Schwierige Auseinandersetzung mit dem Sunnitentum

Durch die oben beschriebene Entwicklung der letzten Jahrzehnte werden die Alevitinnen und Aleviten immer mehr als eigene Gruppe wahrgenommen, die sich von der zahlenmäßig größten Glaubensgruppe unter den Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, den Sunnitinnen und Sunniten, unterscheidet. Historisch betrachtet hat sich das Alevitentum als religiöse Minderheit in der Türkei fast immer mit der Verhältnisbestimmung zum Sunnitentum auseinandersetzen müssen. Denn das staatliche Amt für religiöse Angelegenheiten (Diyanet İşleri Başkanlığı), welches das religiöse Leben in der Türkei reglementiert, erkennt nur das orthodoxe Sunnitentum als legale religiöse Konfession im Einklang mit der republikanisch-kemalistischen Ordnung an.

Das Verhältnis zwischen Aleviten- und Sunnitentum spielt auch für die Interviewten eine wichtige Rolle. Esra und Hidir heben dies gleich zu Beginn des Interviews hervor.

"Weil immer wenn ich diese paradoxe Lebensweise sehe von anderen Menschen, denke ich mir immer ›Gott sei dank hab ich so einen Glauben, der so gut zu vereinbaren ist mit dem Alltag‹." (Esra)

"Alevitin zu sein ist, glaube ich, schon was anderes als Aussage, als wenn man jetzt zum Beispiel sagen würde, man ist Moslem." (Hidir)

Im Gegensatz zu ihrem eigenen Leben beobachtet Esra bei sunnitischen Kommilitoninnen und Kommilitonen, dass es ihnen sehr schwer falle, ihre Religion zu praktizieren und gleichzeitig als "ganz normales Mädchen" leben zu können. Meltem sagt, dass alevitische Mädchen im Gegensatz zu einigen sunnitischen Mädchen "alles dürfen". Hidir betont, dass sie aus Überzeugung handele und nicht, weil sie "dafür in der Hölle schmoren" oder im "Himmel verwöhnt" würde. Wie bereits oben angesprochen, hatte bei Esra, Hidir und Meltem erst das "Othering" von sunnitischer Seite dazu geführt, dass sie sich ihrer alevitischen Identität bewusst geworden sind. Die Verhältnisbestimmung zum Sunnitentum ist daher insofern als Teil ihres Verständnisses von Alevitentum anzusehen und in ihnen erhalten geblieben. So überrascht es auch kaum, dass die Interviewten häufig ihre Positionen in Anlehnung an das Sunnitentum rechtfertigten. Beispielsweise erzählt Hidir, dass sie "die vielen Gebete gar nicht" könne, da sie nie die Koranschule besucht habe. Von welchen Gebeten spricht sie? Später sagt sie, sie könne "halt die türkischsprachigen, alevitischen Gebete", die hörten sich aber "nicht wie ein Gebet" an. Darin zeigt sich, dass sie die sunnitischen Gebete als Norm voraussetzt und die alevitischen Gebete als von dieser Norm abweichend einstuft. Demnach hält sie es für nötig das Alevitentum zu erklären und zu rechtfertigen.

Wegen diesen Gefühls des "Sich-Rechtfertigen-Müssens" empfi Cem es als äußerst schwierig, anderen von seinem Glauben zu erzählen. Religiosität werde seiner Meinung nach "immer mit den konventionellen Religiositäten der monotheistischen Religionen gleichgesetzt". In den "Augen eines Sunniten oder Katholiken" sei er natürlich "ungläubig", weil er "nicht zu gewissen Zeiten an gewissen Orten vorzufinden" sei.

Hidir ist der Meinung, dass Alevitinnen und Aleviten in Deutschland nach wie vor einer gewissen Diskriminierung von sunnitischer Seite ausgesetzt sind. In einigen Stadtteilen Deutschlands sei der gesellschaftliche Druck in einem Stadtteil oder in einer Nachbarschaft, der "mahalle baskısı", immer noch dem in der Türkei sehr ähnlich. Dadurch hätte man es mit einem westlichen Lebensstil, zum Beispiel im Minirock oder ohne im Ramadan zu Fasten, sehr schwer. So sei nach Esras Meinung auch die Verortung des Alevitentums außerhalb des Islams in einigen muslimischen Kreisen "wirklich mutig" und man würde herausgefordert, seine Positionierung zu erklären:

"Dann heißt es direkt ›warum, ihr glaubt doch auch an Ali und ihr macht doch auch dies und das und warum seid ihr denn keine Moslems‹. Aber ich kenne eine Familie, die Aleviten sind und auch sagen, dass sie Moslems sind, warum denn?"

Die Tatsache, dass immer mehr Alevitinnen und Aleviten in Deutschland ihren Glauben außerhalb des Islams verorten, hat demnach zur Folge, dass der Islam nicht mehr als verbindendes Kriterium zwischen den beiden Glaubensrichtungen gesehen werden muss. Dies kann vorteilhaft für die Gläubigen in Deutschland sein. Alevitinnen und Aleviten, die Esras Haltung vertreten, können sich beispielsweise dem Vorwurf, der sunnitische Islam teile gewisse Werte wie die Gleichberechtigung von Frau und Mann wegen seiner Bindung an die Scharia nicht, entziehen. Hidir erklärt sich die ihrer Meinung nach bessere Angepasstheit der Alevitinnen und Aleviten in Deutschland gegenüber den Sunnitinnen und Sunniten durch ihr "sehr weltoffenes humanistisches Weltbild".

Da Alevitinnen und Aleviten in Deutschland bislang meistens im Schatten der Sunnitinnen und Sunniten standen, erscheint es logisch, dass sie sich bewusst ab-

zugrenzen versuchen. Die AABF stellt zum Beispiel in ihrer Satzung die "prekären Themen", nämlich die Gleichberechtigung der Geschlechter, den Schutz der Glaubensfreiheit und Menschenrechte und die Treue zu den deutschen Gesetzen in den Vordergrund.

Cem ist der Meinung, dass es eines der Ziele des Vereines sei, gegen die sunnitische Dominanz "ein bisschen dagegen zu drücken". Den Interviewten war es allerdings sehr wichtig, sich gegenüber den Sunnitinnen und Sunniten nicht als

"die Besseren" zu positionieren. Andererseits möchten sie jedoch auf signifikante Unterschiede hinweisen. Hierbei betonen sie auch, dass sie die Unterschiede vor allem am orthodoxen Sunnitentum festmachten und längst nicht alle Sunnitinnen und Sunniten einschließen würden.

Inwieweit Alevitinnen und Aleviten tatsächlich weniger Probleme mit den Integrationsanforderungen in Deutschland haben als Sunnitinnen und Sunniten, wurde bislang noch nicht wissenschaftlich erhoben. Allerdings gibt es einige Hinweise, die dafür sprechen. So konnten einige Studien nachweisen, dass Alevitinnen und Aleviten eine deutlich höhere Einbürgerungsquote in Deutschland aufweisen als die türkischstämmige Bevölkerung insgesamt.

 
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