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12.5.3 No risk, no fun?

Wir stehen also irgendwann vor der Wahl, ein scheinbar sicheres Leben als Single ohne Stress mit der Frau, mit genügend Geld auf dem Konto und abseits schreiender Kinder zu führen – oder all diese Optionen zu missachten und uns ins Abenteuer Familie stürzen. Oder, und das wäre die dritte Option, wie der buridanische Esel, der zwischen zwei gleich großen Heuhaufen verhungerte, in ewiger Verzagtheit zu fristen. Die meisten Singles sind es eher nicht aus Überzeugung. Die meisten lehnen eigene Kinder auch nicht gänzlich ab. Aber sie machen ihre Entscheidungen an Wunschsicherheiten fest, die nicht erfüllbar sind. Der Partner darf einen nie verlassen, der Chef während der Schwangerschaft nicht entlassen, die Wohnung zu dritt nicht zu klein werden, die Kumpels einen aus dem regelmäßigen Saufgelage nicht ausplanen, der Bauch die Dehnungsstreifen nicht behalten usw.

Es gibt also in Familiendingen keinen Cut-off-Punkt oder einen Return on Investment, wie es der Betriebswirt nennt. Also jenen Zeitpunkt, ab dem sich die Investition eindeutig rentiert. Der einfache Mensch hat mittlerweile mit Politikern gemein, Entscheidungen oft in absoluter Ungewissheit treffen zu müssen. Das heißt, Entscheidungen sind nie vollkommen richtig, aber auch nie völlig falsch. In der Psychologie spricht man darum von Ambiguität. Man könnte auch sagen, gradualistischer Ambiguität. Das bedeutet, dass Dinge und Entscheidungen sowohl gute als auch negative Eigenschaften und Resultate haben. Diese sind aber nicht absolut, sondern graduell. Es sind Feinheiten, die einer Sache ein positives oder negatives Attribut anhaften. Und diese Feinheiten gilt es, entweder zu fokussieren oder zu vernachlässigen. Womit wir beim nächsten Fachbegriff wären: der Dissonanzreduktion. Eines ist in der Psychologie so sicher wie das Amen in der Kirche: Man kann nach einer Entscheidung entweder positiv oder negativ über seine Reaktion nachdenken, meist ist die Bewertung aber zunächst negativ. Positiv wird sie, wenn man die negativen Seiten ignoriert. Erst so wird man glücklich trotz familiärer Streits. Man verlässt sich darauf, den ganzen Mist irgendwann vergessen und an die positiven Erlebnisse denken zu können. Denn so macht es unser Gehirn nahezu autonom: das Schlechte vergessen, um mehr Platz für das Gute zu schaffen. Und wenn man gar nie erst versucht hat, das Risiko Familie einzugehen, wird man im Alter umso mehr verzweifeln, früher so zögerlich gewesen zu sein. Die Praxis zeigt, dass fast alle Pflegepatienten mit der Situation unzufrieden sind und waren, keine Kinder gehabt zu haben

– egal ob dies medizinische Gründe hatte oder aus Überzeugung geschah.

Leider wird den Menschen in der Sache der Entscheidungsnotwendigkeit einiges vorgegaukelt, was den Prozess der Familiengründung in Teilen der Mittel- und vor allem Oberschicht immer mehr hinauszögert. Die Medizin verspricht, auch mit Mitte 40 oder Anfang 50 noch problemlos Mutter werden zu können. Dabei darf man nicht vergessen, dass es sich bei den medienpräsenten Beispielen vielfach um Prominente handelt, die über viel Geld verfügen (die Kosten einer künstlichen Befruchtung betragen mehrere Tausend Euro) und in Ländern leben, wo andere gesetzliche Regelungen und Möglichkeiten bestehen (z. B. ist die Leihmutterschaft in Deutschland illegal). Ins Bewusstsein ließe sich hier auch das seit 2014 fragwürdige Bekanntheit erlangende Social freezing rufen. Das Einfrieren von Eizellen bis die Karriere endlich gepackt ist. Wenn der Arbeitgeber hier finanziell Unterstützung anbietet, entsteht schnell ein gewisser Druck, das Angebot zu nutzen. Selbst leisten könnten es sich aber sowieso nur Besserverdienende. Vielleicht sollte man mit dem Heiraten und Kinderkriegen also gar nicht allzu lange warten. Vielleicht kann man mit dem Partner auch die meisten Probleme, die das gegenseitige Vertrauen geschmälert haben, im Vorfeld ausräumen (Paartherapie, Gespräche miteinander). In keinem Fall sollte eine Art Bäumchen-wechsel-dich-Mentalität aufkommen und man den Partner und ggf. die ganze Familie aufgrund kleinerer, lösbarer Probleme verlassen – nach der Devise „Beim nächsten Partner wird alles besser“. Für Männer ist die Aufkündigung einer Partnerschaft allein schon biologisch einfacher. Nach dem Sex können sie die Frau wieder verlassen, die Frau aber, im Falle einer Schwangerschaft, ist jahrelang auf die Unterstützung eines Partners angewiesen – nicht nur psychologisch, auch wirtschaftlich. Und ja, auch heutzutage noch. Leider wird dies allein hormonell schon nach dem Geschlechtsverkehr beeinflusst: Der Mann hat nach dem Orgasmus mehr Testosteron im Körper, wodurch er eher das Bedürfnis hat, alleine zu sein oder von der Frau wegzugehen. Die Frau schüttet nach dem Orgasmus, das auch Kuscheloder Treuehormon genannte Oxytocin aus, will also Nähe und Geborgenheit. Die Lösung wäre quasi für die Frau, keinen Orgasmus zu haben oder einen vorzutäuschen.

 
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