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2.6 Sonderfälle

Im formalen Bildungssektor gibt es für die dargestellten Bildungsbereiche neben dem regulären Schulbetrieb einige Sonderfälle, die hier nicht eingehend erörtert aber dennoch kurz skizziert werden sollen. Es handelt sich dabei um religiöse Bildungseinrichtungen, Bildung für Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen, Fernunterricht sowie ausländische und internationale Schulen.

Religiöse Bildungseinrichtungen

Als bedeutendster Akteur im Bereich islamisch geprägter Bildung ist das Fethullah-Gülen-Netzwerk zu nennen, das zwar offiziell keine Schulen in der Türkei betreibt, dort allerdings seinen Ursprung hat und weltweit in über 80 Ländern schulische Einrichtungen leitet. Obwohl Gülen-Schulen offiziell aufgrund rechtlicher Schwierigkeiten, die mit dem Verbot religiöser Schulen in der Türkei einhergehen, nicht existieren, ist der Einfluss des Gülen-Netzwerkes auf zahlreiche schulische Einrichtungen in der Türkei offensichtlich und ein viel diskutiertes Phänomen in der türkischen Gesellschaft. Der Analyse Agais folgend, kann angenommen werden, dass seit den 1980er Jahren durch die Anhänger Gülens in der Türkei zirka 150 Privatschulen und 150 dersane sowie eine wesentlich höhere Anzahl an Wohnheimen für Schüler und Studenten entstanden sind.

Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen

"Perhaps the most troubling aspect of the Turkish educational system concerns those children who require special education." Im Rahmen der Bildungsreformen von 1997 wurde zwar gesetzlich festgelegt, dass für Menschen mit besonderen Bedürfnissen gleiche Chancen und Teilnahmebedingungen im Bildungswesen geschaffen werden müssten, jedoch scheint das türkische Bildungssystem von diesem Ziel noch weit entfernt. Verlässliche Daten sind aufgrund unterschiedlicher Definitionen besonderer Bedürfnisse und divergierender Zahlen sowie mangelhafter wissenschaftlicher Bearbeitung schwer zu erhalten. Laut Gümüş hatten im Schuljahr 2007/08 von zirka 250 000 Kindern mit physischen und psychischen Benachteiligungen im Alter von fünf bis 14 Jahren lediglich etwa 80 000 Kinder Zugang zu schulischen Einrichtungen. Von diesen war der größte Teil in regulären Schulen untergebracht, deren Kapazitäten für integrativen Unterricht aufgrund der beschriebenen Problematik überfüllter Klassen und unzureichender Lehrendenzahl jedoch fragwürdig erscheint.

Fernunterricht

Fernunterricht wird im Primar-, Sekundar- und Hochschulbereich angeboten. Aufgrund hoher Raten von Schulabbrechenden und Menschen, die lediglich fünf Jahre die Grundschule besucht haben, wird das Angebot des Selbststudiums meist als weiterbildendes Angebot von Erwachsenen genutzt, die ihre Bildungslaufbahn abgebrochen haben oder aufgrund geografisch bedingter Schwierigkeiten keinen Zugang zur Schulbildung hatten. Vor allem weibliche Bildungsteilnehmer mit Kindern sollen von den Angeboten profitieren können. Außerdem bietet das Programm Bildungschancen für im Ausland lebende türkische Staatsbürger und ein wachsendes Angebot des universitären Fernstudiums. Mit Blick auf die Umsetzung lässt sich im Fernunterricht-Angebot des Ministeriums für Nationale Bildung für die Primar- und Sekundarstufe feststellen, dass die Zahl der sich jährlich neu einschreibenden Schüler zwar stetig steigt und sich aufgrund computergestützter Programme noch einmal vervielfacht hat, die Zahl der jährlichen Abschlüsse jedoch diesem Trend nicht folgen kann.

Internationale und ausländische Schulen

Neben staatlichen und privaten türkischen Schulen werden vor allem in den Metropolen Istanbul und Ankara auch internationale und ausländische Schulen betrieben. Diese sind entweder an Botschaften angegliedert und damit dem Lehrplan des jeweiligen Botschaftslandes verpflichtet oder es handelt sich um private Institutionen, die zumeist internationale Schulen betreiben. Als Beispiel sei die British International School Istanbul genannt, eine nach britischem Lehrplan unterrichtende Privatschule, die Vor-, Primar- und Sekundarbereich mit erweitertem Sport- und Freizeitangebot anbietet. Aufgrund der Gebühren von zirka 25 000 US-Dollar für die ersten fünf Grundschuljahre dürfte diese jedoch nur einem extrem kleinen Kreis von Interessierten zugänglich sein.

 
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