Die Legitimationsfunktion exzeptionalistischer Rhetorik

Das Beispiel Winthrops verweist auf eine wesentliche Funktion exzeptionalistischer Argumentation. Von der kommenden Nation USA konnte Winthrop 1630 noch nichts wissen. Sein Bezugspunkt war England bzw. genauer: der englische Puritanismus, vor dem der Aufbruch in die amerikanischen Kolonien gerechtfertigt werden musste. Die exzeptionalistische Rhetorik fungiert hier nicht nur als Beschreibung eines historischen Vorgangs oder als Bekraftigung eines Ideals, sondern stellt zugleich eine effektive Form des Appells und der Legitimierung dar. Die biblische Analogie, durch die New England unversehens zur city upon a hill wird, half Winthrop, sich von dem Vorwurf zu befreien, man wurde die englischen Glaubensbruder im Stich lassen. Stattdessen kann nun umgekehrt behauptet werden, dass man einen radikalen Schritt der Erneuerung wagen will, der auch dem englischen Puritanismus und der Reformation generell zugute kommen wird (Madsen 1998).

Im Folgenden wird die exzeptionalistische Rhetorik im amerikanischen Kontext wiederbelebt, wann immer sich Probleme der Legitimierung von politischer Autoritat und Machtausubung ergaben. Auch die amerikanischen Grundervater

standen ja vor dem Problem, eine neue Staatsform zu rechtfertigen, fur die es kein zeitgeno¨ssisches Vorbild und keine offizielle Legitimation gab. Der exzeptionalistische Anspruch, als erstes Land der Erde die Werte der Aufklarung politisch umzusetzen, konnte dabei eine wichtige Rolle spielen, aber zugleich konnte es auch hilfreich sein, das neue politische Gebilde der Vereinigten Staaten mithilfe religio¨ser Rhetorik als Werk go¨ttlicher Vorhersehung darzustellen und auf diese Weise die junge Republik mit einer religio¨sen Rechtfertigung zu versehen. Robert Bellah hat diese Form der politischen Legitimation mittels religio¨ser Rhetorik als amerikanische „Zivilreligion“ beschrieben und ihre Kontinuitat in der amerikanischen Geschichte bis in die Gegenwart nachgewiesen (Bellah 1975).

In ihrer Geschichte haben sich die USA immer wieder durch den Anspruch legitimiert, dass die amerikanische Nation die beste Hoffnung der Menschheit darstelle und ausersehen sei, eine go¨ttliche Vorhersehung zu realisieren, um auf diese Weise das Vorbild fur eine neue Weltordnung abzugeben. Die Werte der amerikanischen Gesellschaft offensiv uber nationale Grenzen hinaus zu verbreiten, konnte auf diese Weise zur weltgeschichtlichen Aufgabe werden. In beiden Versionen des amerikanischen Exzeptionalismus, der religio¨sen wie der politisch-republikanischen, steht die Vision einer historischen Vorbild- und Fuhrungsrolle der Vereinigten Staaten im Zentrum des Selbstverstandnisses, aus der sich die moralische und politische Verpflichtung ergibt, die spezifisch amerikanischen Werte und Ideale zu verbreiten. Die Idee des amerikanischen Exzeptionalismus hat der amerikanischen Außenpolitik auf diese Weise oft ein Sendungsbewusstsein verliehen, das im Glauben an die U¨ berlegenheit amerikanischer Werte verankert ist und von der U¨ berzeugung geleitet wird, dass amerikanische Werte universale Verbreitung finden sollten.

Im 19. Jahrhundert erreicht der Gebrauch der Idee des amerikanischen Exzeptionalismus zur Rechtfertigung einer aggressiven Besiedlungs- und Außenpolitik einen Ho¨hepunkt, auch wenn der Begriff des Exzeptionalismus selbst noch nicht gebrauchlich war. Zur Legitimation amerikanischer Expansion pragt John L.O. Sullivan 1845 den Begriff des Manifest Destiny, um der U¨ berzeugung Ausdruck zu verleihen, dass es die weltgeschichtliche Aufgabe der USA sei, das „große Experiment der Freiheit und der politischen Selbstbestimmung“, das die go¨ttliche Vorsehung der amerikanischen Nation anvertraut hat, uber den gesamten amerikanischen Kontinent zu verbreiten. Damit ko¨nnen unter anderem Vertreibungen der Indianer gerechtfertigt und als zwangslaufig, wenn nicht sogar gottgewollt dargestellt werden. Am Ende des 19. Jahrhunderts wird dann die Idee einer go¨ttlich sanktionierten Mission der amerikanischen Nation zur Rechtfertigung einer offen imperialistischen Außenpolitik ausgeweitet.

 
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