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12.4.6 Muss man alles akzeptieren?

Heinz Rudolf Kunze sang einmal in einem Lied: „Was wirklich zählt, ist nur das, was zu ändern ist.“ Man streitet sich oft über Dinge, die aufgrund ihrer Unabänderlichkeit nicht lohnen, diskutiert zu werden. Trotzdem gibt es Tendenzen und Eigenschaften am anderen, die nicht tolerierbar und aus eigener Kraft nicht änderbar sind. Das können viele Dinge sein: die Alkoholsucht des Partners, die chronische Untreue, das Hobby, das 99 % der Freizeit verschlingt. Natürlich kann man auch über all diese Dinge reden. Man muss es auch – diese Chance sollte man dem Partner geben. Man kann sich bei Problemen auch Rat bei Freunden, Büchern oder Therapeuten holen. Aber man muss sich auch nicht sein Leben „versauen“. Schillerfreunde werden sofort ein weiteres seiner Bonmots auf den Lippen haben: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Die Fähigkeit zur grundsätzlichen Veränderung von Lebenswegen erfordert dabei einiges an guter Konstitution.

12.4.7 Wie kann man sein Leben ändern?

Der Psychologe Carl Rogers (1902–1987) hielt die Veränderungsbereitschaft für eine der zentralen Fragen der seelischen Gesundheit. Er machte aus ihr sogar eine Art Grundbedürfnis: die Selbstaktualisierungstendenz. Der Mensch will seine Fähigkeiten und Möglichkeiten immer auf einem optimalen Level erhalten und muss dafür Änderungen in Kauf nehmen.

Letztlich scheitern Veränderungen oft an der Angst vor dem Neuen. Das, was ich kenne, ist mir vertraut, das Neue birgt immer ein Risiko. Und es gibt die Macht der Routine. Diese beschrieb der einflussreiche Psychotherapeut und Philosoph Paul Watzlawik in einem Interview treffend: Ein Paar hat geheiratet. Am ersten Tag nach der Hochzeit kommt der Mann zum Frühstück, das seine Frau in aller Liebe bereits zubereitete. Dabei stand auf seinem Platz eine Schüssel Cornflakes. Diese mochte der Mann eigentlich nicht, er wollte aber am ersten Tag der Ehe nicht rumnörgeln und zwang sie sich runter. Am zweiten Tag bekam er wieder Cornflakes. Der Mann entschied sich, sie so lange zu essen, bis die Packung leer war. Die fürsorgliche Ehefrau hatte inzwischen aber bereits eine neue Packung gekauft. Der Mann war seit 25 Jahren verheiratet, als Watzlawik von ihm erzählte. Und – man ahnt es – er aß seitdem jeden Morgen Cornflakes.

Was hätte der Mann anders machen sollen? Gleich am ersten Morgen die Cornflakes an die Wand schmeißen? Oder erst am zweiten Tag? Beides wäre natürlich falsch gewesen. Trotzdem hätte er etwas an seinem Leben ändern können, indem er seiner Frau gesagt hätte, dass er keine Cornflakes mag. Laut Watzlawik hätte er dabei die Beziehungs- und die Sachebene beachten müssen. Er hätte also sagen sollen: „Schatz, ich danke dir, dass du dir die Mühe mit dem Frühstück gegeben hast (Beziehungsebene), aber ich mag keine Cornflakes (Sachebene)“.

Es ist möglich, am eigenen Leben etwas zu ändern, indem man seine Mitmenschen beeinflusst. Grundsätzlich sollte man Folgendes dabei beachten:

• Immer in der Ich-Form sprechen

• Die Aussage als Ausdruck des eigenen Empfindens formulieren („Ich finde, dass …“, „Ich könnte mir vorstellen, dass …“ usw.)

• Möglichst ein konkretes Ereignis oder Resultat ansprechen, das noch nicht allzu lange zurückliegt

• Nicht verallgemeinern („Du machst doch immer …“)

• Mehr loben als kritisieren (auch wenn es am Anfang schwerfällt)

• Ehrlich und wertschätzend bleiben

• Die richtige Situation abwarten (im größten Streit wählt man meistens die falschen Worte)

Das gilt sowohl für den Partner als auch die Kinder, Freunde und Kollegen. Verbirgt sich hinter dem Verhalten aber ein tiefgreifendes, meistens psychisches Problem, für das derjenige keine Hilfe annehmen will (die heute für alle psychischen Störungen möglich ist), sollte man überlegen, das Verhältnis zu dieser Person zu beenden oder zumindest „auf Eis zu legen“. In besonders harten Fällen kann dies auch den Kontaktabbruch zu den eigenen Kindern bedeuten. (Eine Patientin war wegen psychischer Überforderung nach vielen Jahren des Stresses durch ihre mehrfach verurteilten, drogensüchtigen Kinder in der Klinik; sie hatte Krebs, Depressionen und Angststörungen. Ihre volljährigen Kinder wollten nicht ausziehen und klauten ihr Geld und ihr Beruhigungsmittel. Erst als einer der Söhne aus Unachtsamkeit oder Wut das Haus abfackelte, kam es zum Bruch.)

„Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht!“, sagt der Volksmund. Wenn ich mir selbst vertraue und davon überzeugt bin, nach einer Trennung nicht in ewiger Einsamkeit und Lethargie dahinzufristen, kann ich leichter einen Umbruch schaffen. Der stabile Kontakt zu Freunden und Verwandten, aber auch die erhaltbare Eigenständigkeit durch finanzielle Souveränität können hier zuträglich sein. Letztlich geht es immer wieder um Ressourcen, d. h. Eigenschaften und Vorteile, die entweder in der eigenen Person oder dem eigenen sozialen und wirtschaftlichen Umfeld begründet sind. Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich noch nicht die nahezu 100 %ige Sicherheit bei meinem Partner verspüre, für immer mit ihm zusammen sein zu können, sollte ich mir also etwas von der Souveränität erhalten: den eigenen Freundeskreis, den eigenen Job, den eigenen Verein, den eigenen Charakter. Letzteres empfiehlt sich jedoch auch in einer stabilen Partnerschaft, solange die Interessen für mein

Leben außerhalb der Ehe nicht überhand nehmen.

 
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