U¨ ber die Demokratie in Amerika im 20./21. Jahrhundert

Zu den grundlegenden Themen der US-amerikanischen politisch-theoretischen Selbstverstandigungsdebatte geho¨rt die Frage nach der Beziehung zwischen Liberalismus und Demokratie. Das Problem der Verhaltnisbestimmung zwischen den individual- und grundrechtlichen bzw. den gerechtigkeitstheoretischen Anliegen des Liberalismus und den soziokulturellen und praktisch-politischen Grundlagen kollektiver demokratischer Selbstbestimmung stand schon in der Auseinandersetzung mit Rawls' liberaler politischer Philosophie in den 1980er Jahren im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Kommunitarismus, als dessen prominenteste Vertreter Michael Sandel, Alasdair MacIntyre, Charles Taylor, Amitai Etzioni, Michael Walzer und Benjamin Barber gelten, machte gegen den Individualismus der liberalen politischen Philosophie, insbesondere auch gegen deren radikalindividualistische libertarianische Variante, wie sie unter anderem von Robert Nozick (1974) vertreten wurde, auf die Bedeutung der intersubjektiven Einbettung der sozialen, kulturellen und politischen Identitat von Individuen aufmerksam (Sandel 1982). Der uberzogene Individualismus der liberalen Theorie vernachlassige systematisch, so die kommunitaristische Kritik, die soziale Basis individueller Freiheit und demokratischer Politik in der gemeinsamen Praxis konkreter politischer communities (vgl. zusammenfassend Dagger 2009). Die politische Partizipation von Burgerinnen und Burgern und ihre Vorstellungen zur gerechten Verteilung unterschiedlicher gesellschaftlicher Guter und Lasten sei auf solche konkreten sozialen Handlungs- und Kommunikationszusammenhange und auf die von ihnen bereitgestellten normativen Deutungshorizonte angewiesen (Taylor 1992; Walzer 1983). Die allzu universal ausgerichtete und daher allzu abstrakt bleibende Theorie des Liberalismus musse diese dichten sozialen und kulturellen Kontexte von Politik ausblenden und ko¨nne daher lediglich eine dunne Form von Demokratie begrunden, der eine tatsachlich partizipatorische, starke Konzeption von Demokratie gegen-uberzustellen sei (Barber 1984).

In wissenschaftstheoretischer Hinsicht kann der Kommunitarismus unter anderem als der Versuch verstanden werden, die konstitutive Einbettung der liberal tradition in das politisch-kulturelle Selbstverstandnis der amerikanischen Demokratie konzeptionell zu fassen und konstruktiv zu wenden. Zwar hat das Interesse am Kommunitarismus als einer eigenstandigen Theorieposition seit Anfang der 1990er Jahre abgenommen. Allerdings wurden viele der Impulse, die von der kommunitaristischen Kritik ausgingen, im liberalen Diskurs aufgegriffen und geho¨ren seitdem zu den Grundfragen der politischen Theorie, wenn auch in sich wandelnder Form. Das gilt insbesondere fur die Frage der Verhaltnisbestimmung zwischen der Freiheit von Individuen und Gruppen, ihre unter Umstanden radikal divergierenden Wertvorstellungen und Identitaten in einer pluralistischen und offenen modernen Gesellschaft leben und entfalten zu ko¨nnen auf der einen Seite und der Notwendigkeit auf der anderen Seite, eine gesamtgesellschaftlich geteilte normative Grundlage des demokratischen Prozesses und der in ihm generierten kollektiv verbindlichen Entscheidungen sowie eine gemeinsame Basis der wechselseitigen Anerkennung unterschiedlicher kultureller Identitaten zu finden.

Die entsprechenden U¨ berlegungen der Kommunitaristen haben zum Beispiel das

liberale Verstandnis von Multikulturalismus (Kymlicka 1995), insbesondere aber auch die konzeptionelle Weiterentwicklung von Rawls' eigener Theorie zur Konzeption eines politischen Liberalismus (1993) nachhaltig beeinflusst, wenngleich Rawls auch dort gegen die Vorstellung einer unmittelbaren Einbettung von Politik in die dichten moralischen Vorstellungen umfassender Lehren auf dem Faktum des Pluralismus von Wertvorstellungen in modernen Gesellschaften und daher auf die diesbezuglich weitgehende Neutralitat o¨ffentlicher politischer Vernunft besteht. In diesem Punkt in eine ahnliche Richtung argumentieren die verschiedenen Theorien deliberativer Demokratie, die teilweise an Jurgen Habermas' politische und Gesellschaftstheorie anknupfen und versuchen, die Spannung zwischen gesellschaftlicher Diversitat und gesellschaftlichem Konsens in der Konzeption einer aktiv beratenden politischen O¨ ffentlichkeit und ihrer besonderen Kommunikationsformen konstruktiv auszudeuten (Cohen 2002; Fishkin 2009; Habermas 1996). Dieselbe Frage der Verhaltnisbestimmung zwischen Freiheit und Pluralitat einerseits und den praktischen, kulturellen und moralischen Voraussetzungen von gesellschaftlicher Integration und demokratischer citizenship andererseits wird aktuell auch auf der Grundlage anerkennungstheoretischer Ansatze (Fraser/Honneth 2003) sowie im Zusammenhang einer Erneuerung des Republikanismus bzw. Eines neo-roman republicanism (vgl. vor allem Pettit 1997, 2012), aber auch in neueren Konzeptionen o¨ffentlicher Vernunft (Gaus 2012) diskutiert und weiter entwickelt.

Die aktuelle Theoriedebatte spiegelt dabei auch die besonderen Herausforderungen, denen sich die amerikanische Gesellschaft im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gegenuber sieht. Das zeigt sich in Versuchen der theoretischen Reflexion des Terrorismus (Held 2008), aber auch in einer steigenden Aufmerksamkeit fur die Beziehung zwischen Politik und Religion. So wird zum Beispiel aus liberaler Perspektive die Frage untersucht, wie die Beziehung zwischen einer weltanschaulich neutralen o¨ffentlichen Vernunft und bestimmten religio¨sen umfassenden Lehren, etwa der islamischen Religion, konkret vorgestellt werden kann (March 2009a) bzw. welche Pflichten der o¨ ffentlichen Rechtfertigung religio¨sen U¨ berzeugungen abverlangt werden ko¨nnen (Brettschneider 2010). Daneben wird aber vor allem die Frage nach den religio¨sen Grundlagen der American Political Tradition selbst wieder verstarkt zur Diskussion gestellt.

Die exzeptionelle Rolle der christlichen Religion und ihre besondere Verbindung zur Politik in der Geschichte der amerikanischen Aufklarung und Moderne ist seit der kolonialen Vorgeschichte der USA ein klassischer Topos sowohl des amerikanischen gesellschaftlichen Selbstverstandnisses als auch der nationalen Geschichtsschreibung und der politischen Theorie. Diese besondere Rolle zeigt sich zum Beispiel in den Auswirkungen des puritanischen Erbes der Kolonialzeit auf die amerikanische politische Identitat (Bercovitch 1975) und in dem spannungsreichen Nebeneinander eines sakularen Progressivismus und der strikten Trennung zwischen Kirche und Staat und einer dennoch durch starke zivilreligio¨se Konnotationen gepragte politische Kultur in der modernen amerikanischen Politik (Bellah 1967). Im aktuellen Theoriediskurs wird sowohl diese Rolle der Religion in der politischen Identitat der USA, zum Beispiel ihr unaufgelo¨ster Widerspruch zum amerikanischen liberalen Progressivismus (Owen 2007) oder die Unterscheidung einer traditionalistischen und einer progressivistischen religio¨ sen Stro¨mung in der amerikanischen Tradition (Murphy 2009), als auch die grundlegende Frage nach den religio¨ sen Unterstro¨ mungen im sakularen Selbstverstandnis der westlichen Moderne insgesamt diskutiert (Gillespie 2008). Charles Taylor etwa macht in seinem Opus Magnum A Secular Age (2007) den Versuch, in einer groß angelegten ideengeschichtlichen Rekonstruktion des sakularen Zeitalters seit 1500 die eigentumliche Physiognomie von dessen religio¨sem Bewusstsein herauszuarbeiten. William Connolly (2008) schließlich wirft die klassische Frage Max Webers nach der Beziehung zwischen Christentum und Kapitalismus neu auf und macht sie zur Grundlage einer Kritik der religio¨s-o¨konomischen resonance machine des amerikanischen Liberalismus.

Connollys Studie steht damit schließlich auch stellvertretend fur die Auseinandersetzung in der politischen Theorie mit den Problemen einer neoliberal dominierten kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die seit der Finanzkrise von 2008 das amerikanische Selbstverstandnis ebenfalls vor grundlegende Herausforderungen stellt. Die Reaktionen auf diese Herausforderung reichen von Versuchen einer Weiterentwicklung der liberalen Kritik sozioo¨ konomischer Ungleichheit (Green 2013) bis zu historisch weit ausgreifenden Krisendiagnosen. Nancy Fraser (2013) etwa stellt die aktuelle Krise in Anlehnung an Karl Polanyis kritische Modernisierungstheorie in den historischen Zusammenhang eines triple movement der Moderne, auf dessen Grundlage sie eine prinzipielle Neubewertung der zentralen Bedeutung kritisch-emanzipatorischer Bewegungen als Korrektiv sowohl zu der o¨konomischen Modernisierungsdynamik des Kapitalismus als auch zu dem umfassenden Ordnungs- und Regulierungsanspruch moderner Nationalstaaten vorschlagt. Fur Fraser stehen die Grundfragen emanzipatorischer demokratischer Politik, die sie vor dem Hintergrund ihrer Diagnose einer grundlegenden aktuellen Krise der westlichen Gesellschaften aufwirft, damit von vorne herein in einem globalen, den nationalen Referenzrahmen der US-amerikanischen Demokratie transzendierenden Zusammenhang.

 
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