Religion in den Vereinigten Staaten von Amerika

Michael Hochgeschwender

Einleitung

In kaum einem Land des transatlantisch-westlichen Kulturraums spielt Religion in der Gegenwart eine so herausragende Rolle wie in den Vereinigten Staaten von Amerika (Williams 2002, Jewett und Wengerin 2008, Butler 1990). Schon im Rahmen einer bloß oberflachlichen Beobachtung tun sich auf diesem Feld tief greifende Unterschiede zwischen den USA und vor allem Westeuropa, Skandinavien und Großbritannien auf. In mancherlei Hinsicht erscheint die US-amerikanische Gesellschaft religionswissenschaftlich hier mit Lateinamerika, Afrika und Teilen Asiens verwandt als mit Europa. Dies betrifft insbesondere die besondere Rolle, welche religio¨se Erweckungsbewegungen immer wieder im Verlauf der amerikanischen Geschichte gespielt hat. Religion, allen voran die verschiedenen Formen und Varianten des Protestantismus, war von Beginn an fur das Entstehen nationaler Identitat zentral wichtig. Ohne einen ausfuhrlichen Blick in die Geschichte der religio¨sen Entwicklung der USA ist dieser Befund gleichwohl kaum einsichtig zu machen. Im Folgenden soll daher ein straffer U¨ berblick uber die Religionsgeschichte Britisch-Nordamerikas und der USA seit der Kolonialzeit gegeben werden, ehe abschließend gegenwartige Fragen des Verhaltnisses von Religion und Gesellschaft beziehungsweise Staat und Kirchen behandelt werden (Hutson 2008).

Die Grundlagen der US-amerikanischen Religionsgeschichte

Am Anfang stand ein Paradox: Auf der einen Seite war die Gesellschaft der britischen Festlandskolonien auf dem nordamerikanischen Kontinent ganz an den Vorgaben des fruhneuzeitlichen Europa orientiert (Hochgeschwender 2007). Gesellschaft, Politik und Kultur waren ohne Religion nicht denkbar. Mehr noch, die Grundung der britischen Kolonien hatte vielfach einen explizit religio¨sen Hintergrund. Die Neuenglandkolonien Massachusetts und Connecticut waren puritanische Grundungen, das heißt hier hatten sich strengglaubige Calvinisten – die sich im fruhen 17. Jahrhundert zum Teil sogar auf der Flucht vor der anglikanischen Staatskirche des Ko¨nigreiches England befunden hatten – eine Heimstatt geschaffen, in der sie sich eigene Staatswesen errichteten, die weitgehend unter der Kontrolle der puritanischen Gemeinden und ihrer Vorsteher, wenn auch nicht notwendig der Geistlichkeit standen. Von einer Theokratie zu sprechen wurde wohl zu weit fuhren, da die Puritaner sehr wohl eine von der calvinistischen Kirchengemeinschaft unabhangige weltliche Herrschaft und vor allem eine strikte Orientierung an der englischen Rechtsstaatlichkeit kannten. Dennoch handelte sich zumindest um eine spezielle Form des Staatskirchentums, da bis in das spate 17. Jahrhundert ausschließlich Puritanern die Leitung des Staatswesens zukam. Da dies zugleich die Verfolgung religio¨s Andersdenkender, insbesondere von Baptisten, Quakern, Juden und Katholiken, beinhaltete, kam es 1636 durch den abtrunnigen Puritaner Roger Williams zur Grundung der neuen Kolonie Rhode Island, die sich als expliziter Gegenentwurf zu den puritanischen Kolonien verstand. In Rhode Island wurde von Beginn an religio¨se Toleranz geubt, freilich unter Ausschluss romtreuer Katholiken. Gleichzeitig bemuhte sich Williams im Gegensatz zur Mehrheit der Puritaner um ein friedliches Verhaltnis zu den benachbarten Indianerstammen. Ebenfalls dem gerade erst entstehenden Toleranzideal verpflichtet waren zwei weitere Koloniegrundungen, einmal das 1681 dem Quaker William Penn uberlassene Pennsylvania, das fur sein fast schon freundschaftliches Miteinander von verschiedenen christlichen Denominationen und den umgebenden Indianern beruhmt und–unter weißen Siedlern–ho¨chst umstritten war, zum anderen das fur wenige Jahrzehnte katholisch beherrschte Maryland. Dort hatte die Familie Calvert religio¨se Toleranz durchgesetzt, die allerdings in den 1690er Jahren endete, als der Anglikanismus in der Kolonie zur Staatsreligion wurde. In anderen Kolonien, beispielsweise in Virginia, den beiden Carolinas und New York war der Anglikanismus durchweg Staatsreligion. Religio¨se Toleranz war demnach kein prinzipielles Element des englischen Kolonialreiches in Nordamerika, sondern ergab sich oft eher zufallig aus lokalen und individuellen Konstellationen.

Auf der anderen Seite darf man den religio¨sen Faktor in der fruhen nordamerikanischen Geschichte keinesfalls uberbetonen. Die neuere, quantifizierende religionshistorische Forschung hat herausgearbeitet, wie gering der Anteil der an religio¨se Institutionen (Kirchen) gebundenen Personen bis weit in das 20. Jahrhundert tatsachlich war (Finke und Stark 1992). Fur 1770 nimmt man an, dass nur etwa 7-23 % der Kolonisten Mitglieder einer Kirche waren. Der Rest war nicht notwendig unglaubig, wurde aber von den kirchlichen Strukturen insbesondere der Anglikaner nicht erfasst. Die neuenglischen Kolonien verfugten uber die ho¨chste Dichte von Kirchenmitgliedern, obwohl ausgerechnet das puritanische Kirchenverstandnis eine Mitgliedschaft erheblich erschwerte. Um Puritaner zu werden, bedurfte es eines besonderen Erwahlungserlebnisses, das uber die konventionelle Taufe hinausging. In einem eigenen Konversionsbericht mußte dann die Gemeinde der Heiligen, so das puritanische Selbstverstandnis, von der Echtheit dieses Erlebnisses uberzeugt werden. Gleichzeitig waren Puritaner faktisch zu andauernder Selbstreflexion uber die Echtheit und Reinheit ihres Glaubenslebens verpflichtet, was auf langere Sicht gegen Ende des 17. Jahrhunderts zu einem Niedergang der puritanischen Vorherrschaft in Neuengland fuhrte. Auf Dauer konnten die Puritaner ihr exklusives Verstandnis als auserwahlte Oppositionskirche gegen den Anglikanismus nicht aufrechterhalten, da sie selbst zur Herrschaftskirche geworden waren. Daher mussten erst in den 1660er Jahren die Zugangsvoraussetzungen zur Kirchenmitgliedschaft und damit zur politisch-gesellschaftlichen Teilhabe gelockert werden (halfway covenant), ehe dann die puritanische Orthodoxie ab 1690 in den streng calvinistischen Kongregationalismus und den aufgeklart-rationalistischen Deismus zerfiel. Die Hexenverfolgungen von Salem in Massachusetts im Jahr 1692 waren dabei eher ein Symptom der Krise des Puritanismus als dessen Auslo¨ser. Immerhin beendeten nicht die aufgeklarten Kaufleute von Boston die Verfolgungen, sondern die puritanische Geistlichkeit selbst besann sich relativ rasch eines Besseren. Ihre intellektuelle und soziale Vormachtstellung vermochten sie aber in der Folge im unruhigen Massachusetts nicht mehr zu behaupten. In den anderen Kolonien blieben die Kirchenmitglieder im engeren Sinn stets eine verschwindend kleine Minderheit, was oft genug auch mit der fehlenden Seelsorge durch anglikanische Priester oder Geistliche der Quaker in den Grenzgebieten des Westens zusammenhing.

Diese schwach ausgepragte institutionelle Seelsorge fuhrte dann zu einem fur Nordamerika typischen Phanomen, dem Aufkommen von enthusiastischen Erweckungsbewegungen (Noll 2002). Zwar fanden sich vergleichbare Phanomene gerade im 18. und 19. Jahrhundert weltweit, teilweise wurden auch Indianerstamme davon ergriffen, aber selten erreichten sie die Intensitat der nordamerikanischen Erweckungsbewegungen, die in aller Regel gleichzeitig von urbanen Mittelklassen und der Landbevo¨lkerung getragen wurden und sich bevorzugt an kirchlich ungebundene Glaubige richteten. Theologisch handelte es sich um eine apokalyptische, also endzeitlich ausgerichtete und gleichzeitig evangelikale, also die Bibel als unmittelbar an den Einzelmenschen ergangenes Wort Gottes verstehende Bewegung, die sich an der Frage nach der Seelsorge an der Westgrenze der Kolonien, der frontier, entzundete. Bedurfte es angesichts der bevorstehenden Endzeit wirklich noch akademisch ausgebildeter Prediger und Priester der Staatskirche oder konnte nicht im Grunde jeder, der sich vom Wort Gottes in der Heiligen Schrift unmittelbar betroffen und getroffen fuhlte, eine Gemeinde ero¨ffnen, um zu predigen?

Daruber hinaus blieb die erste große Erweckungsbewegung, die um 1740 gleichzeitig Großbritannien und Nordamerika ergriff (Kidd 2007), orthodox calvinistisch beziehungsweise anglikanisch und methodistisch. Katholiken blieben von ihr weitgehend unberuhrt. Die sozialen Trager der Erweckungsfro¨mmigkeit waren in der Regel kleine presbyterianische und methodistische Freibauern in den hugeligen Piedmontregionen der Appalachees und Alleghenies, die sich

uberwiegend im Konflikt mit den anglikanischen, calvinistischen oder freigeistigdeistischen Großgrundbesitzern und Bodenspekulanten aus der Ostkustenelite oder den Quakern Pennsylvanias befanden. Insofern trug die Erweckungsbewegung durchaus sozialkritische Zuge. In Einzelfallen, etwa bei den Regulatoren in North Carolina und South Carolina in den 1760er Jahren, konnte sie sogar regelrecht sozialrevolutionare Zuge annehmen (Kidd 2010, Clark 2006). Allerdings ist in der Forschung weiterhin umstritten ob und inwieweit die erste Erweckungsbewegung, die man sich eher als Summe einer Vielzahl unkoordinierter kleinerer Erweckungswellen denn als einheitliche Bewegung vorstellen muss, zur Amerikanischen Revolution der 1770er Jahre beitrug (Dreisbach und Hall 2014). Tatsachlich wird man innerhalb des evangelikalen Enthusiasmus nur ausnahmsweise explizit demokratische oder revolutionare Zuge finden. Obendrein standen nach 1775 viele Erweckte, etwa die Methodisten in Maryland und oder die presbyterianischen Regulatoren der Carolinas aufseiten der britischen Krone, wahrend die ganzlich unerweckten deistischen Eliten sich der Revolution gegen das Westminsterparlament in London anschlossen (Byrd 2013). Dennoch kommt man wohl nicht umhin, den Erweckungen seit den 1730er und 1740er Jahren eine gewisse Bedeutung im vorrevolutionaren Prozeß zuzubilligen: Erstens beschleunigte sie den gesamtgesellschaftlichen Trend zur Individualisierung, der bereits in der im Vergleich mit Europa deutlich lockereren Siedlungsweise in Einzelgeho¨ften oder verstreuten Kleinsiedlungen angelegt war.

Die evangelikale Fro¨mmigkeit verlangte, ahnlich wie zuvor bereits der Puritanismus, die freie religio¨se Entscheidung von Individuen um ihres Seelenheiles willen. Die bloße Taufe in eine etablierte Staatskirche reichte angesichts der drangenden Naherwartung der Wiederkunft Christi nicht mehr hin. Zweitens verknupften die akademisch nicht gebildeten erweckten Prediger oft lockeanischfruhliberales Gedankengut mit einer innigen Herzensfro¨mmigkeit und trugen auf diese Weise dazu bei, einen christlichen Lockeanismus auszubilden, der antihierarchisch, egalitar, anti-institutionalistisch und ant-iintellektuell war, gleichzeitig aber die unbedingte Heiligkeit des Privateigentums als gewissermaßen religio¨se Forderung begriff. daruber hinaus verscharfte die Erweckungsfro¨mmigkeit die bereits in der Reformation des 16. Jahrhunderts und dem vorangegangenen Humanismus angelegte kritische Sicht auf Armut und die Armen. Im Gegensatz zur mittelalterlich-katholischen Fro¨mmigkeitstradition mit ihrer Wertschatzung von Almosen und Werken der Caritas gegenuber den mehrheitlich positiv wahrgenommenen Armen ruckte nun der Unterschied zwischen den guten, unverschuldet in Not geratenen Armen und den angeblich faulen, selbstverschuldeten, demnach schlechten Armen in den Vordergrund. Letzteren gegenuber aber schuldete die Gesellschaft in keinerlei Weise mehr irgendwelche sozialen Sicherungsmaßnahmen. Jeder war, mit Gottes Hilfe und nach Gottes Plan, seines eigenen Gluckes Schmied. Dieser reformatorische, protoliberale Lockeanismus mit seiner Wertschatzung von Arbeit, innerweltlicher Askese, Profitdenken, moralischen Kreuzzugen und Privateigentum wurde alsbald zu einem zentralen Aspekt amerikanischer Weltanschauung.

Drittens traten die Erweckten fur ein Kirchenverstandnis ein, das nicht, wie der Katholizismus, die sichtbare und universale, weltumspannende Kirche und ihre Einheit in den Vordergrund stellte, sondern – unter dem Mantel einer rein geistgewirkten und unsichtbaren Kirche der reformatorischen Tradition den Primat der o¨rtlichen Kirchengemeinde, das sogenannte kongregationalistische Prinzip, in den Vordergrund stellte. Daraus aber folgte automatisch eine Kritik an den Relikten des Staatskirchensystems in den einstmals puritanischen Kolonien Neuenglands und den anglikanischen Kolonien. Gemeinsam mit deistischen Aufklarern, darunter Thomas Paine und Thomas Jefferson, setzten erweckte Baptisten, Presbyterianer und Methodisten Schritt um Schritt das Deestablishment in den einzelnen Kolonien beziehungsweise den Bundesstaaten der USA durch. Bis 1832 (in New Hampshire bis 1858) verschwanden samtliche Privilegien der etablierten Staatskirchen aus den Einzelstaatenverfassungen, ohne dass damit der religio¨se Grundcharakter des amerikanischen o¨ffentlichen Lebens und die Bedeutung der Religion auf gesellschaftlicher Ebene relativiert worden ware (Green 2010). Ganz im Gegenteil, die sogenannte Zivilreligion der USA, die religio¨se Aura mit der Staat, Verfassung, Grundervater, Fahne und Unabhangigkeitserklarung im o¨ffentlichen Bewusstsein umgeben wurden und die damit verknupfte religio¨se Rhetorik nahmen im Verlauf des 19. Jahrhunderts stark evangelikale und deistische Zuge an.

Der Evangelikalismus trug somit maßgeblich zum Entstehen einer nationalen Identitat in den jungen USA bei. Gleichzeitig sorgten die Evangelikalen, wiederum im Verein mit deistisch-freigeistigen Aufklarern, dafur, mithilfe des ersten Verfassungszusatzes von 1791 jedwedes Staatskirchentum auf Bundesebene von vornherein zu unterbinden. Wie in den Einzelstaaten pladierten die evangelikal Erweckten, fur eine strikte Trennung von Staat und Kirche, die freilich weiterhin nicht als Trennung von Religion, Politik und Gesellschaft interpretiert wurde. Auf diese Weise arrangierte sich gerade die erweckte Fro¨mmigkeitsbewegung mit dem religio¨ sen und ethnokulturellen Pluralismus in den USA der Fruhzeit, ja, sie trug aktiv dazu bei, diesen zu befo¨rdern. Schließlich griff die erste Erweckungsbewegung eine Idee auf, welche schon die Puritaner umgetrieben hatte. Diese verstanden ihre Siedlungen in Nordamerika als city upon the hill, als das neue, endzeitliche Jerusalem, dessen Glorienschein der Heiligkeit von der Wildnis Nordamerikas in die verkommenen Statten der tyrannisch-despotischen, korrupten und moralisch degenerierten Zivilisation ausstrahlen sollte. Die Puritaner waren ihrem eigenen Selbstverstandnis nach die auserwahlten Heiligen Gottes, der letzte, heilige Rest der Menschheit. Im Bewußtsein der Erweckten des 18. Jahrhunderts wurde daraus die Vorstellung, das revolutionare Amerika und die neu gegrundeten USA seien der von Gott auserwahlte Hort der Freiheit und der Moral. Damit legten sie die Grundlage fur das Selbstverstandnis der USA als God's Own Nation, aber auch fur eine oftmals dualistische Sicht von Politik und Außenpolitik. Die nordamerikanischen Kolonien und dann die USA waren nach dieser Interpretation das neue Israel, das von Gott dazu berufen war, nicht nur passiv zu leuchten, sondern aktiv die Sache des Guten gegen das Bo¨se schlechthin zu befo¨rdern. Die USA, so Evangelikale und Liberale gleichermaßen, stellten die letzte Hoffnung der Menschheit, die letzte Bastion von Freiheit, Eigentum und echter Religiositat dar (Morone 2003, Preston 2012).

Schon aus diesen knappen Andeutungen wird ersichtlich, wie ungemein pragend die Erweckungsbewegungen des 18. Jahrhunderts nicht allein fur die A¨ ra der

Amerikanischen Revolution, der Verfassungsgebung und der fruhen Republik waren, sondern wie ausschlaggebend sie auf das Entstehen einer amerikanischen nationalen Identitat einwirkten, wobei sie in der Regel mit Verfechtern des lockeanischen Protoliberalismus und des Tugendrepublikanismus gemeinsame Sache machten. Allerdings fehlte dem erweckt-enthusiastischen Engagement die Kontinuitat. Noch im Verlauf der Revolution, in den 1770er Jahren, ließ die fiebrige Erwartung der Wiederkunft Christi allmahlich nach. Die individualistischen erweckten Gemeinden kamen in ein ruhigeres Fahrwasser, sie nahmen institutionelle Zuge an. Parallel dazu bildete sich der sogenannte Mainstream heraus. Unter dieser Bezeichnung versteht man eine Gruppe moderater, nichterweckter Konfessionen, darunter der anglikanische Episkopalismus, das Luthertum, die moderaten Presbyterianer, die Kongregationalisten und die deistischen Unitarier. Der Mainstream wurde charakteristisch fur die Religiositat der stadtischen Mittel- und Oberklassen sowie der Großgrundbesitzerkaste, wahrend die Erweckungsfro¨mmigkeit sich in den unteren Mittelklassen und im kleinbauerlichen Bereich hielt. U¨ berhaupt nahm das religio¨se Leben in den USA der fruhen Republik (um 1800) mehr oder minder Zuge einer ausgepragten Klassenfro¨ mmigkeit an, die sie bis in die 1980er Jahre bewahren sollte. Amerikaner wechselten (und wechseln) relativ oft die konfessionelle Zugeho¨rigkeit, sowohl im Falle sozialen Aufstiegs wie bei den relativ haufigen Ortwechseln. Dies hatte weniger etwas mit Oberflachlichkeit in religio¨sen Dingen oder einer rein konsumistischen Haltung gegenuber Religion zu tun, obwohl beide Faktoren seit den 1880er Jahren wichtig wurden (Leach 1993), sondern entsprach dem reformatorischen Kirchenverstandnis und der Idee vom unbedingten Vorrang der Einzelgemeinde vor einer abstrakt gedachten, unsichtbaren Geistkirche.

Vor diesem theologischen Hintergrund entwickelte sich ein System, wonach man, sofern man eher den unteren Klassen angeho¨rte, einer erweckten Denomination zuzurechnen war, wahrend man beim Aufstieg in die Mittelklasse in den Mainstream wechselte, der außerhalb der Erweckungsbewegungen soziokulturell dominant war. An der Spitze der religio¨sen Statusleiter standen die Episkopalen, die Presbyterianer und die Kongregationalisten sowie die Unitarier, wahrend die Quaker infolge der Revolution, in deren Verlauf die als Anhanger Großbritanniens wahrgenommen wurden, an sozialem und kulturellem Status massiv einbußten. Ganz am Rand standen Kleinreligionen, etwa die wiedertauferischen Sekten der Amish, der Hutterer und der Mennoniten, die allesamt wegen ihres Pazifismus und ihrer Weigerung, Eide zu leisten, eher geduldet als respektiert und geachtet wurden. Auch Katholiken und Juden fanden in diesem System keinen Ort, da sie entweder aufgrund ihres ganz anders gearteten Kirchenverstandnisses oder wegen der Verquickung von Ethnie und Religion von vornherein ausgeschlossen waren. Entsprechend verblieben Katholiken und Juden uberdurchschnittlich oft in der Religionsgemeinschaft, in die hinein sie geboren waren.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >