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12.4.5 Erwarten wir zu viel?

Wie gesagt, je mehr man erwartet, umso schneller ist man enttäuscht. Würden wir hingegen nichts erwarten, würden wir uns wohl gar nicht erst einen Partner suchen. Woher kommen dann die Erwartungen? Und woher weiß man, ob sie zu hoch sind?

Die Erwartungen an einen Partner ergeben sich aus vielfältigen Erfahrungsprozessen im Kontakt mit den Eltern, den Freunden und den Medien. Entscheidend ist auch, aus welcher Generation man kommt und in welcher Ecke man wohnt. Frauen aus der ehemaligen DDR haben wohl nach der Wende vor allem Partner gesucht, die finanziell gut dastehen. Das ist deshalb interessant, weil die SED immer das Bild vermitteln wollte, dass Geld letztlich unwichtig ist. Der soziale Status eines Menschen ist heute, 25 Jahre später, sicherlich auch noch wichtig, aber psychologische Eigenschaften wie Humor und Einfühlungsvermögen zählen mehr denn je. Das heißt auch, dass die Erwartungen steigen. Der Mann sollte weibliche und männliche Eigenschaften zugleich haben – einfühlsam und karriereorientiert. Die Frau muss gut aussehen und Kinder wollen.

Je mehr wir sehen, was möglich ist, desto mehr lassen wir uns auf Idealvorstellungen ein. Wahrscheinlich ist unser Leben vom sozialen Standard zwar leichter geworden (im Vergleich zur Kriegs- und Nachkriegsgeneration), von den psychologischen Anforderungen aber schwerer. Wir erkranken nicht mehr an Staublungen, aber an Burnout. Wir streiten nicht über Geld, sondern über Kindererziehung. Sicherlich ist dies ein etwas hart gezeichneter Blick auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, aber ein Problem bleiben sie trotzdem.

Im besten Falle hat man einen Partner, mit dem man über diese Dinge sprechen kann. Denn: Nur Menschen, die reden, kann man auch helfen. Und bei aller Erwartung an die Verlässlichkeit und Kulanz des Gegenübers sollte man auch seine eigenen Unzulänglichkeiten betrachten. Was hat man selbst nicht schon alles vom Beziehungskonto abgehoben? Wo war man unverlässlich und nicht loyal? Man hat immer die Neigung, die eigene Kompetenz überzubetonen und im Streitfall die Schwächen des anderen zu exponieren. Doch Beziehungen gestalten sich auch selbst, sie sind, fachlich ausgedrückt, autopoietisch. Es gibt immer zentripetale und zentrifugale Kräfte, d. h. zusammenschweißende und auseinanderdividierende Impulse. Das, was die Beziehung stärkt, ist die Erfahrung, etwas gemeinsam bewältigt zu haben, gute und schlechte Jahre erlebt zu haben. Diese Erfahrung kann man in sechs Monaten Partnerschaft voller Sex, Lobhudelei und Selbstbeweihräucherung wohl kaum erleben. Man sollte sich also Zeit geben …

 
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