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Sozialstruktur der Vereinigten Staaten von Amerika

Axel Murswieck

1 Einleitung

Vielfalt und Unterschiedlichkeit pragen die US-amerikanische Gesellschaft: geografisch, ethnisch, o¨konomisch und politisch. Bei der Frage nach dem verbindenden Band dieser Vielfalt wird immer wieder auf einen dominierenden Wertekonsens verwiesen, dessen Geschichtsmachtigkeit im American Creed (Gunnar Myrdal) zur Geltung kommt (Gebhardt 1990; Murswieck 2008, S. 580–585). Dieses Wertesystem fand in dem vom amerikanischen Historiker James Truslow Adams 1931 gepragten Begriff des American Dream seinen wirklichkeitsbezogenen Ausdruck (Samuel 2012, S. 3–5).

Der American Dream ist ein breites, in der politischen Kultur verwurzeltes Konzept mit vielen Bedeutungen. Der Kern des Konzepts ist jedoch sicherlich die in Umfragen stets geaußerte U¨ berzeugung, dass man frei sein will, mit harter Arbeit

alles zu erreichen was man will und man sich befahigt fuhlt, erfolgreich zu sein, egal unter welchen o¨konomischen Bedingungen man geboren wurde (Pew Charitable Trusts 2009; CBS/New York Times 2009). Der Traum ist der Glaube daran, dass alle Amerikaner die Chancengleichheit – equality of opportunity – zum erfolgreichen sozialen Aufstieg besitzen. Das hilft erklaren, warum Amerikaner im Vergleich zu anderen reichen Landern sehr viel toleranter gegenuber ungleichen Ergebnissen – inequality of outcomes – etwa in der Einkommensverteilung sind und staatliche Umverteilungsmaßnahmen kaum befurworten (Corak 2013, S. 1).

Die Analyse wesentlicher Aspekte der Sozialstruktur kann helfen, die Wirklich-

keit der US-amerikanischen Gesellschaft zu erhellen.

2 Bevo¨ lkerungsstruktur und demographischer Wandel

Nach dem Zensus von 2010 hatten die USA 308.745.538 Einwohner, eine Zunahme von 9,7 % im Vergleich zur vorherigen Volkszahlung von 2000 (U.S. Census Bureau 2012a). Am 25.1.2014 gab es nach Angaben der Population Clock des

U.S. Census Bureaus bereits 317.421.701 Einwohner. Die USA haben von den OECD-Landern die ho¨chste Zuwanderungsrate (OECD 2013a). Zwischen 2000 und 2010 kamen jahrlich mehr als eine Millionen legale Zuwanderer in die USA (U.S. Department of Homeland Security 2012). Die hohe Migrationsrate verbunden mit einer soliden Geburtenrate von 1,963 in 2012 (U.S. Census Bureau 2012b) haben zu einem stabilen Bevo¨lkerungswachstum von jahrlich 0,9 % gefuhrt.

Die USA sind bis auf den heutigen Tag ein Einwanderungsland. Mit Ausnahme der indianischen Urbevo¨lkerung sind alle Einwohner selbst Einwanderer oder Kinder von Einwanderern. Die ‚rassische' und ethnische Vielfalt der amerikanischen Gesellschaft ist dadurch entstanden (vgl. Abb. 1 und 2).

In den letzten 50 Jahren hat sich bei den Immigranten in Hinblick auf Anzahl, Herkunft und geografischer Verteilung eine dramatische Entwicklung ergeben. Der Anteil der Immigranten (Foreign-Born Population) an der Gesamtbevo¨lkerung hat sich von 5,4 % in 1960 auf 12,9 % in 2010 vergro¨ßert (vgl. auch Tab. 1 und 2). 1960

Abb. 1 Abstammung der amerikanischen Bevo¨lkerung nach ausgewahlten Ursprungslandern 2012 (in Mio.) (Quelle: U.S. Census Bureau 2012a, American Community Survey)

Abb. 2 Anteil der Herkunftsregionen der im Ausland geborenen Bevo¨ lkerung (ohne auf See Geborene) 2012 (Quelle: U.S. Census Bureau 2012a, American Fact Finder, American Community Survey, CP02, 2012 ACS 1-year estimates)

kamen noch 75 % der Immigranten aus Europa, 2012 waren es noch 11,8 %. Inzwischen kommen 52,2 % der im Ausland Geborenen aus Lateinamerika.

Die Immigranten aus Europa siedelten sich in den 1960er-Jahren im Nordosten und Mittleren Westen an. Die heutigen Immigranten aus Lateinamerika und Asien besiedelten den Westen und Suden (U.S. Census Bureau 2012a). Die USA, so die

Prognose, werden in der Zukunft nicht langer Vorposten Europas sein, sondern eine Nation of Mutts, eine Nation mit hunderten von verschmolzenen Ethnien aus aller Welt und Mischehen. Notwendig sei, die Vielfalt in einen Ethos von burgerlicher Kohasion zu uberfuhren (Brooks 2013).

2.1 Die alternde Gesellschaft

Die demografische Entwicklung wird neben der ethnischen Zusammensetzung der Bevo¨lkerung auch vom Anstieg des Anteils der abhangigen Bevo¨lkerung, d.h. der Summe der Alten (uber 65 Jahre) und der Jugendbevo¨lkerung (unter 15 Jahre) an der Gesamtbevo¨lkerung bestimmt. Auswirkungen auf die privaten und staatlichen Ausgaben fur die Alters- und Gesundheitsversorgung sowie die Bildung sind zu erwarten. Der Anteil der Jugendbevo¨lkerung lag 2012 bei 19,38 % (U.S. Census Bureau 2012c) und wird der Projektion zufolge auf diesem Niveau aufgrund der gunstigen Geburtenrate verharren (OECD 2013b). Anders sieht es bei der alteren Bevo¨lkerung uber 65 Jahre aus. Dieser Anteil ist von 12,4 % in 2000 auf 13,7 % in 2012 gestiegen (U.S. Census Bureau 2011; vgl. auch Abb. 3).

Dank staatlicher Transferleistungen (Rentenversicherung) ist es gelungen, die Armutsrate bei den uber 65-Jahrigen von 35 % in 1960 auf 14,8 % in 2012 zu senken (The Council of Economic Advisers 2014, S. 11). Die demografische

Herausforderung bezieht sich vor allem auf die Finanzierung der Rentenversicherung. Das Verhaltnis von Rentenbeitragszahlern zu Rentenbeziehern betrug 2010 2,9 zu 1. In 2029, so die Vorhersage, wird es 2,1 zu 1 sein (U.S. Social Security Administration 2011).

 
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