

12.1 Was macht Paarbeziehungen stabil?

Die Grundlage einer Familie ist die Paarbeziehung. Die folgenden Abschnitte beschäftigen sich mit dem Phänomen Partnerschaft – was sie stabilisiert und was sie kaputt macht. Letztlich ist der Umgang mit Konflikten von entscheidender Bedeutung für Qualität und Fortbestand der Partnerschaft.

12.1.1 Ist Sex das beste Bindemittel?

Um zu verstehen, was eine Familie stabilisiert, sollte man sich zunächst auf die Suche nach dem Bindemittel für Paarbeziehungen machen. Ist des tatsächlich so, dass die Leidenschaft nicht lange anhält – mit etwas Glück bis zu vier Jahren? Und was beeinflusst die sexuelle Aktivität eines Paares am stärksten? Ist es das Lebensalter oder die Dauer der Beziehung? Zumindest auf die letzte Frage sind die Antworten eindeutig. Wissenschaftliche Studien fanden heraus, dass die Dauer der Beziehung den größten Einfluss auf die sexuelle Aktivität von Paaren hat.

Schmidt et al. (2006) führten eine ähnliche Studie (Interviewstudie) durch. Dabei wurden 776 Frauen und Männer im Alter zwischen 30, 45 und 60 Jahren befragt. Ziel war dabei die Erforschung des Verlaufs der sexuellen Aktivität in der Beziehungsbiografie. Auch Veränderungen der Paarsexualität und der emotionalen Qualität von Beziehungen wurden dabei analysiert. Die Ergebnisse (Abb. 12.1) zeigen, dass die monatliche Häufigkeit des Sex mit der Dauer der Beziehung abnimmt. Das gilt unabhängig vom Alter. Anders ausgedrückt bedeutet dies, das ein 60-jähriger Mann, der erst seit zwei Jahren mit seiner Partnerin zusammen ist, häufiger Sex hat als ein 30-jähriger, der seit zehn Jahren mit seiner Partnerin zusammen ist. Das ist eine gute Nachricht. Offensichtlich hat also Sex nichts mit dem Alter zu tun. Die Leidenschaft selbst lässt nicht nach. Nur die Leidenschaft für den langjährigen Partner.

Entgegen der allgemeinen Vermutung ist der Rückgang der sexuellen Aktivität kein kontinuierlicher bzw. linearer Prozess. Schmidt et al. (2006) haben herausgefunden, dass

Abb. 12.1 Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs (Mittelwerte) in den letzten vier Wochen im Verlauf von Beziehungen, für drei Altersgruppen. (Schmidt et al. 2006)

die Sexualität nach drei bis fünf Jahren deutlich abnimmt. Ab dem zehnten Beziehungsjahr ist die Sexualität auf einem niedrigen Niveau stabil. Natürlich stellt sich an dieser Stelle die Frage, warum die etablierten Paare so selten Sex haben. Doch müsste an dieser Stelle nicht eigentlich nach der Prioritätensetzung einer langjährigen Partnerschaft gefragt werden? Ist Sex das Wichtigste einer Partnerschaft? Möglicherweise stehen andere Dinge (z. B. Kindererziehung, Beruf, Haushalt) im Vordergrund. Gewohnheit und Wiederholungen führen irgendwann zur Routine. An dieser Stelle ist auch die Gegenfrage interessant: Warum haben frisch verliebte Paare so häufig Sex? Etwa wegen des fehlenden Alltags und der noch nicht vorhandenen Gewohnheit?

Sexualität hat in den verschiedenen Phasen einer Beziehung eine unterschiedliche Bedeutung. Ganz am Anfang einer Beziehung kann Sex Nähe und Zusammengehörigkeit herstellen. Zudem hält Sex die Verbindung emotional lebendig. Für junge Beziehungen ist Sex das Bindemittel. Hat sich ein Paar entschieden zusammenzubleiben, dann wird Sex zunehmend unwichtig. Gemeinsame Freunde, Familie, materielle Verpflichtungen und Kinder bieten der Beziehung Sicherheit. In fortgeschrittenen Beziehungen ist Sex wichtig, damit sich das Paar weiterhin als Liebespaar sehen kann. Sex dient hierbei als Unterscheidungsmerkmal zu anderen Beziehungen. Dafür genügt eine geringe Häufigkeit des Aktes. Das hört sich sehr nach Routine an: Sex als Pflichtakt, um weiterhin ein Liebenspaar zu bleiben.

Welche Meinung haben Paare dazu? Hier wird es schwierig, die allgemeine Meinung vom Mainstream zu trennen. In allen Medien wird Sex wortwörtlich großgeschrieben. Bereitwillig erzählen Paare über ihr Sexleben, das entweder noch immer voller Überraschungen ist oder wieder neuen Schwung aufnimmt. „60 Jahre und kein bisschen leise“ scheint das Motto der neuen, jungen Alten zu sein. Durch derartige mediale Vorgaben fühlen sich viele Paare unter „Zugzwang“. Sie denken, dass irgendetwas mit ihnen und der Beziehung nicht stimmt. Diese Angst kann ihnen genommen werden. Viele Paare akzeptieren irgendwann, dass Phasen der sexuellen Flaute zu einer langjährigen Partnerschaft gehören. Sex darf zum gemütlichen Ritual werden. Das ist völlig normal. Mitunter hat Sex dann eine andere Qualität. Sex ist heute eine gemeinsame Aktion beider Partner. Dabei sind die Zeiten längst vorbei, in denen sich die Frauen den Männern unterordneten. Stattdessen werden Kompromisse geschlossen. Generell ist es noch immer so, dass Frauen Zärtlichkeit und Männer Sex bevorzugen (Bozon 2001).

Für das Phänomen Leidenschaft gibt es auch biologische Faktoren. So ist das Nachlassen der Leidenschaft auf einen geringer werdenden Dopaminspiegel zurückzuführen (Bartens 2012). Natürlich steigt dieser Dopaminspiegel bei neuen Liebschaften schnell wieder an. Das gilt im Übrigen für Männer und Frauen gleichermaßen. Wie bereits erwähnt, ist Sex nicht alles, was eine Beziehung zusammenhält. In Deutschland wird nur jede dritte Ehe geschieden. Sex wird und wurde von jeher als Bindemittel für Partnerschaften überschätzt. Man stelle sich einfach zwei charakterlich unterschiedliche Menschen vor, die sich im Bett wunderbar verstehen. Doch was bleibt von ihnen (ihrer Verbindung) übrig, wenn der Sex wegfällt oder, anders ausgedrückt, wenn der Becher des Rausches gelehrt ist? Nichts. An dieser Stelle wird deutlich, wie wichtig gemeinsame Werte, Anschauungen, Erlebnisse und Ziele sind. Somit bedeuten wenige Sexkontakte eine zunehmende Stabilität der Partnerschaft (Bartens 2012).

Beide Partner fühlen sich in einer stabilen Partnerschaft sicher und geborgen und benötigen keine ständigen Liebesbeweise. Vielleicht ist sich derjenige, der mit seinem langjährigen Lebenspartner jeden Tag schlafen möchte, seiner Sache gar nicht so sicher. Vielleicht zweifelt der potente Liebhaber an der Liebe seines Gegenübers. Fast scheint es, als ob sich dauerhafte Sicherheit und häufiger guter Sex ausschließen. Partner, die nur noch wenig Sex haben, besitzen also entweder eine besonders stabile, vertrauensvolle Beziehung oder stehen kurz vor der Trennung (Bartens 2012). Das Fazit kann also lauten: lieber weniger und dafür guten Sex als häufigen trostlosen, lustlosen Sex.

 
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