Diskussion

Die dargestellte Studie dient dem Zweck, die Identifikation Türkeistämmiger in und mit Deutschland zu beleuchten. Dabei muss beachtet werden, dass die kleine Fallzahl von 24 Teilnehmern keine inferenzstatistischen Schlüsse zulässt und die Befunde somit lediglich die Grundlage zukünftiger Forschung bilden können. Die Ergebnisse zeigen, dass Türkeistämmige in Deutschland mit Hindernissen konfrontiert werden, die ihre identifikative Integration behindern. Die Salienz ihrer ethnischen Herkunft beeinflusst sowohl die kognitive, als auch die affektive Identifikation. Dennoch äußern die meisten Befragten sich in ihrem Verhalten Deutschland angenähert zu haben. Ob dies tatsächlich der Fall ist oder lediglich so empfunden wird, lässt sich nicht nachvollziehen, da die Einschätzungen über das individuelle Verhalten auf Vermutungen der Befragungsteilnehmer beruhen. Die Grundlage bilden dabei die Stereotype der interviewten Personen über Deutsche ohne Migrationshintergrund. Für eine Bewertung der tatsächlichen Entwicklung müssten als Referenzkategorie auch Personen ohne Migrationshintergrund untersucht werden. Besonders exponiert empfinden die Teilnehmer dabei die Unterschiede ihres Verhaltens im Kontrast zu Personen, die in der Türkei leben.

Für die kognitive Identifikation und damit die Kategorisierung ihrer Herkunft, zeigt sich ein ganz ähnliches Bild. Bei der Einschätzung, ob sich Türkeistämmige als Deutsche betrachten, reflektieren sie neben ihrer eigenen Einschätzung auch die Salienz ihrer ethnischen Herkunft. Die Befunde der Studie weisen in Einklang mit den dargestellten US-amerikanischen Studien darauf hin, dass sich die meisten Türkeistämmigen in Deutschland sowohl als Türken als auch als Deutsche ka-tegorisieren. Darüber hinaus können auch supranationale Einheiten, wie Europa, oder lokale Bezugspunkte, wie der Wohnort, Grundlage einer identifikativen Integration bilden.

Es zeigt sich jedoch im Gegenzug auch, dass bei der kognitiven, anders als bei der affektiven Identifikation, eine vollständige Abwendung von Deutschland möglich ist. Während die Übernahme gewisser Normen und Verhaltensweisen unumgänglich erscheint und lediglich in der Intensität variiert, ist es durchaus möglich sich rein kognitiv vom Aufnahmeland abzuwenden. Hier zeigen sich die für Türkeistämmige in Deutschland besonders ausgeprägten, wechselseitigen Interdependenzen zwischen den drei zentralen Aspekten des Beitrags: Salienz, kognitive und affektive Identifikation. Die Interviews zeigen, dass eine empfundene Distanz zu Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft in bestimmten Situationen Einfluss auf die Identifikation nimmt. Dabei kann neben der kognitiven auf lange Sicht auch die affektive Identifikation eingeschränkt werden, wenn es zu einem bewussten Rückzug in ethnische Enklaven kommt. Diese Wechselwirkung zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung lässt sich in Deutschland für die Türkeistämmigen besonders deutlich nachzeichnen. Die qualitativen Ergebnisse implizieren daher, dass die genannten Aspekte auch für quantitative Studien berücksichtigt werden müssen, um valide Aussagen über die Identifikation Türkeistämmiger in Deutschland treffen zu können. Hieraus ergeben sich Probleme, die im Folgenden diskutiert werden.

 
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