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12.5.2 Ist die familiäre und psychische Entwicklung planbar?

Betrachtet man die Familie als soziales System, das bereits beim Zusammenschluss zweier Menschen zu einem Paar beginnt, gelten ähnlich entropische Prinzipien wie in der psychischen Entwicklung des Einzelnen. Lange Zeit ging man in der Psychologie von einer Entwicklung durch genetische Prozesse aus. Dabei sind Umwelterfahrungen zweitrangig oder gar unwichtig. Dieser sogenannte Endogenismus gilt zum Teil bei der Intelligenz und dem Charakter. Später kam der Exogenismus dazu: Er behauptete, dass nur Umwelt- und Lernerfahrungen in der Entwicklung wichtig sind, die Gene hingegen unwichtig. Dies gilt z. B. für Interessen und Phobien. Und dann gab es da noch die Autogenisten, die eine selbstregulierte Steuerung der psychischen Entwicklung als möglich und richtig erachteten: Ich werde, was ich werden will.

Leider – oder zum Glück – hat keiner von ihnen Recht behalten, denn mittlerweile geht man in der Psychologie von einer wechselwirkenden Dynamik aller Faktoren aus. Die Gene beeinflussen den Charakter, der Charakter die Umwelt, die Umwelt die Gene und den Charakter, und der Mensch verändert alles. Panta rhei („Alles fließt“) lautet die Botschaft Heraklits. Wenn er gewusst hätte, was er damals schon wusste …

Die zielgerichtete Steuerung der psychischen Entwicklung der eigenen Person und der der Familienmitglieder ist also unmöglich. Man könnte das Gleichnis der Chaostheorie heranziehen: In einem großen Glaskasten befinden sich Hunderte Mausefallen; auf jeder gespannten Falle liegt ein Tischtennisball. Werfe ich nun einen Ball von außen in den Kasten, beginnt eine nahezu unberechenbare Kettenreaktion. So ist unser Leben. So geht es unseren Partnern, Kindern, Freunden usw. Könnte man nun sagen, dass es ja sowieso vermessen wäre, solche Ansprüche an Planungssicherheiten zu stellen? Nüchtern betrachtet schon, auf der anderen Seite gehen fast alle psychischen Bestrebungen des Menschen in Richtung Zukunftsplanung, Sicherheit, Vorhersagbarkeit. Die Zukunft vorherzusagen, sei das größte Bedürfnis des Menschen, sagte der fast völlig in Vergessenheit geratene Persönlichkeitsforscher George Kelly einmal. Der Mensch schaut den Wetterbericht, liest Ratgeber, befragt Orakel. Der Erfolg von kommerziellen Horoskopanbietern und Kartenlesern ist teils erschreckend. Hier ließe sich die Anekdote vom Mann anbringen, der zur Wahrsagerin ging, an die Tür klopfte und, als diese fragte, wer da sei, das Haus enttäuscht wieder verließ. Sowohl esoterische als auch exoterische (rationale) Prognosen sind also fehlerbehaftet. Das Leben ist ein einziges Risiko. Woran werden wir erkranken? Werden meine Kinder auf das Gymnasium gehen? Wird mein Partner jemals untreu sein? Werde ich im Alter noch eine glückliche Familie haben? Man könnte auf diese Fragen lapidar mit Erich Kästner antworten, der

einmal sagte: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

 
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