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12.2 Woran scheitern Partnerschaften?

Wer wissen will, was Partnerschaften stabilisiert, sollte zunächst die destabilisierenden Faktoren betrachten und daraus Rückschlüsse ziehen. Das haben die Forscher Rosenkranz und Rost im Jahre 1996 getan. Ob die Ergebnisse dieser fast 20 Jahre alten Studie noch heute relevant sind, sollen die folgenden Ausführungen zeigen. Fakt ist, dass in der Vergangenheit eine Reihe Umweltbedingungen weggefallen sind, die eine Ehe stabil machen. Dazu gehört die Abhängigkeit der Frau. Frauen gehen heute zunehmend einer Erwerbstätigkeit nach und sind auf den Mann als Versorger und Ernährer nicht mehr angewiesen. Eine eventuelle Arbeitslosigkeit der Frau wird durch staatliche Institutionen abgefedert. Anders als früher gehören heute mehr und mehr alleinerziehende Mütter und Väter zum Bild einer modernen Gesellschaft. Zweifellos hat es diese Gruppe schwer, einer geregelten Erwerbstätigkeit nachzugehen. Doch auch hier helfen Institutionen bei der Finanzierung und Gestaltung des Alltags.

Geändert haben sich auch die Wert- und Moralvorstellungen der Gesellschaft. Der sexuellen Revolution sei Dank – Ehescheidungen sind längst nicht mehr verpönt. Der Satz „Bis dass der Tod uns scheidet“ hört sich häufig an wie Ironie. Aus dem Lebensgefährten wurde der Lebensabschnittsgefährte.

Dazu kommen die gestiegenen Anforderungen in der Arbeitswelt. Die geforderte Mobilität und Flexibilität stehen im Widerspruch zu einer Ehe, die dabei ist, sich einen Lebensraum zu schaffen (z. B. Kinder zeugen, Haus bauen). Häufig hemmt die Ehe die Karriere. Nicht umsonst gehört die Forderung nach der Vereinbarung von Beruf und Familie zu den wichtigsten Forderungen an die Unternehmen der Zukunft.

Auch das Rechtssystem hat zur Instabilität der Ehe beigetragen. Ehemalige strenge Vorschriften, die eine Ehescheidung erschwerten, wurden gelockert. Werden alle diese Fakten zusammengefasst betrachtet, wird deutlich, dass die Ehe mehr und mehr vom persönlichen Willen der Partner abhängt. Beziehungen müssen gepflegt werden. Dazu benötigt es eine große Konfliktlösekompetenz.

Doch zurück zu Rosenkranz und Rost (1996). Die beiden Forscher wollten wissen, woran Partnerschaften scheitern. Dabei gingen sie von der logischen Überlegung aus, dass es in jeder Partnerschaft früher oder später zu Konflikten kommt. Entscheidend ist der Umgang mit diesen Konflikten. Dieser wiederum ist abhängig von den jeweiligen Partnerkonstellationen (Rosenkranz und Rost 1996,

S. 7). Längsschnittbefragungen von Partnern aus Ehen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften ergaben, dass einer Trennung ein langer Prozess des Scheiterns vorangeht, der den Betroffenen nur wenig bewusst ist. Häufig erfolgt die Analyse erst am Ende des Scheiterns (Rosenkranz und Rost 1996, S. 8). Nach Auswertung verschiedener Studien fanden Rosenkranz und Rost folgende Einflussfaktoren auf die Ehe:

• Zufriedenheit mit der Partnerschaft

• Zufriedenheit mit der Lebenssituation

• Bindungen in der Herkunftsfamilie

Diekmann und Klein (1991, S. 286) haben den Einfluss dieser soziodemografischen Rahmenbedingungen auf das Scheidungsrisiko untersucht. So wächst das Scheidungsrisiko mit

• der höheren Schulbildung der Ehefrau,

• der Mobilität und der Wohnortgröße.

Das Scheidungsrisiko wird gemindert durch

• höheres Alter bei der Eheschließung,

• Geburt eines Kindes,

• katholische Religionszugehörigkeit.

Die Zufriedenheit in der Beziehung ist ein wichtiges Kriterium partnerschaftlicher Stabilität. Dabei werden besonders immaterielle Ressourcen wie Liebe, Verständnis und Geborgenheit mit in die Partnerschaft gebracht (Rosenkranz und Rost 1996, S. 17). Beruht dies nicht auf Gegenseitigkeit, wird die Beziehung instabil.

Partnerschaften, die scheitern, zeichnen sich durch Konflikte auf folgenden Ebenen aus (Schneider 1990):

• Gegenseitige Wertschätzung

• Kommunikationsverhalten

• Einstellungen und Interessen

• Entfaltungsmöglichkeiten

• Verarmung der Partnerschaft

• Routine

Zwischenmenschliche und innerpsychische Probleme werden bei einer Trennung in Zukunft häufiger eine Rolle spielen. Dabei muss auch bedacht werden, dass die Ansprüche, die an den Partner gestellt werden, nicht selten zu hoch sind. Niemand kann grenzenloses Verständnis erwarten. Der Partner ist auch nur ein Mensch und begrenzt belastbar. Grundsätzlich sollte sich jeder seine Bedürfnisse in erster Linie selbst erfüllen können. Mangelndes Selbstwertgefühl kann kein Partner ausgleichen.

Heutige Partnerschaften verfolgen im Gegensatz zur Vergangenheit keinen bestimmten Zweck (z. B. Versorgung der Frau und Kinder). Stattdessen müssen beide Partner ihre gemeinsame Wirklichkeit aufbauen und pflegen. Die Partnerschaft muss eine eigene Kultur entwickeln, um Bestand zu haben (Rosenkranz und Rost 1996, S. 21). Bei einer Scheidung ist die gemeinsame Wirklichkeit gescheitert. Zu einer gemeinsamen Wirklichkeit trägt eine effektive Kommunikation bei. Auch die Häufigkeit der Interaktion ist wichtig. Gemeinsam verbrachte Zeit ist die Basis gemeinsamer Erfahrungen. Möglicherweise führen Unterschiede in der Freizeitorientierung zur Trennung. Zur gemeinsamen Kultur gehören gegenseitiges Vertrauen, Verständnis und eine befriedigende Sexualität (Rosenkranz und Rost 1996, S. 22).

Die Erfahrungen aus der Kindheit sind prägend. Und so erhöht sich das Scheidungsbzw. Trennungsrisiko für Kinder aus Scheidungsfamilien signifikant. Bei Söhnen fiel besonders auf, dass nicht die Unvollständigkeit der Familie, sondern der Grund für die Familienauflösung Einfluss auf das eigene Eheschicksal hat (Diekmann und Engelhardt 1995, S. 3). Bei Frauen zeigt sich ein geringerer Übertragungseffekt. Ein noch höheres Scheidungsrisiko weisen Einzelkinder auf. Diesen fehlt der erlernte Umgang mit Konflikten durch Geschwister. Nachdem Rosenberg und Rost den bisherigen Forschungsstand aufgearbeitet hatten, führten sie, wie erwähnt, selbst eine Untersuchung von ehelichen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften durch. Sie wollten die Ursache für Trennungen finden.

Hinsichtlich der Trennungsgründe unterscheiden sich die ehelichen Lebensgemeinschaften nicht wesentlich von den Ehen. In nichtehelichen Gemeinschaften allerdings wird häufiger über Trennung nachgedacht. In vielen Fällen ist die nichteheliche Partnerschaft eine Probeehe.

Zunächst erforschten Rosenberg und Rost die subjektiven Trennungsgründe auf einer Skala von 1 (bedeutungslos) bis 5 (ausschlaggebende Bedeutung). So muss beispielsweise Untreue nicht automatisch zur Trennung führen, wenn Treue für den Partner eine eher untergeordnete Rolle spielt. Dennoch kann übergreifend gesagt werden, dass die klassischen Trennungsgründe, wie Alkohol, Untreue und körperliche Gewalt, nur noch eine untergeordnete Rolle spielen (Rosenkranz und Rost 1996, S. 31). Im Vordergrund stehen vielmehr emotionale Ursachen. Somit haben Probleme, welche die Partnerschaft selbst betreffen, an Bedeutung gewonnen. Bei beiden Lebensformen sind die wichtigsten Trennungsgründe ähnlich. Dazu gehören:

Unterschiedliche Entwicklung der Partner

• Unvermögen, über Schwierigkeiten und Probleme zu sprechen

• Routine und Langeweile

• Fehlendes Einfühlungsvermögen des Partners

Werden die Aussagen getrennt nach Geschlechtern betrachtet, fällt auf, dass die geschiedenen Ehefrauen häufig Kommunikationsprobleme, Langeweile, keine Zukunftsperspektive und fehlende Achtung als Scheidungsursache angeben. Geschiedene Ehemänner beklagen das Fehlen einer gemeinsamen Basis, fehlendes Vertrauen und Unreife des Partners (Rosenkranz und Rost 1996, S. 31). Auch der Beruf wird als Trennungsursache angegeben. Mitunter hatte der Partner auch einfach jemanden kennengelernt (Rosenkranz und Rost 1996, S. 32). Männer nennen häufiger als Frauen einfach nur den Auslöser, der letztlich zur Scheidung geführt hat, und weniger die Gründe. Solche Auslöser sind häufig Affären bzw. Nebenbeziehungen eines Partners oder beider Partner. Rosenkranz und Rost fanden zwei unterschiedliche Partnerschaftsverläufe:

Typ 1: Paare, die – auch nach längerer Beziehungsdauer – nur wenig Übereinstimmung oder gemeinsame Zukunftsperspektiven entwickelt haben. Offenbar setzt hier eine Resignation der Partner ein, die Trennung wird als (einzige) Lösung gesehen.

Typ 2: Paare haben sich – letztlich unabhängig von der Beziehungsdauer – auseinanderentwickelt. Häufig wird hier ein Mangel an Kommunikation zwischen den Partnern beklagt. Die Partner entfernen sich immer mehr voneinander und gehen schließlich als letzten Schritt entgegengesetzte Wege. (Rosenkranz und Rost 1996, S. 32)

Dabei geht die Scheidung zu über zwei Dritteln von Frauen aus. Bei der nichtehelichen Lebensgemeinschaft geht die Trennung zu 80 % von der Frau aus (Rosenkranz und Rost 1996, S. 33).

Auch der Einfluss sozialstruktureller Faktoren auf Trennungen wurde untersucht. Dabei ist herauszustellen, dass diese Faktoren bei Trennungen zunächst eine geringe Rolle spielen (Rosenkranz und Rost 1996, S. 36). So gab es in Bezug auf Bildung keine Unterschiede. Auch der berufliche Status führt nicht zur Trennung. Das Scheidungsrisiko hat also überhaupt nichts mit dem Berufsstatus zu tun. Das Alter spielt ebenfalls keine Rolle. Junge und alte Paare trennen sich gleichermaßen. Ebenso wenig konnte ein StadtLand-Gefälle nachgewiesen werden, wenngleich andere Studien ergaben, dass Ehen auf dem Land unglücklicher verlaufen. Auch die Höhe des individuell verfügbaren Einkommens konnte nicht als Scheidungsgrund ausgemacht werden. Weiterhin lassen sich keine Zusammenhänge ableiten aus dem Scheidungsrisiko und der Religionszugehörigkeit, dem Scheidungsrisiko und der Kinderzahl sowie dem Scheidungsrisiko und dem Sozialstatus (Rosenkranz und Rost 1996, S. 37).

Zusammenfassend kommen die beiden Forscher zu dem Ergebnis, dass bereits kurz nach der Eheschließung auffällige Unterschiede bestehen zwischen Paaren, die sich in den ersten Ehejahren trennen, und denen, die sich nicht trennen (Rosenkranz und Rost 1996, S. 51). Dabei sind es nicht, die sozialstrukturellen Merkmale, welche ausschlaggebend sind,

[…] wohl aber in der Zufriedenheit mit der Partnerschaft, in den persönlichen Lebensbiographien, in der Herkunftsfamilie und den Lebensorientierungen der einzelnen, wobei wir bei letzterem eine höhere Heterogamie für getrennte Paare nachweisen konnten. (Rosenkranz und Rost 1996, S. 51)

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass den emotionalen Faktoren in einer Partnerschaft heute eine viel größere Bedeutung zukommt als früher. Die Ehe bzw. Partnerschaft als Versorgungsgemeinschaft hat ausgedient und ist auch kein „Selbstläufer“. Eine Partnerschaft muss immer wieder neu belebt werden. Langeweile und Routine sind ebenso tödlich für eine Partnerschaft wie der Mangel an Respekt, Einfühlungsvermögen und Vertrauen. Eine Partnerschaft benötigt eine eigene Kultur, um auch dann, wenn die Leidenschaft vorbei ist, weiterzubestehen und mit Konflikten, die früher oder später entstehen, konstruktiv umzugehen.

 
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