Fazit: Ein post-exzeptionalistisches Selbstverstandnis?

Ob dieser Weg erfolgreich sein wird, ist derzeit offen. Denn neben der machtpolitischen neokonservativen und der idealistischen liberalen Position hat sich inzwischen in der Kritik der Idee des amerikanischen Exzeptionalismus eine dritte Position herausgebildet, die wesentlich von den neuen sozialen Bewegungen der 1960er Jahre gepragt ist und die inzwischen eine umfassende Revision der amerikanischen Geschichts- und Kulturgeschichtsschreibung eingeleitet hat. Fur diese postexzeptionalistische Geschichtsschreibung ist nicht mehr New England reprasentativ fur die Anfange Amerikas, sondern die Chesapeake Bay, nicht mehr der moralische Neubeginn, sondern das religio¨s unmotivierte Abenteurertum der mittleren Kolonien, dem es primar um den Besitz von Land und Gutern ging. (Greene 1993). Das fuhrte uber den Tabakanbau zur Einfuhrung der Sklaverei und damit zur aktiven Beteiligung am transatlantischen Sklavenhandel, die die USA als letzte der westlichen Nationen aufgab. Auch die auf ein Podest erhobenen Grundervater, denen es um „life, liberty, and the pursuit of happiness“ ging, waren ja Sklavenhalter. Das trifft auf George Washington zu, aber auch auf den Autor der Unabhangigkeitserklarung Thomas Jefferson, der Zeit seines Lebens uber 260 Sklaven besaß (und im Gegensatz zu Washington in seinem Testament nur 6 von ihnen die Freiheit schenkte). Insgesamt gab es bis zum amerikanischen Burgerkrieg nur drei amerikanische Prasidenten, die keine Sklaven besaßen. Cre`vecoeur, vermeintlich Gewahrsmann der Suche nach einer neuen amerikanischen Identitat, war ein Royalist, der vor der amerikanischen Revolution nach Frankreich floh. Andrew Jackson, ebenfalls ein Sklavenhalter, lieferte mit der Second Annual Message (1830) eine der kaltblutigsten und herzlosesten offiziellen Rechtfertigungen der Indianervertreibung. Entgegen der Sombart-These ist die zweite Halfte des 19. Jahrhunderts durch immer neue Arbeitskampfe und ein Spektrum radikaler Bewegungen gekennzeichnet. Und entgegen des eigenen Selbstbildes waren die USA im 19. Jahrhundert keineswegs das einzige oder auch nur das fuhrende Einwanderungsland; ganz abgesehen von der Tatsache, dass zwischen den beiden Weltkriegen eine ‚rassisch' fundierte Quotenpolitik praktiziert wurde, die der Idee eines „Schmelztiegels“ diametral entgegen stand.

In all diesen Fallen hat sich die These von einer von Idealen geleiteten Nation als unhaltbar erwiesen. Die USA sind keineswegs eine besonders tugendhafte Nation, deren Handeln primar von politischen Idealen und moralischen Prinzipien geleitet ist. Bei genauerer Betrachtung erweisen sich die USA als eine Nation unter anderen, mit charakteristischen Starken und Schwachen. Viele Phanomene sind nicht

„spezifisch amerikanisch“, sondern mussen in einem weitergehenden transnationalen Zusammenhang gesehen werden; dementsprechend haben sich die American Studies als Transnational American Studies rekonzipiert und in diesem Zusammenhang Spezialisierungen wie Transatlantic Studies, Southern Hemisphere Studies und Pacific Rim Studies ausgebildet, um den internationalen Verflechtungen und den fortlaufenden kulturellen Austauschprozessen Rechung zu tragen, die auch die USA gepragt haben.

Aus dieser Perspektive kann der amerikanische Exzeptionalismus nunmehr als ein Mythos erscheinen (Hodgson 2009) oder sogar als „beautiful lie“ (Beinart 2010); als Konsequenz der wachsenden Einsicht in die Grenzen amerikanischer Macht wird sogar ein Ende des amerikanischen Exzeptionalismus vorausgesagt (Bacevitch 2009). Ausgewogener und angemessener ist hier das Fazit von Stephen Walt: „Far from being a unique state whose behavior is radically different from that of other great powers, the U.S. has behaved like all the rest, pursuing its own selfinterest first and foremost, seeking to improve its relative position over time, and devoting relatively little blood or treasure to purely idealistic pursuits. Yet, just like past great powers, it has convinced itself that it is different, and better, than every-

one else.“ (Walt 2012, S. 6). Diese Sicht hat allerdings mittlerweile an U¨ ber-

zeugungskraft verloren. Umfragen haben ergeben, dass der Glaube, die USA seien eine einzigartige Gesellschaft, in der amerikanischen Gesellschaft und insbesondere bei den unter 30-jahrigen stark im Ruckzug begriffen ist. Wahrend 50 Prozent der

uber 65-jahrigen immer noch glauben, dass die USA die beste Nation auf Erden sind (greatest nation on earth), gilt das bei den unter 30-jahrigen nur noch fur 27 Prozent.

Allerdings ist es fur einen Nachruf zu fruh. Zur Geschichte des Begriffs geho¨rt auch, dass er in den letzten Jahren in der amerikanischen Politik ein unerwartetes Comeback gefeiert hat. Wahrend er in der Geschichts- und Kulturwissenschaft zunehmender Kritik unterworfen wird, haben ihn amerikanische Politiker wiederbelebt und immer haufiger zur Basis ihrer eigenen politischen Positionsbestimmung gemacht. Wahrend der amerikanische Exzeptionalismus der einen Seite immer mehr als Mythos erscheint, versucht ihn die andere Seite als einen Wert zu starken, an dem es unbeirrt festzuhalten gilt, denn nur so kann Amerikas Gro¨ ße und Macht bewahrt werden. Die Politik – oder jedenfalls eine bestimmte Politik – braucht somit den amerikanischen Exzeptionalismus immer noch zu ihrer Legitimation und nutzt seine Appellfunktion. Was offene Machtpolitik ist, ko¨nnte dann wieder zur uneigennutzigen Hilfe fur die Sache der Freiheit deklariert werden (Pease 2007, 2009).

 
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