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Teil I Grundlagen

American Exceptionalism: Ein Schlussel zum amerikanischen Selbstverstandnis

Winfried Fluck

1 Einleitung

Die These von der Besonderheit, wenn nicht gar Einzigartigkeit der amerikanischen Gesellschaft spielt seit den kolonialen Anfangen eine zentrale Rolle in amerikanischen Selbstbeschreibungen und ist – wenn auch nicht immer unter der Bezeichnung amerikanischer Exzeptionalismus – zu einem wesentlichen Aspekt des amerikanischen Selbstverstandnisses geworden. (Abbott 1999; Rodgers 1998). Als ein Schlusselbegriff des nationalen Selbstverstandnisses (das immer auch eine Form der Selbstanerkennung darstellt) hat die Idee eines amerikanischen Exzeptionalismus wichtige innen- und außenpolitische Funktionen ubernommen. Trotz oft bitterer Auseinandersetzungen zwischen den politischen Lagern erweist sich die U¨ berzeugung, im besten Land der Erde (the greatest nation on earth) zu leben, immer wieder als ein nationales Bindeglied. Kein Politiker kann es sich heute leisten, diese U¨ berzeugung infrage zu stellen. Um der Idee einer weltge-schichtlichen Sonderrolle der Vereinigten Staaten Ausdruck zu geben, ist ein reichhaltiges rhetorisches Repertoire geschaffen worden: empire of liberty, beacon of freedom, God's country, a shining city upon a hill, redeemer nation, the last best hope on earth, leader of the free world, und indispensable nation sind Formulierungen, die in amerikanischen Selbstbeschreibungen dominieren und nach wie vor eine zentrale Rolle im Prozess nationaler Identitatsbildung spielen (Roberts 2013).

Mit der Idee des amerikanischen Exzeptionalismus soll der Anspruch erhoben werden, dass zunachst die amerikanischen Kolonien und dann die Vereinigten Staaten durch besondere politische Ideale und kulturelle Werte gekennzeichnet sind, die sie von anderen Nationen unterscheiden. Welche Werte sind das, welche Werte bilden den Kern amerikanischer Besonderheit? Immer wieder ist in Reiseberichten, in sozial- und geisteswissenschaftlichen Arbeiten und in kulturkritischen Kommentaren der Versuch unternommen worden, „spezifisch“ amerikanische Werte zu identifizieren, doch mit oft sehr verschiedenen Ergebnissen. Einerseits werden Werte wie individuelle Freiheit genannt, andererseits gemeinschaftsorientierte Aspekte wie das Engagement in grass roots Bewegungen oder religio¨sen Bewegungen betont. So kann Thomson ihre Diskussion amerikanischer Werte mit einer Frage beenden: „If American society rests on shared ideas, then the nature of these ideas would appear to be critical to understanding American exceptionalism. Yet Lipset and Baker emphasize very different core values. (.. .) Are we exceptional because of our supreme individualism or because of our civic virtue?“ (Thomson 2010, S. 182, 186) Offensichtlich lasst sich fur jeden Kandidaten auch ein Gegenkandidat finden. Erklarungsbedurftig ist ja aber, wie es mo¨glich ist, dass auch noch im bitteren politischen Dissens ein ubergreifender nationaler Konsens mo¨glich ist. Eben das vermag ein Denken zu leisten, das von der U¨ berzeugung getragen ist, dass die USA als Nation einzigartig sind und ihnen daher eine weltgeschichtliche Sonderrolle zukommt (und zusteht).

 
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