Exzeptionalismus als Rechtfertigung US-amerikanischer Außenpolitik

Der Bezug auf die Idee eines amerikanischen Exzeptionalismus, um eine bestimmte Außenpolitik zu rechtfertigen, lasst sich auch in der Gegenwart beobachten. Dabei ist allerdings ein historisch instruktiver Bedeutungswandel zu beobachten.

Zwar gibt es immer noch ideelle Rechtfertigungen, die – wie beispielsweise Prasident George Bush, Jr. in seiner Second Inaugural Address im Jahr 2005 – als das Ziel der amerikanischen Außenpolitik die Verbreitung der Idee der Freiheit propagieren, aber zunehmend gibt es auch eine neokonservative Argumentation, in der die Idee des Exzeptionalismus machtpolitisch redefiniert wird. Anstatt sich fur die Hegemonie der USA zu entschuldigen, mussen die USA die Machtausubung als Aufgabe der „gro¨ ßten Nation“ (Kagan 2003, S. 87) offensiv praktizieren. Exzeptionell sind die USA nicht mehr primar und nicht mehr notwendigerweise aufgrund ihrer politischen Ideale oder moralischen Werte, sondern aufgrund ihrer o¨konomischen, technologischen und militarischen U¨ berlegenheit. Diese Exzeptionalitat kann jedoch nur bewahrt werden, wenn sich die USA nicht scheuen, diese Macht auch tatsachlich wirksam auszuuben. Eine Hinwendung zum Unilateralismus ist daher gerechtfertigt und die Machtausubung im Interesse amerikanischer politischer Interessen bedarf nun nicht mehr einer moralischen oder gar utopischen Rechtfertigung.

Damit wird zugleich ein wichtiger Aspekt der Idee eines amerikanischen Exzeptionalismus sichtbar: Was gibt den USA das Recht, in anderen Landern einzugreifen und sich selbst die Rolle eines Weltpolizisten zu verleihen? Wenn Exzeptionalismus lediglich eine nationale Differenz bezeichnen wurde, ko¨nnten auch andere Nationen dieses Recht beanspruchen. Exzeptionalismus muss daher als Einzigartigkeit propagiert werden, aber worin ist diese Einzigartigkeit begrundet? In der Vergangenheit lag sie in der Besonderheit amerikanischer Ideale, doch diese Argumentation ist durch Vietnam, spatestens aber durch die Bush-Administration kompromittiert worden. Insofern hat sich auch die Legitimation verschoben: Die Rechtfertigung von Interventionen liegt nunmehr nicht mehr in Idealen, sondern in der militarischen Starke der USA, die sie fur die Rolle des Weltpolizisten pradestiniert. Wenn es aber diese Form der Starke ist, durch die die USA anderen uberlegen sind (und nicht mehr die Starke ihrer Ideale), dann kann diese Legitimation nur aufrecht erhalten werden, wenn die USA diese Starke auch glaubhaft zu machen vermo¨gen. Es reicht nicht, sie lediglich rhetorisch zu behaupten; sie muss auch so demonstriert werden, dass sie von anderen anerkannt wird. Nur dann erhalt sie ihre machtpolitische Legitimitat und Wirksamkeit. Das ist der Hintergrund der neokonservativen Insistenz auf einer aggressiven, machtpolitisch selbstbewussten amerikanischen Außenpolitik. Der amerikanische Exzeptionalismus wird dadurch allerdings zum Bestandteil einer tautologischen Legitimation: Die USA ko¨ nnen bzw. mussen intervenieren, weil sie eine Sonderstellung haben und exzeptionell sind; sie sind exzeptionell, weil sie intervenieren ko¨nnen.

 
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