Die aktuelle Methodendiskussion in der US-amerikanischen politischen Theorie

Den ersten Anlass der Debatte lieferte die sogenannte Perestroika-Kontroverse, die 2000 durch eine unter dem Pseudonym „Mr. Perestroika“ an die Herausgeber der American Political Science Review gerichtete anonyme Kritik am dominanten Mainstream der Politikwissenschaft in den USA ausgelo¨st wurde. Die zunehmend einseitige Ausrichtung der Disziplin an quantitativen Forschungsmethoden sowie an formalen, durch die o¨konomische Rational Choice- und die Spieltheorie inspirierten Theoriemodellen fuhre, so die Kritik, zu einem Verlust komparativer Kenntnisse uber die politisch-kulturellen Besonderheiten unterschiedlicher Gesellschaften und in Konsequenz zu einer ahistorischen und „parochialen“ Verengung des politikwissenschaftlichen Forschungshorizonts nicht nur auf formalisier- und quantifizierbare, sondern in der Tendenz auch auf rein US-amerikanische Problemstellungen. Als Folge von beidem sei ein wachsender Bedeutungsverlust politikwissenschaftlicher Forschungsergebnisse in der Wahrnehmung der praktischen Politik und der O¨ ffentlichkeit zu beobachten (vgl. zusammenfassend Luke und MacGovern 2010 und Jacobsen 2005). Das Perestroika movement, das sich in der Folgezeit gebildet hat, greift diese Kritik an der hegemonialen Stellung einer formal-quantitativen normalwissenschaftlichen Orthodoxie im Methoden- und Theorieverstandnis der Politikwissenschaft auf und argumentiert fur eine theoretische O¨ ffnung der Disziplin, fur die Fo¨rderung vergleichender qualitativer Feldforschung und fur eine Umorientierung des wissenschaftlichen Selbstverstandnisses auf das Prinzip eines methodologischen und theoretischen Pluralismus (Kasza 2001; Monroe 2005).

Die Forderungen der Perestroika-Befurworter, die sie im weiteren Verlauf der Diskussion unter anderem mit dem Hinweis auf die gestiegene praktische Relevanz historischen und komparativen Wissens in der sich verandernden internationalen Situation nach dem 11. September 2001 untermauern, umfassen die starkere Miteinbeziehung interpretativer Methoden und von komparativen, historischen und hermeneutischen Theorieverstandnissen sowie die breitere Reflexion normativer und philosophischer Fragestellungen. Die Bewegung sto¨ßt damit auf sehr unterschiedliche Reaktionen. Neben Versuchen, die Kritik konstruktiv aufzugreifen und theoretisch fruchtbar zu machen (Putnam 2003; Rigger 2013), hat sie auch vehemente Gegenreaktionen seitens der Vertreter des Mainstream hervorgerufen, aus deren Sicht die Kritik an dem von ihnen vertretenen Methoden- und Theorieideal einer hard science vor allem eine diffuse „fear of the modern“ offenbart (Laitin 2003, S. 163). Gegen diese vermeintlich antimoderne Tendenz wird teilweise explizit ein liberal-progressives Wissenschaftsverstandnis in Stellung gebracht (z. B. Bennett 2003), in dessen Tradition sich schon die Vertreter des behavioralturn in der Debatte der 1950er Jahre gestellt hatten. Die Befurworter des Perestroika movement hingegen verorten sich haufig in einer kritischen Theorietradition und argumentieren fur eine substantielle, philosophisch inspirierte Globalisierung bzw. Internationalisierung der US-amerikanischen wissenschaftlichen Perspektive (Rigger 2013, S. 174 f.).

Die Fronten in dieser innerdisziplinaren Kontroverse, in der die Vertreter der politischen Theorie meist auf der Seite der Kritiker des Mainstream zu finden sind, haben sich im weiteren Verlauf zeitweise stark verhartet. Zu dieser Verhartung hat nicht unwesentlich die Entscheidung des politikwissenschaftlichen Instituts der Pennsylvania State University im Jahr 2007 beigetragen, die politische Theorie als major field aus ihrem Curriculum fur graduate students zu streichen. Die Entscheidung fuhrte zu breit unterstutzten Protestbekundungen seitens der political theory community (vgl. zusammenfassend Kaufman-Osborn 2010, S. 655 f.) und zu einer weiteren Zuspitzung der theoretisch-methodischen Grundsatzdebatte. In Reaktion auf die Penn State-Kontroverse wird teilweise fur eine Scharfung des eigenstandigen methodischen Profils, teilweise fur eine engere disziplinare Einbindung der politischen Theorie argumentiert, wobei auch aus letzterem zum Teil weitreichende methodische Konsequenzen abgeleitet werden.

Fur eine solche Einbindung ko¨nne namlich eine am Mainstream der empirischen Forschung orientierte politische Theorie selbst wesentliche Beitrage leisten. Sie ko¨nne etwa die dafur notwendigen konzeptionellen Grundlagen legen, indem sie theoretische Testverfahren zur Feststellung der disziplinaren Zugeho¨rigkeitsrechte unterschiedlicher Theoriefamilien entwerfe (Rehfeld 2010). Auf der Grundlage mo¨ glichst klar formulierter Kriterien waren demnach die politikwissenschaftlich kompatiblen Varianten politischer Theorie zu identifizieren. Eine disziplinar eingebundene politische Theorie musse einem bestimmten theoretisch-methodischen Profil entsprechen, das sich etwa an dem klassisch sozialwissenschaftlichen, an Karl Poppers kritischem Rationalismus orientierten Wissenschaftsverstandnis ausrichten ko¨ nne. Die entsprechenden „criteria for a membership in the discipline“ ho¨ben vor allem auf die Gewinnung von Fakten „about an observer-independent world“, auf Falsifikation als empirisches Prufungsverfahren und auf die inhaltliche Fokussierung der politischen Theorie auf einen an der Weberschen machttheoretischen Tradition angelehnten Politikbegriff ab (ebd., S. 471 ff.).

Solchen Vorschlagen einer normalwissenschaftlichen Konsolidierung und methodischen Integration der politischen Theorie in einen relativ eng verstandenen politikwissenschaftlichen Mainstream, nach dessen Logik allerdings weiten Bereichen der klassischen politischen Theorie, insbesondere der politischen Ideengeschichte, der Status disziplinarer membership entzogen werden musste (ebd. S. 477), stehen Vorschlage fur eine kritische theoretisch-methodische Profilscharfung gegenuber. Angesichts der einseitigen Ausrichtung der US-amerikanischen Politikwissenschaft am Ziel der Produktion von „applicable, quantifiable, and marketable knowledge“ sowie der „recent aggressive penetration of the academy by neoliberal standards of evaluation, as signified by widespread adoption of the language of ‚outcomes assessment measures'“, ist fur einige Theoretiker sogar die Idee von politischer Theorie als disziplinar unabhangige mongrel subdiscipline, die auf der Basis eines als radikal offen vorgestellten, interdisziplinaren und methodisch pluralistisch ausgerichteten kritischen Diskurses stehe, die sich inhaltlich und methodisch eigentlich aufdrangende Alternative (Kaufman-Osborn 2010, S. 666). Die verschiedenen kritischen, sich fur ein eigenstandiges methodisches Profil der politischen Theorie aussprechenden Stellungnahmen orientieren sich zum Teil an poststrukturalistisch-genealogischen, zum Teil an kultur- und geisteswissenschaftlich orientierten oder philosophisch inspirierten Theorieverstandnissen. Neben Versuchen, Konzepte der klassischen politischen Philosophie fur die aktuelle Methodendebatte fruchtbar zu machen (Dietz 2012; Meckstroth 2012), knupfen deren Vertreter vor allem an die Forderung eines interpretive turn der Politikwissenschaft an, wie sie etwa Charles Taylor schon zu Beginn der 1970er Jahre formuliert hat (1985; zusammenfassend auch Rabinow und Sullivan 1987 und Smith 2004). Die politische Theorie hat aus dieser Perspektive, aus der die politische Bedeutung von Sprache, kulturellen Selbstverstandnissen und evaluativen Praktiken innerhalb des Deutungsrahmens umfassender social imaginaries betont wird (Gibbons 2006), nicht nur die Aufgabe einer hermeneutisch-interpretativen Rekonstruktion der kulturellen Hintergrundverstandnisse politischer Praxis, sondern auch die einer „immanenten Kritik“ von bestimmten Aspekten gesellschaftli- cher Selbstverstandnisse (Sabia 2010; Sigwart 2013a, S. 26 ff.).

Mit diesen Vorschlagen einer methodischen Profilscharfung der politischen Theorie verbinden sich zugleich Versuche ihrer engeren Verbindung mit der empirischen Forschung (Fung 2007; Gunnell 2010). In diesem Sinne einer Theorie und Empirie vermittelnden Position pladiert zum Beispiel Ian Shapiro (2005) fur einen epistemologischen und methodischen Realismus in der politischen Theorie. Shapiro versteht darunter in erster Linie eine Perspektive, die systematisch versucht, der Relevanz bestimmter Sachprobleme gegenuber voraussetzungsreichen methodischen Vorannahmen Prioritat einzuraumen. Auf der Grundlage einer Kritik sowohl interpretativer als auch quantitativ-formal ausgerichteter Ansatze, die beide jeweils bestimmte methodische Festlegungen priorisierten, argumentiert Shapiro fur einen sachorientierten Methodenpluralismus, der Aspekte beider Ansatze zu vermitteln versucht. Mit hermeneutischen Ansatzen teilt diese realistische Perspektive die Betonung der Notwendigkeit eines methodischen Zugangs zu unobservables, also zu Bedeutungsbzw. Sinnphanomenen, die einen wesentlichen Teil politischer Realitat ausmachten und die nicht einfach beobachtbar seien, sondern nur interpretativ erschlossen werden ko¨ nnten. Zugleich aber musse an dem sozialwissenschaftlichen Ziel eines akkumulativen Forschungsprozesses mithilfe empirisch belastbarer kausaler Erklarungen politischer Phanomene festgehalten werden. Vor diesem Hintergrund skizziert Shapiro gegen die systematische flight from reality, die er sowohl poststrukturalistisch inspirierten interpretativen Ansatzen (ebd., S. 31 ff.) als auch der Rational Choice Theorie und dem reduktionistischen Falsifikationismus des quantitativ-formalen „Empirismus“ vorwirft (ebd. S. 23 ff. und 51 ff.), die Idee einer multiperspektivischen Verbindung theoretischer Reflexionen und ihrer empirischen U¨ berprufung. Diese Verbindung durfe nicht ausschließlich auf das formale Modell der empirischen Falsifizierung nomologischer Vorhersagen reduziert werden, sondern musse daruber hinaus die ¨ bereinstimmung eines kausalen Erklarungsversuchs „with our existing experience of the phenomenon in question“ sowie dessen Potential zur Ero¨ffnung neuer theoretischer Perspektiven und von Mo¨glichkeiten erfolgreicher praktischer Intervention berucksichtigen (ebd., S. 41).

Shapiros U¨ berlegungen lassen sich in einen gro¨ßeren Diskussionszusammen-

hang einordnen, in dem seit einigen Jahren allgemein fur eine Erneuerung des

„Realismus“ als politisch-theoretische Grundposition argumentiert wird (vgl. Galston 2010). In Anknupfung an U¨ berlegungen britischer Theoretiker (Geuss 2008; Williams 2005) hat sich diese Stro¨mung unter anderem aus einer neuen Welle der kritischen Auseinandersetzung mit dem rawlsianischen politischen Liberalismus entwickelt. Wahrend seit den 1980er Jahren diese Kritik zunachst vor allem auf der Grundlage kommunitaristischer Konzeptionen und daneben besonders auch aus feministischer Perspektive (zusammenfassend Okin 2004) argumentierte, setzt sie seit einigen Jahren dezidiert „realistische“ Akzente. Dabei spielen Fragen der Methode politischer Theoriebildung eine wichtige Rolle. Unter Ruckgriff auf eine Unterscheidung von Rawls selbst (vgl. Simmons 2010) lasst sich das Methodenverstandnis des Realismus etwas vereinfacht so charakterisieren, dass es eine Verschiebung des Fokus der politischen Theorie weg von „idealer“ hin zu starker „nicht-idealer“ Theoriebildung fordert. Wahrend erstere ihre Grundlage in der abstrakten Reflexion moralischer Grundprinzipien habe und von dort aus die Probleme der politischen Praxis als sekundare Anwendungsfragen verstehe, gehe der Realismus umgekehrt primar von den konkreten Problemen der politischen Praxis aus und betone die zentrale Bedeutung und die Prioritat von Konflikt, Macht und institutionellen Frameworks in der Politik (Galston 2010, S. 396 ff.).

Mit dieser Akzentverschiebung will die realistische politische Theorie einerseits Fragen der begrifflichen und historischen Analyse empirischer politischer Phanomene gegenuber normativen Fragestellungen in der politischen Theorie in den Vordergrund rucken. Andererseits schließt sie eine normative Perspektive nicht prinzipiell aus, sondern versucht auch diese auf eine nicht-ideale Grundlage zu stellen. In diesem Sinne schlagt zum Beispiel Amartya Sen (2009), ebenfalls in kritischer Abgrenzung zu Rawls, die nicht-ideale Grundlegung einer Theorie der Gerechtigkeit vor. Die zentrale realistische These ist dabei, dass nicht lediglich die situativen Restriktionen normativer Anspruche, sondern dass sich buchstablich der „Sinn“ und die Bedeutungskoordinaten normativer Probleme prinzipiell anders darstellen, wenn sie auf der Grundlage einer nicht-idealen Theorie politischer Legitimitat betrachtet werden. Im Zusammenhang mit diesem realistischen Verstandnis von politischer Legitimitat werden unter anderem dessen notwendig kontextualistische und historische Epistemologie (vgl. die Beitrage bei Floyd und Stears 2011) und die in ihm implizierte epistemologische Vorrangregel des Politischen sowohl vor dem Rechten als auch vor dem Guten (Sangiovanni 2008; Sigwart 2013b) diskutiert. Erst aus einer solchen Perspektive zeige sich demnach die eigentumliche „Syntax der Macht“ (Arendt 1986, S. 227), in der ethisch-moralische Fragen in der Sphare der Politik artikuliert werden.

Anhand dieser realistischen Stro¨mung in der politischen Theorie- und Methodendebatte zeigt sich ubrigens exemplarisch, dass die Auseinandersetzung mit dem theoretischen Paradigma des politischen Liberalismus in der Nachfolge von John Rawls zu den zentralen Fragestellungen auch in der aktuellen US-amerikanischen politischen Theorie geho¨rt. Wie schon zu Beginn der breiten Rezeptionsgeschichte von Rawls' Theory of Justice wird auch die aktuelle Diskussion um sein Werk kontrovers gefuhrt und ist sowohl durch konstruktive als auch kritische Stellungnahmen gepragt. Die Akzente haben sich allerdings etwas verschoben. So hat in der kritischen Diskussion gegenuber der detaillierten Auseinandersetzung mit Rawls' Schriften eine breiter angelegte Kritik des von ihm gepragten liberalen Mainstream in der politischen Theorie insgesamt an Bedeutung gewonnen. In ahnlicher Weise haben sich auch die Schwerpunkte der konstruktiven Rezeption seines Werks verschoben. Im Vordergrund stehen hier seit einiger Zeit Versuche der Weiterentwicklung bestimmter Grundfragen, die in Rawls' politischer Philosophie thematisiert, aber nicht in jedem Fall systematisch entwickelt wurden. Zu diesen Grundfragen geho¨ren zum Beispiel die Implikationen von Rawls' Konzept des o¨ffentlichen Vernunftgebrauchs unter der Bedingung eines vernunftigen Pluralismus verschiedener umfassender Lehren in modernen Gesellschaften oder auch die Mo¨glichkeiten einer Globalisierung liberaler Gerechtigkeitstheorien. Auf letzteres wird im abschließenden 5. Kapitel zuruckzukommen sein. Zunachst aber wende ich mich der nationalen Selbstverstandigungsdebatte und einigen der inhaltlichen Hauptthemen zu, die in der politischen Theorie im Hinblick auf das Selbstverstandnis der US-amerikanischen Demokratie und ihrer sozioo¨konomischen, kulturellen und Identitatsgrundlagen diskutiert werden. Auch hier spielt der konstruktive oder kritische Bezug auf den politischen Liberalismus im Allgemeinen und auf Rawls im Besonderen eine wichtige Rolle.

 
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