"Ich finde, wenn das nicht aus einem Menschen selbst raus kommt, hat niemand einen schlechten Einfluss auf dich" –Empirische Rekonstruktionen von Orientierungen zu sozialer Ordnung in Deutschland und der Türkei

Steffen Amling, Annegret Warth

Soziale Ordnung in Deutschland und der Türkei – Perspektiven und theoretische Bezüge

Die Annahme, dass es Unterschiede zwischen der gesellschaftlichen oder sozialen Ordnung in der Türkei und in Deutschland gibt, ist in der öffentlichen Diskussion etwa um den EU-Beitritt der Türkei sehr präsent. Als Beleg hierfür gelten nicht zuletzt die in Deutschland vermeintlich bereits weiter vorangeschrittenen Veränderungen in den Sozialbeziehungen, die unter dem Stichwort der "Individualisierung" in den letzten Jahrzehnten sowohl in den Sozialwissenschaften als auch in der deutschen Öffentlichkeit breit diskutiert wurden. Der Begriff verweist in erster Linie auf einen "gesamtgesellschaftliche[n] Prozess der Auflösung von bzw. Ablösung der Menschen aus traditionellen Lebensformen und gesellschaftlichen Rollen", der mit einer zunehmenden "Pluralisierung von Lebensstilen und Lebensformen" einhergeht. Die empirischen Befunde, die zur Stützung dieser These herangezogen werden, sind allerdings umstritten, insbesondere lässt sich fragen, ob eine Ablösung der Menschen aus traditionellen Lebensformen also ein Prozess der gesellschaftlichen Differenzierung notwendiger Weise mit einer Pluralisierung von Lebensstilen und Lebensformen einher geht und wie diese Annahme empirisch überprüft werden kann.

Der vorliegende Artikel geht in dieser Hinsicht zwar einerseits von der Annahme aus, dass es in der Türkei sowie auch in Deutschland immer noch einen erheblichen Einfluss sozialer Strukturen auf die Ausgestaltung der Sozialbeziehungen gibt, der nicht zuletzt mit einer ungleichen Verteilung von Ressourcen korrespondiert. Andererseits folgen wir der Perspektive der Ethnomethodologie, die von einer "Gemachtheit sozialer Tatsachen" ausgeht und die Bedeutung betont, die die "Aufhellung des Alltagswissens der Gesellschaftsmitglieder" für ein Verständnis der Konstruktion der sozialen Realität hat. Im Fokus des Artikels stehen die Prozesse der wechselseitigen Zuschreibung von "sozialer" und "personaler Identität" und die darin produzierten (stereotypen) Verhaltenserwartungen, verweisen doch gerade die Formen, die diese Prozesse annehmen, auf die Möglichkeit der Ablösung der Menschen aus traditionellen Lebensformen und gesellschaftlichen Rollen: Sie regeln die Herstellung von sozialer Zugehörigkeit und Differenz und bedingen so die Möglichkeit der Entwicklung und Behauptung individueller Handlungsspielräume. Mit Blick auf das Alltagswissen folgen wir zudem der praxeologischen Wissenssoziologie und gehen davon aus, dass den genannten Prozessen nicht hauptsächlich reflexiv verfügbare Meinungen oder Einstellungen zugrunde liegen, sondern vielmehr das, was Karl Mannheim "a-theoretisches" oder "implizites Wissen" nennt. Dieses implizite Wissen ist zum einen immer schon ein kollektives Wissen, insofern es Ausdruck bestehender sozialer Strukturen ist: nach Mannheim bilden die gesellschaftlichen Akteure über die Teilnahme an "konjunktiven Erfahrungsräumen" gleichartige implizite Wissensbestände und eine darauf basierende gleichartige Handlungspraxis aus. Die impliziten Wissensbestände oder, wie es in der dokumentarischen Methode heißt, die "handlungsleitenden Orientierungen" können mit Bourdieu andererseits als "modus operandi" verstanden werden: sie warden in der Handlungspraxis angeeignet und bringen diese Handlungspraxis ihrerseits hervor.

Ausgehend von diesen Überlegungen konzentriert sich unser Beitrag auf die Frage, welche handlungsleitenden Orientierungen zu sozialer Ordnung sich in Jugendlichen-Gruppen in Istanbul finden lassen. Der "Möglichkeitsraum Adoleszenz" scheint uns ein angemessener Rahmen für die Untersuchung, da hier die Auseinandersetzung mit sozialer Ordnung ein zentrales Thema ist und die Notwendigkeit mit sich bringt, hergebrachte Ordnungsfiguren in Frage zu stellen und neue zu entwerfen. Die empirischen Rekonstruktionen zu den Gruppen aus Istanbul sollen in einem zweiten Schritt mit den Ergebnissen von Gruppendiskussionen mit Jugendlichen aus Berlin verglichen werden, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten und damit auch die der eingangs zitierten Annahme zugrunde liegende schematische Entgegensetzung, die mit einer Gleichsetzung von Nationalstaat und Gesellschaft einher geht, vor dem Hintergrund empirischen Materials zu diskutieren. Ausgehend von unseren Analysen skizzieren wir abschließend einige Überlegungen zur Soziogenese der Orientierungen und diskutieren Anknüpfungspunkte für weitere Forschung

 
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