Die Globalisierung der amerikanischen politischen Theorie

Ungeachtet der Vielfaltigkeit der Probleme und Themen lasst sich insgesamt feststellen, dass die Mo¨glichkeiten einer konzeptionellen und inhaltlichen Internationalisierung bzw. Globalisierung der politischen Theorie in der US-amerikanischen Debatte besonders breit diskutiert werden. Das zeigt sich zum Beispiel in der Diskussion um eine kosmopolitische Demokratietheorie (Held 1995; Archibugi und Held 2011; Archibugi et al. 2012) oder auch in der zunehmend

transnationalen Ausrichtung von Theorien der O¨ ffentlichkeit, des Rechts und der

deliberativen Demokratie (Habermas 2001, 2006, S. 113 ff.; Mitzen 2005; Benhabib 2009; Sass und Dryzek 2014). Besonders klar lasst sich diese Tendenz auch an der Entwicklung des liberalen Mainstream in der politischen Theoriedebatte zeigen.

Die Frage der Mo¨glichkeiten einer Internationalisierung bzw. Globalisierung der liberalen Theorie und insbesondere die Frage nach den Grundlagen einer globalen Gerechtigkeitstheorie erfahrt in den vergangenen Jahrzehnten eine stetig wachs-

ende Aufmerksamkeit (vgl. den U¨ berblick bei Chatterjee 2011). Neben der Frage

distributiver Gerechtigkeit werden dabei auch allgemeine gerechtigkeitstheoretische Probleme des globalen o¨konomischen Systems (James 2012) sowie Fragen von Gender- und Migrationsgerechtigkeit (Jaggar 2005; Carens 2010; Wellman/ Cole 2011) oder auch die Implikationen einer globalisierten liberalen Eigentumstheorie diskutiert (Nili 2013; Wenar 2008). Diese Argumente einer globalisierten gerechtigkeitstheoretischen Perspektive werden auch in der Forschung zur internationalen Politik aufgegriffen, insbesondere im Zusammenhang der Debatten um

„gerechte Kriege“, die Rechtfertigung von Interventionen und die Rolle der Menschenrechte auf globaler Ebene (Cohen 2008; Fabre 2008; Nardin 2006).

Den Anstoß zu der breit gefuhrten und sich vielfach ausdifferenzierenden Debatte zum Problem globaler Gerechtigkeit gaben eine Reihe von Studien, die bereits in den 1970er und 1980er Jahren versuchten, zentrale Konzepte von Rawls' Theorie distributiver Gerechtigkeit auf die Probleme globaler sozialer Ungleichheit zu ubertragen (Beitz 1979a, 1979b; Pogge 1989). Rawls selbst hat die Frage der U¨ bertragbarkeit seiner politischen Philosophie auf die internationale Ebene vor allem in seinem Spatwerk The Law of Peoples thematisiert. Die dort entwickelte Konzeption des Rechten und der Gerechtigkeit hinsichtlich der „principles and norms of international law and practice“ (Rawls 1999, S. 3) hat allerdings gerade aus der Sicht vieler rawlsianisch argumentierender Theoretiker die Frage einer internationalen Theorie der Gerechtigkeit nur unbefriedigend beantwortet (Pogge 2002, S. 105 ff.). Vor allem der realistische und kosmopolitismuskritische Akzent von Rawls' „Theorie der Vo¨lker“, der unter anderem den Bezug auf einen zwar vo¨lker- und menschenrechtstheoretisch eingebetteten und kritisch reflektierten, aber dennoch an einzelnen Nationalgesellschaften orientierten Souveranitatsbegriff impliziert (Rawls 1999, S. 23 ff.), wurde durch viele Vertreter einer anspruchsvolleren Vorstellung von kosmopolitisch fundierter globaler Gerechtigkeit kritisiert (Caney 2002).

Die Diskussion bewegt sich seitdem im Spannungsfeld dieser beiden Pole eines gerechtigkeitstheoretischen Realismus auf der einen Seite und verschiedenen Varianten eines gerechtigkeitstheoretischen Kosmopolitismus auf der anderen Seite. Erstere verweisen auf die konstitutive Bedeutung einer staatlich fundierten gesellschaftlichen Grundstruktur inklusive ihrer politisch-kulturellen Grundlagen als des unverzichtbaren Rahmens einer anspruchsvollen Theorie distributiver Gerechtigkeit und betonen daher die prinzipiellen Unterschiede zwischen domestic und global theories of justice (Miller 2007; Nagel 2005). Letztere betonen hingegen die zentrale Rolle von Individuen als finale Quelle und zentraler Bezugspunkt von Rechten und moralischen Verpflichtungen auch auf der internationalen Ebene und verknupfen dieses Argument mit der Konzeption von internationaler Politik und O¨ konomie als eines globalen Kooperations- und Handlungszusammenhangs (Cohen/Sabel 2009), in dem sich aus den weltweiten o¨konomischen und sozialen Interdependenzen und gleichzeitigen Ungleichheiten unmittelbar gerechtigkeitstheoretische Forderungen und politische Verantwortlichkeiten ergaben. Die Kontroverse wird auch auf der methodischen Ebene ausgetragen (Freeman 2006; Meckled-Garcia 2008; Sangiovanni 2008; Valentini 2011). Dabei geht es um dieselbe Frage, die uns schon in der Auseinandersetzung um die disziplinare Rolle der politischen Theorie und in der daran anschließenden allgemeinen Methodendiskussion begegnet ist und die in ahnlicher Form bereits die Auseinandersetzung zwischen Rawls und seinen kommunitaristischen Kritikern in den 1980er Jahren pragte: die Frage namlich, ob und inwiefern die theoretische Begrundung rechtlicher und moralischer Prinzipien auf einer praxis- und damit kontextabhangigen Grundlage oder aber auf einer von solchen konkreten Kontexten eher unabhangigen, prinzipiell universal gultigen Basis stehen.

Insofern spiegelt sich also auch hier die zwischen universalem Anspruch und nationaler Einbettung oszillierende Denkbewegung der amerikanischen politischen Theorie wider. Konsequenterweise hat gerade eine sich global ausrichtende liberale Gerechtigkeitstheorie potentiell stets mit dem Vorwurf zu rechnen, die unzulassige Universalisierung eines lediglich partikular gultigen amerikanischen oder westlichmodernen Selbstverstandnisses zu betreiben. Vor diesem Hintergrund stellt das aktuelle Projekt einer comparative political theory, das die Kontextgebundenheit jeder Form von theoretisch-begrifflicher Reflexion konsequent ernst nimmt, einen besonders vielversprechenden Versuch der Globalisierung der politischtheoretischen Perspektive dar (March 2009b). In diesem theoretischen Projekt gehe es darum, so Fred Dallmayr, die politische Theorie fur eine kultur- und zivilisationsvergleichende Perspektive und damit fur einen „more genuine universalism“ zu o¨ffnen, der uber die unbefriedigende „spurious ‚universality' traditionally claimed by the Western canon and by some recent intellectual movements“ substantiell hinaus komme (Dallmayr 2004, s. 253). An Stelle eines rein westlichen Monologes und entsprechender „hegemonic and imperialist modes of theorizing“ musse die politische Theorie den interkulturellen Dialog unterschiedlicher, westlicher und nicht-westlicher Traditionen politischen Denkens fo¨rdern und sich um die vergleichende Erforschung ihrer „different, historically grown cultural frameworks“ (ebd., S. 249) bemuhen.

Die unterschiedlichen epistemologischen und methodischen Positionen innerhalb der Debatte um einen solchen interkulturellen Theoriediskurs umfassen die ganze Bandbreite der aktuellen politischen Theorie. Sie reichen von Bezugen auf die philosophische Hermeneutik Heideggers und Gadamers (Dallmayr 2004, S. 250 ff.) und ihrer Verknupfung mit nichtwestlichen Verstandnissen von Hermeneutik (Godrej 2009) uber Konzepte des interzivilisatorischen theoretischen Vergleichs im Anschluss an Eric Voegelin (Gebhardt 2008), von der kritischen Kulturwissenschaft Edward Saids (Euben 1999) oder von der analytischen Philosophie inspirierte Perspektiven (Jordan und Nederman 2012) bis hin zu liberal-rawlsianischen (Cline 2013; March 2009a), realistischen (Freeden und Vincent 2013) und demokratietheoretischen Ansatzen (Williams and Warren 2014). Einig sind sich die Vertreter der verschiedenen Positionen unter anderem darin, dass eine global ausgreifende politische Theorie einer kritischen Reflexion und Neubestimmung ihrer wesentlichen Grundbegriffe bedarf, die auf einer sehr fundamentalen Ebene ansetzen muss. Jenseits der Begriffe von Demokratie, Liberalismus und Gerechtigkeit musse in einer interkulturell-dialogisch ausgerichteten politischen Theorie daher auch die grundlegendere Frage diskutiert werden, welche unterschiedlichen oder vielleicht auch ahnlichen Verstandnisse „des Politischen“ uberhaupt „in the background of particular cultural and historical contexts“ (2014, S. 46) impliziert sind. Diese fur die politische Theorie insgesamt konstitutive Grundfrage nach dem Begriff des Politischen spielt auch in anderen aktuellen Diskussionszusammenhangen eine Rolle. Sie ko¨nnte eine Richtung anzeigen, in der eine breitere Debatte in der amerikanischen politischen Theorie fur die Zukunft zu erwarten ist.

 
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