Kontexte situativer Identitätsformation

Erachtet man die vorgestellten Ansätze situativer Ethnizität auch für quantitative Untersuchungen als wichtig, müssten soziale Situationen ausgemacht werden, in denen die ethnische Herkunft formiert wird. In diesem Zusammenhang nimmt die Salienz der Ethnizität und damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Herkunft in einer Vielzahl von Kontexten bedeutsam wird, eine zentrale Position ein. Dabei ist neben der tatsächlichen sozialen Distanz vor allem das empfundene Verhalten der Mehrheitsgesellschaft ein Prädiktor für das Ausmaß identifikativer Integration von Migranten. Wie sich sowohl im direkten Vergleich zu den russischsprachigen Studienteilnehmern, als auch in anderen Untersuchungen zeigt, sind Türkeistämmige in Deutschland stärker als die meisten anderen Migrantengruppen mit sozialer Distanz konfrontiert. Dies ist ein weiterer Grund, dass sich diese für die Diskussion der identifikativen Integration besonders eignen. Für die Erfassung diskriminierender Handlungen erscheint nach Feagin eine Gliederung in unterschiedliche Formen der Diskriminierung sinnvoll. Die Bandbreite reicht hierbei vom Wechseln der Straßenseite über benachteiligende Handlungen bis zur Androhung und Anwendung von Gewalt. Dabei liegt der Fokus im Folgenden auf weniger offensichtlichen Handlungen, weswegen offene verbale oder körperliche Attacken, sowie deren Auswirkungen außen vor gelassen werden. Angesichts der vorliegenden Daten erscheinen zumindest drei Kontexte relevant, in denen Handlungen der Mehrheitsmitglieder die Ausgestaltung der identifikativen Integration von Migranten beeinflussen. Diese Liste beansprucht jedoch keine Vollständigkeit.

An erster Stelle kann an den Alltag, wie z. B. Einkäufe oder die Erwerbstätigkeit gedacht werden. Beispielhaft hierfür lässt sich folgende Aussage zitieren:

"Also es waren bei meiner Klasse schon Kinder (,) Mädchen, die mit Kopftuch gekommen sind und das war schon ein Problem für den (…) bei den meistens Kinder, bei den deutschen Kinder hat das gestört irgendwie (,) ich weiß nicht warum" (weiblich, geboren 1971, 1,5 Generation).

Zweitens können institutionelle Akteure eine empfundene Benachteiligung verursachen. Schulen und Behörden erscheinen hier besonders relevant. Folgende Antwort auf die Frage, in welcher Situation die Teilnehmerin das Gefühl hatte, sich zwischen der Türkei und Deutschland entscheiden zu müssen, veranschaulicht dies:

"(…) wenn man lange arbeitslos ist (,) ist natürlich schwer (…) also Behörden also Hartz 4 (…) Jobcenter (.) die dich also letzte Dreck behandelt" (weiblich, geboren 1967,

1. Generation).

Drittens ist auch die öffentliche Wahrnehmung, neben der Berichterstattung von Presse und Medien, vor allem in Form von Äußerungen politischer Eliten, bedeutend für die Identifikation von Migranten. Auch hier zeigen die empirischen Ergebnisse, dass sich die Türkeistämmigen mit den größten Hindernissen konfrontiert sehen. Dies wird deutlich, wenn selbst folgende Teilnehmerin, die von sich selber sagt, "laizistisch aufgewachsen" zu sein, in Bezug auf die Integrationsdebatte in Deutschland meint:

"(…) die Debatte ist total schief (,) also fi ich (.) ist ja keine Integrationsdebatte mehr/das ist ja schon eine Islamdebatte fi ich (.) das geht ja immer nur um Moslems (…) bei Hart aber Fair oder bei Maischberger sind immer irgendwelche Türken und es wird immer über Türken diskutiert, wenn es um die Integration geht" (weiblich, geboren 1981, 2. Generation).

Trotz einer offen vertretenen Distanz, sowohl zum türkischen Staat als auch zum Islam, empfindet die Befragte das Thema der Integration und den öffentlichen Diskurs um dieses als störend. Wie die dargestellten Zitate verdeutlichen, ist die Salienz der ethnischen Herkunft für Türkeistämmige in Deutschland sehr hoch. Aus diesem Grund findet sich auch nur für wenige Teilnehmer eine ausschließlich symbolische oder optionale Ethnizität. Für die meisten spielt ihre Herkunft auch im Alltag auf die eine oder andere Weise eine Rolle und behindert damit sowohl die kognitive als auch die affektive Identifikation mit Deutschland.

 
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