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12.4.2 Ist Bindung ein bewusster Prozess?

Der Fairness halber muss man sagen, dass vieles von den eben dargestellten Zusammenhängen einer psychoanalytischen Sichtweise entspricht. Diese erklärt Glück und Beziehungsfähigkeit immer über die Kindheit – mit der Folge übrigens, dass Patienten nach einer Psychoanalyse (auf der Couch) nichts mehr von ihren Eltern wissen wollen.

Die Psychoanalyse hat bis vor einigen Jahren nicht gerade viel Anerkennung in der Psychologie erlebt. Erst langsam erkennt man wieder, was man nur durch sie erklären kann. Die moderne Psychologie war und ist in Bezug zu dem, was Freud sagte, relativ oberflächlich geworden. Aber man kann nicht jedes Problem mit Synapsen erklären oder gar mit einem Coaching-Programm wegtrainieren – auch das Lesen von Ratgeberbüchern wird niemals die unterbewussten Probleme des Lesers lösen.

Erich Fromm formulierte es treffend in seinem Vortrag „Psychologie für Nichtpsychologen“ (https://youtube.com/watch?v=IBptpTfOvh8) in Form einer Anekdote: Ein Mann geht ins Restaurant und lässt sich die Speisekarte bringen. Nach zehn Minuten kommt der Ober und fragt, was der Mann essen wolle. Daraufhin antwortet dieser, dass ihm nichts von der Speisekarte gefalle, und verlässt das Lokal. Zwei Wochen später kommt er wieder, und als ihn der Ober erkennt, fragt dieser, ob ihm denn diesmal ein Gericht zusagen würde. Darauf antwortet der Mann, dass ihm eigentlich alle Speisen gefallen, er aber damals so ablehnend antwortete, da ihm sein Psychologe riet, sich in Selbstbehauptung zu trainieren.

Als Laie würde man diesem therapeutischen Vorgehen wahrscheinlich beipflichten. Doch warum hat der Mann keine Selbstbehauptung, also kein Selbstvertrauen? Lässt sich durch solche Übungen überhaupt herstellen? Kann man sich überhaupt verändern, wenn einem die Ursache des Verhaltensproblems nicht bewusst gemacht wird? Wenn ein Ernährungscoach einer adipösen Familie zu einer neuen Ernährung rät und zunächst den Kühlschrank ausmistet, fragt er nicht nach den ursächlichen Problemen der Familie. Sicher wüssten sie mit ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen, als viel zu essen. Vielleicht haben sie es aber von ihren eigenen Eltern nie anders gesehen und als Versuch, Anerkennung und Sicherheit zu bekommen, selbst so gemacht.

Die Antworten liegen also tiefer, als es den Betroffenen und Therapeuten oft recht ist. Eine wahrscheinlich fortschrittliche Entwicklung ermöglicht die systemische Therapie. Sie beschäftigt sich vor allem mit familiären Zusammenhängen bei psychischen Problemen.

 
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