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2.1 Der tiefe Staat: Realität und Fiktion

Zu Beginn einer Auseinandersetzung mit "Kurtlar Vadisi Pusu" muss zunächst betont werden, dass die Art und Weise, wie politische Ereignisse in der Serie erzählt werden, selten eindeutig zu interpretieren ist. Um ein Verständnis für die Serie zu gewinnen ist es daher hilfreich, plausible Parallelen zwischen Charakteren der Serie und realen Personen zu ziehen bzw. auf Hinweise der Produzenten und Schauspieler zurückzugreifen – selbst wenn Übereinstimmungen nie eindeutig bestätigt werden. So antwortete etwa der Hauptdarsteller Necati Şaşmaz in einem Interview 2009 auf die Frage, ob sein Gegenspieler in der Serie, der Agent İskender Büyük, in der Realität General Veli Küçük, einem Hauptverdächtigen im Ergenekon-Prozess entspreche:

"Kurtlar Vadisi yalın halindeyken mafyayı anlatıyordu. Mafyayı anlatırken de ›Şu şuna benziyor, bunu buna benziyor‹ deniliyordu. Kurtlar Vadisi Pusu'nun içerisinde de dış mihrapların yönlendirilmesiyle oluşan güç odakları olan köklü aileler vardı. O aile

›Bu mu, şu mu‹ diye tartışmalar olmuştu. Polat için ›Abdullah Çatlı mı?‹ diyorlardı.

›Avrupa'daki Çakal mı, 007 mi?‹ […] Birçok karakteri birleştirip senaristlerimiz bir şey yazıyor. Nasıl geçmişte, hikayelerde bir şeyler anlatılırken aslandı, tavşandı, kurttu, tilkiydi diye örneklendiyse günümüzde de Polat'ın, İskender'in, Ömer Baba'nın hepsinin sembolize ettiği değerler var.

("In seiner Originalversion erzählte Kurtlar Vadisi von der Mafia. Als wir von der Mafia erzählten, wurde auch gesagt: ›Jener erinnert an jenen, dieser an diesen‹. In Kurtlar Vadisi Pusu gab es wichtige Familien, die das Ziel von Kräften waren, die vom Ausland gelenkt wurden. Es wurde diskutiert, ob jene Familie, diese sei oder jene. Sie sagten: ›Ist Polat Abdullah Çatlı?‹ ›Ist er der europäische Schakal oder 007?‹ […] Unsere Drehbuchautoren schreiben einige Charaktere zusammen. So wie früher etwas in Geschichten erzählt wurde und es einen Löwen gab, einen Hasen, einen Wolf, einen Fuchs, so stehen Polat und Ömer baba heute auch für bestimmte Werte.")

Şaşmaz' zuletzt gemachter Vergleich von "Kurtlar Vadisi" mit einer Fabel ist bemerkenswert und löst bestimmte Erwartungen aus. Schließlich zeichnen sich Fabeln als fiktive Erzählungen dadurch aus, dass sie wahre Konflikte nachzeichnen, in denen Tiere mit menschliche Charakterzügen und Persönlichkeiten die Hauptrolle übernehmen. Dabei wird dem Leser stets eine moralische Lehre für das alltägliche, reale Leben vermittelt. Demnach möchte also auch "Kurtlar Vadisi"

"Wahres" über Menschen und die Realität vermitteln. Doch welches sind diese Wahrheiten, über die die Serie über die reale Menschen- und Persönlichkeitsebene hinaus die Zuschauer informieren und aufklären will?

Auch hierfür dient Şaşmaz' Zitat als geeignete Quelle. Denn während er mit dem "Schakal" und "007" auf zwei weitere fiktive – und damit hier vernachlässigbare – Agenten verweist, nennt er mit Abdullah Çatlı auch eine real existierende Person, die ihrerseits zur Hauptfigur eines der größten Polit-Skandale in der jüngeren türkischen Vergangenheit wurde: Nachdem am 3. November 1996 nahe der Kleinstadt Susurluk in der Nordwesttürkei ein schwarzer Mercedes mit einem Lastwagen kollidierte und drei der vier Autoinsassen starben, kam heraus, dass unter den Toten neben einem hohen Polizeioffizier auch jener Abdullah Çatlı, ein international gesuchter Krimineller, und seine Geliebte gewesen waren. Der vierte Insasse, ein Parlamentsabgeordneter, überlebte in dem mit Waffen und falschen Papieren gefüllten Pkw. Der Unfall oder vielmehr die Zusammensetzung dieser "Reisegruppe" sowie ihr verdächtiges Gepäck lösten viele Fragen in der Türkei aus, etwa was ein gewählter Volksrepräsentant zusammen mit einem international gesuchten Verbrecher zu tun habe und wer in der Armee ihm zu seiner falschen Identität verhalf. Der Vorfall sollte nie aufgeklärt werden, stattdessen starb sogar ein Parlamentarier, der mit der Aufklärung der Zusammenhänge beauftragt war, später unter ungeklärten Umständen. Erstmals war aber offensichtlich geworden, dass es in der Türkei Strukturen gab, in denen Politik und staatliche Sicherheitsbehörden mit der organisierten Kriminalität kollaborierten.

In der Folge führten der Vorfall und die sich daran entzündende öffentliche und mediale Diskussion nicht nur dazu, dass nun auch andere Ereignisse plötzlich aus einem neuen Blickwinkel betrachtet wurden. Vielmehr schien nun auch offenkundig zu werden, weshalb alle bisherigen Versuche solchen Vorfällen nachzugehen, immer im Sand verlaufen waren und die Drahtzieher nie belangt und dingfest gemacht werden konnten: Der Schluss lag nahe, dass es neben dem etablierten politischen System einen real existierenden "Staat im Staat" oder "tiefen Staat" ("derin devlet") in der Türkei gibt, als dessen operatives Organ ein geheimes Netzwerk namens Ergenekon gilt, das aus staatlichen und nicht-staatlichen, legalen und illegalen Akteuren besteht.

In dem oben erwähnten Interview suggeriert Şaşmaz also einen direkten Bezug zwischen der fiktiven Handlung in "Kurtlar Vadisi" und dem real existierenden "tiefen Staat" stellt sogar einen Zusammenhang zwischen sich selbst in seiner Rolle als Polat Alemdar und Abdullah Çatlı her: So ist Alemdar der Protagonist im halb-legalen, lebensgefährlichen Spiel zwischen den Mächtigen in der schmutzigen türkischen und internationalen Politik. Zusammen mit seinen Kollegen Memati Baş und Abdülhey Çoban stellt er das operative Agententeam einer ihrem Selbstbild nach nicht-offiziellen, aber an Legitimität jeder staatlichen Organisation gleichberechtigten, wenn nicht sogar überlegenen Organisation namens "Kamu Güvenliği Teşkilatı" ("Öffentliche Sicherheitsorganisation", KGT). Diese wiederum arbeitet zwar selbstständig, erhält in der Serie dennoch auch Befehle und Anleitung von einer anderen im Hintergrund agierenden Organisation, den so genannten "İhtiyarlar" ("die Alten"), die ihrerseits unabhängig von der staatlichen Politik agieren und sich – wie Polat – nur für "das Gute" einsetzen. Insgesamt ergibt sich so zunächst das Bild einer im Geheimen und damit abseits von staatlicher und gesetzlicher Kontrolle agierenden, quasi verbrecherischen Organisation und ihrer Agenten, die Teil eines "tiefen Staates" sind. Zu ihren Aufgaben gehört also vor allem das Eliminieren von Feinden hinter dem Rücken von Polizei, Justiz und Öffentlichkeit. Dabei können sie auf persönliche Allianzen mit staatlichen Sicherheitsorganen bauen – "Susurluk" in Reinform.

Allerdings ist es mit Blick auf die Frage nach den Auswirkungen der Realitätsrekonstruktion in "Kurtlar Vadisi Pusu" auf die türkischen Zuschauer von großer Bedeutung, darauf hinzuweisen, dass die Serie die so dargestellten Strukturen des "tiefen Staates" nicht kritisiert. Stattdessen wird die Existenz des tiefen Staates durch Staatsfeinde im In- und Ausland gerechtfertigt. Wer oder was mit diesen Feinden "konkret" gemeint ist, verdeutlicht folgender Dialog der beiden Weggefährten Alemdars, Erhan und Hikmet. Dabei geht es um eine andere tiefstaatliche Organisation, ein Netzwerk namens "Gladio", welches der "KGT" feindlich gegenüber steht und von ihr bekämpft wird:

Hikmet: "Latince kısa kılıç demek. Amerika II dünya savaşı sonrasında özellikle Avrupayi komünist tehlikeye karsi örgütledi. Bu komünistler sizi işgal edecekler sizinde buna direnecek, bunu engelleyecek silahlı gücünüz yok deyip her ülkenin karar mercilerinde kendi yapılanmalarını oluşturdular bunun İtalyadaki adı gladyo."

Erhan: "Türkiyedeki adı?"

Hikmet: "12 eylülden önce kontrguerilla dendi şimdiki ismi gazetelerde okuyorsun işte ama kesin bir isim deşifre edilmedi çünkü yapılanma deşifre edilmedi."

(Hikmet: "Auf Latein bedeutet [Gladio] ›Kurzschwert‹. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Amerika vor allem Europa gegen die kommunistische Gefahr organisiert. Sie sagten, die Kommunisten werden euch besetzen, ihr habt nicht genug militärische Macht, um Widerstand zu leisten, eine Besatzung zu verhindern. Und so schufen sie an den Entscheidungsorten aller Länder ihre eigenen Organisationen. In Italien heißt diese Organisation Gladio."

Erhan: "Und der Name der Organisation in der Türkei?"

Hikmet: "Vor dem 12. September [1980] wurde sie Konterguerilla genannt, ihren heutigen Namen liest du ja in der Zeitung. Ein bestimmter Name wurde jedoch nie dechiffriert, da die Organisation selbst nie dechiffriert wurde.")

Gladio steht in der Serie also für die Versuche der USA, die Türkei (sowie damit auch den Nahen und Mittleren Osten) unter ihre Kontrolle zu bringen. Damit haben die Produzenten erneut eine direkte Verbindung zur realen historischen Vergangenheit der Türkei geschaffen. Sie erklären die Existenz "zwielichtiger Strukturen" oder gar eines "tiefen Staates" mit den so genannten stay-behind-operations der USA bzw. der NATO während des Kalten Krieges, mittels derer der Kommunismus aus den Ländern Mittel- und Südeuropas – auch mit illegalen Mitteln – zurückgedrängt werden sollte. Auch wenn mittlerweile die Geschichtsforschung erste Ergebnisse zu diesen realen Operationen vorlegen konnte, dominiert etwa in der Türkei in diesem Bereich noch verschwörungstheoretisches "Wissen". So verweist etwa auch Jenkins auf den türkischen Journalisten Erol Mütercimler, der im Rahmen der Nachforschungen zum Unfall in Susurluk behauptete, er habe Informationen darüber, wonach die US-amerikanische CIA eine Geheimorganisation namens Ergenekon nach 1960 in der Türkei aufgebaut habe. In ihrer Nachfolge sollen, so Mütemcimler, auch heute noch Organisationen tätig sein, die in der Südosttürkei Terror verbreiteten, insbesondere indem sie mit militanten rechten Gruppen kooperierten.

Unabhängig davon, ob Gladio oder Ergenekon Produkte fiktionaler Verschwörung oder plausible Realitätskonstruktionen sind: In der Serie werden die komplexen Beziehungen nicht weiter erläutert. Stattdessen steht Gladio für den Ursprung allen Übels und ist somit eine Variante des Ergenekon-Netzwerks, mit dem es in der Art der Vorgehensweise und in seinen Strukturen stark übereinstimmt. Allerdings unterscheiden die Macher der Serie darin, wie Gladio seine kriminellen Machenschaften begründet von der Art und Weise der Berechtigung, die für Ergenekon angenommen wird. So steht Gladio – aus nationalistischer Perspektive – für die Bedrohung der Türkei von außen und stellt einen "verlängerten Arm der Amerikaner" dar. Gladio ist der Feind, der ins Innere eingedrungen ist und von jedem Patrioten – also auch denen, die Teil des Ergenekon-Netzwerks sind – beseitigt werden müsste.

 
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