Idealbilder der Vereinigten Staaten

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind anders, geradezu exzeptionell. So hat sich das Narrativ vom American Exceptionalism etabliert, die Beschreibung eines Ausnahmestatus, wonach die USA nicht vergleichbar sind mit anderen etablierten Demokratien (Taylor et al. 2014). Zugleich dient dieses Narrativ auch zur Selbstlegitimierung der politischen, sozialen und o¨konomischen Entwicklung des Landes. Martin Seymour Lipset (2003) sieht in den USA die erste Neue Nation, die losgelo¨ st von der Last europaischer Traditionen neue Muster politischer Partizipation etablieren konnte. Hierarchische Statusdifferenzen, wie sie sich in europaischen Landern historisch herausgebildet und verfestigt hatten, existierten in den USA nicht, so die gangige Erzahlung. Die Gesellschaft wird verstanden als eine Mittelklassegesellschaft mit einem hohen Maß an sozialer Mobilitat und dem dominanten Motiv des Individualismus als treibende Kraft der o¨konomischen, sozialen und politischen Ordnung.

Dieses Idealbild spiegelt sich in der Realitat naturlich nur begrenzt wider. Illiberale Traditionen sind weit starker vorhanden als dies die Idee einer liberalen Tradition suggeriert (Hartz 1955). Rassismus als soziales Problem ist bei weitem nicht mit dem Burgerkrieg und der Beendigung der Sklaverei in den Sudstaaten verschwunden, sondern hat sich vielmehr im Jim Crow System, in den Strukturen des Wohlfahrtsstaates und in weiten Bereichen der Gesellschaft verfestigt. Die Ereignisse in Ferguson (Missouri) im Sommer 2014 haben zum wiederholten Male gezeigt, welche Sprengkraft diese Problematik auch heute noch besitzt. Ein weißer Polizist erschoss dort einen (unbewaffneten) schwarzen Jugendlichen. Eine Protestwelle uberrollte den Vorort von St. Louis und in nur wenigen Tagen wuchs das lokale Ereignis zu einer nationalen Newsstory heran, in deren Folge sich eine breite Debatte zum Problem des Rassismus in den USA entfachte. Die Integration der schwarzen Bevo¨lkerung hat sicherlich mit und in Folge der Burgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren große Fortschritte gemacht, aber die Bruchstellen dieser Inklusion werden immer wieder deutlich und verweisen auf die anhaltende Problematik des Rassismus in der US-Gesellschaft.

Die soziale Mobilitat als zentrales Versprechen des American Dream ist in den USA heutzutage geringer als in vielen europaischen Landern und auch die zu beobachtende soziale und o¨ konomische Ungleichheit widerspricht grundlegend der Idee der Mittelklassegesellschaft, wie sie die These des American Exceptionalism immer wieder propagiert. Diese Diskrepanz zwischen idealisierter Eigenbeschreibung und realer Auspragung fuhrt ebenfalls dazu, dass sich selbst außerhalb der USA zahlreiche Mythen und Missverstandnisse etabliert haben, die einen verstehenden Blick auf die USA erschweren. Nicht verwunderlich, dass sich in den europaischen Gesellschaften immer wieder Manifestationen eines tief verwurzelten Anti-Amerikanismus zeigen, der von der politischen Linken bis zur Rechten reicht. Kritisiert werden hier unterschiedliche US-Imperialismen, die zumeist kulturell oder militarisch definiert werden. Der Selbst- und Machtanspruch der USA fordert es geradezu heraus, sich an den USA zu reiben und die globalen Anspruche der o¨konomischen und militarischen Supermacht in Frage zu stellen.

Ein Teil der Fremdheit zwischen den USA und Europa resultiert aber auch daraus, dass wir die Politik in den USA mit Begriffen und Konzepten zu erfassen versuchen, die wir vor einem europaischen Hintergrund nutzen und verstehen. Besonders sichtbar wird dies im Kontext der momentan attestierten Krise des politischen Systems, die aus einer deutschen Perspektive als eine Krise des legislativen Prozesses und der politischen Parteien verstanden wird. Dabei wird ignoriert, dass die politischen Parteien in den USA eine ganz andere Bedeutung im politischen Prozess haben, als dies in Deutschland zum Beispiel der Fall ist, da die Bindung der Abgeordneten und Senatoren im Kongress an die Parteien weit weniger stark ausgebildet ist. So existiert trotz aller Polarisierungsdebatten im USKongress traditionell keine ausgepragte Fraktionsdisziplin, die den Abgeordneten in seinem Abstimmungsverhalten institutionalisiert an die Parteien bindet. Peter Lo¨sche charakterisierte in diesem Kontext einmal den Abgeordneten im Reprasentantenhaus illustrativ und zugleich nicht weniger verwirrend als eine Mischung aus Feudalherr, Kirchturmpolitiker und Kleinunternehmer in Sachen

Politik (Lo¨ sche 1997, S. 180). Es sind weniger Parteien und ideologische Positionen, die das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten beeinflussen, als vielmehr der Blick auf die Verortung in den eigenen Wahlkreisen. Wie ist es mo¨glich, auch bei der nachsten Wahl wiedergewahlt zu werden? Diese Frage treibt den Abgeordneten an und erklart sein politisches Verhalten. Die Liste ließe sich fortsetzen, die Botschaft aber ist klar: Die Vereinigten Staaten von Amerika wirken so vertraut und zugleich so fremd, weil gerade die vermeintliche Vertrautheit den Blick auf das Fremde verstellt. Dies muss man verstehen, will man die USA begreifen.

 
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