Die Appellfunktion exzeptionalistischer Rhetorik

Die veranderte Rolle, die die Idee des Exzeptionalismus heute oft spielt, macht eine weitere wichtige Funktion des Begriffs sichtbar: seine Appellfunktion. Das wird beispielsweise in der Inaugural Address von Prasident Ronald Reagan deutlich, mit der die Idee des amerikanischen Exzeptionalismus Einzug halt in die

innenpolitischen Auseinandersetzungen der amerikanischen Gegenwartspolitik. Auch Reagan bezieht sich auf das Bild der city upon a hill und damit auf die Idee, dass Amerika eine historische Vorbildrolle zukomme. Die USA sind Vorbild fur den Rest der Welt, weil sie das Land der Freiheit sind. Das kann jedoch nur gelten, wenn die Amerikaner nach wie vor bereit sind, diese Freiheit zu verteidigen, zum Beispiel dadurch, dass sie einen sozialstaatlichen Verrat am Ideal der Freiheit nicht zulassen. Mit anderen Worten: Die Besonderheit der USA liegt in der Besonderheit ihrer Ideale, aber diese Ideale ko¨nnen nur dann wirksam werden (und somit als Rechtfertigung dienen), wenn die Amerikaner weiterhin daran glauben und dementsprechend handeln. Aus der Beschreibung einer besonderen historischen Konstellation ist auf diese Weise eine politische Beschwo¨rungsformel geworden.

Das gilt ironischerweise auch fur viele liberale Kritiker (neo)konservativer Außenpolitik, die diese als Verletzung wahrer amerikanischer Werte ansehen und den damit verbundenen Ansehensverlust der USA beklagen. (Slaughter 2007). Der Wandel in amerikanischen Selbstrechtfertigungen von moralischer U¨ berlegenheit

hin zu uberlegener Macht ist ja nicht unwidersprochen geblieben. Dabei wird argumentiert, dass die USA einen internationalen Fuhrungsanspruch nur aus der moralischen Autoritat ihrer Ideale ableiten ko¨nnen. Die gegenwartige Identitatskrise des Landes kann daher nur dadurch uberwunden werden, dass sich die USA auf die Ideale besinnen, die die Nation groß gemacht haben. Oder anders ausgedruckt: Die Idee des amerikanischen Exzeptionalismus lasst sich nur rechtfertigen, wenn ihre Basis – die Besonderheit ihrer Ideale – wieder glaubhaft vertreten wird. Die U¨ berlegenheit der USA liegt in der U¨ berlegenheit ihrer Werte und daher muss verhindert werden, dass man nicht mehr an sie glaubt. Auch hier wird die Idee des amerikanischen Exzeptionalismus somit zum Mittel eines rhetorischen Appells. In einer Rede vor West Point Graduierten (am 28.5.2014) hat Prasident Obama eine ahnliche Position eingenommen: „I believe in American exceptionalism with every fiber of my being. But what makes us exceptional is not our ability to flout international norms and the rule of law; it's our willingness to affirm them through our action.“ Exzeptionell sind nicht die USA, sondern bestimmte Ideale, und nur da, wo sich die USA daran orientieren, kann tatsachlich von einem amerikanischen Exzeptionalismus gesprochen werden. Insofern sollte die Idee des Exzeptionalismus nicht dem neokonservativen Lager und seiner machtpolitischen Redefinition uberlassen werden. (Rorty 1998; Wolfe 2005). Vielmehr sollte der Kampf um die Definition angenommen werden, denn die Zukunft der USA wird davon abhangen, wer die Deutungshoheit uber die Idee des amerikanischen Exzeptionalismus gewinnt.

 
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