Definitionen: Die Offenheit des Konzepts

Eine Erklarung fur die Wirksamkeit der Idee des amerikanischen Exzeptionalismus liegt in der Offenheit des Konzepts. Man kann sich im Glauben an eine Sonderrolle und Einzigartigkeit der amerikanischen Gesellschaft einig sein und dennoch sehr verschiedener Meinung daruber sein, was die USA einzigartig macht. Welche Werte die „spezifisch amerikanischen“ sind, kann dann zum Gegenstand immer neuer Auseinandersetzungen werden. In diesem Sinne fungiert der Begriff des Exzeptionalismus als ein Metakonzept, das mit verschiedenen Inhalten gefullt werden kann. Selbst da, wo das Versprechen einer besonderen oder gar einzigartigen Gesellschaft enttauscht wird, und diese Enttauschung, wie beispielsweise in den Protesten gegen den Vietnamkrieg, zum Ausgangspunkt der vehementen Kritik an einem Amerika wird, das seine Ideale verraten habe, bleiben diese „spezifisch amerikanischen“ Ideale die Basis der Kritik, sodass die Idee eines amerikanischen Exzeptionalismus selbst noch in der Kritik als Bezugspunkt bewahrt bleibt (Bercovitch 1978).

Zur Bedeutungsoffenheit des Begriffs des Exzeptionalismus tragt bei, dass der Begriff selbst mehrdeutig ist. Ist mit Exzeptionalismus lediglich gemeint, dass die USA anders sind als andere Nationen oder dass sie aufgrund dieser Andersheit besser sind? Mit dem Begriff des Exzeptionalismus kann sich ein U¨ berlegenheits-

anspruch verbinden, aber auch der bloße Hinweis auf Merkmale, durch die sich die amerikanische Gesellschaft von anderen Gesellschaften unterscheidet. In diesem Sinn wird der Begriff beispielsweise von Shafer gebraucht: „‚American exceptionalism', summarized, is the notion that the United States was created differently, developed differently, and thus has to be understood differently – essentially on its own terms and within its own context.“ (Shafer 1991, S. v) Auch fur Seymour Lipset bezeichnet der Begriff lediglich eine Differenz und keinen U¨ berlegenheits- anspruch: „When Tocqueville or other ‚foreign traveler' writers or social scientists have used the term ‚exceptional' to describe the United States, they have not meant, as some critics of the concept assume, that America is better than other countries or has a superior culture.“ (Lipset 1997, S. 18) Dagegen insistiert Joyce Appleby:

„Exceptional does not mean different.“ (Appleby 1992, S. 419) Ebenso

argumentiert Daniel Bell: „But uniqueness is not ‚exceptionalism'. All nations are to some extent unique. But the idea of exceptionalism, as it has been used to describe American history and institutions, assumes not only that the United States has been unlike other nations, but that it is exceptional in the sense of being exemplary (‚a city upon a hill'), or a beacon among nations; or immune from the social ills and decadence that have beset all other republics in the past; or that it is exempt .. .from the laws of decadence or the laws of history.“ (Bell 1975; zit. nach Shafer 1991, S. 50)

Die Mehrdeutigkeit des Begriffs des Exzeptionalismus macht ihn fur die Zwecke politischer Legitimation besonders brauchbar, denn sie erlaubt es, sich je nach Bedarf zwischen schwacher und starker Version hin und her zu bewegen. Mit dem Verweis auf die amerikanische Geschichte und auf spezifisch amerikanische Werte kann ein Anspruch auf Einzigartigkeit erhoben werden, wahrend andererseits der Kritik an einem mo¨glichen Chauvinismus mit dem Hinweis begegnet werden kann, dass es ja lediglich um eine Beschreibung nationaler Unterschiede gehe. Letztlich geht es jedoch fast immer um die Formulierung eines U¨ berlegen-heitsanspruchs. So kann auch das Fazit des behutsam abwagenden Historikers Daniel Rodgers am Ende nur lauten: „Not the least, difference in American culture has meant ‚better': the superiority of the American way“ (Rodgers 1992, S. 22).

 
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