Erwerb – Einkommen – Soziale Mobilitat

Im Vergleich zu der ausgezeichneten Wirtschaftslage zu Beginn des 21. Jahrhunderts konnte sich die Wirtschaft nach der schlimmsten Wirtschaftskrise (2007–2009) seit der „Great Depression“ der 1930er-Jahre nur langsam erholen. Obwohl zwischenzeitlich die Unternehmensgewinne Rekordho¨hen erreicht haben, bleibt die Beschaftigungs- und Arbeitsmarktlage unbefriedigend. Insbesondere die fur das amerikanische Selbstverstandnis so wichtige Arbeitslosigkeit konnte seit der drastischen Zunahme in 2007 noch immer nicht auf das auch im internationalen Vergleich exzellente Niveau von vor der Rezession zuruckgefuhrt werden (vgl. Abb. 4). Ende 2013 betrug die Arbeitslosenrate 6,7 % und die Inflationsrate 1,5 %. Das Ziel der Wirtschaftspolitik bleibt weiterhin an Wachstum und Schaffung von Arbeitsplatzen, insbesondere fur die Mittelklasse, orientiert (Council of Economic Advisers 2013, Bureau of Labor Statistics 2013a).

Die Beschaftigungsentwicklung in der letzten Halfte des 20. Jahrhunderts war durch tiefgreifende Veranderungen der Erwerbsstruktur im Bezug auf Gro¨ße und demografische Zusammensetzung gekennzeichnet. In den 1970er- und 1980erJahren gab es ein starkes Anwachsen der Erwerbstatigen, insbesondere durch die Zunahme der Frauenerwerbsquote und den Eintritt der Baby-boomer Generation in

den Arbeitsmarkt (vgl. Tab. 3 und 4). Seit Anfang der 2000er-Jahre sinkt jedoch die Frauenerwerbsquote und betrug 2011 58,1 %. Prognostiziert wird eine weitere Abnahme der Frauenerwerbstatigkeit (Bureau of Labor Statistics Reports 2013b). Die Zahl der Erwerbstatigen wird in 2022 auf 163,5 Mio. geschatzt bei einer jahrlichen Wachstumsrate zwischen 2012–2022 von 0,5 %. Diese Wachstumsrate wird niedriger sein als im Jahrzehnt zuvor (2002–2012), wo sie noch jahrlich 0,7 %

betrug. Die Erwerbsquote insgesamt wird nach der Prognose auf 61,2 % in 2022 abnehmen. 2013 betrug sie noch 62,8 % (Monthly Labor Review 2013; ferner Abb. 5). Aufgrund demografischer Entwicklungen wird auch die Erwerbsquote der 16bis 24-Jahrigen und die der 25-bis 54-Jahrigen abnehmen. Dahingegen wird eine Fortsetzung des Anstiegs der Erwerbsquote der 55bis 64-Jahrigen, sowie der 65bis 74-Jahrigen erwartet.

Eine weitere Veranderung betrifft die ethnische Zusammensetzung der Bevo¨lkerung. Hispanics (Manner) haben die insgesamt ho¨chste Erwerbsquote von allen Gruppen nach ‚Rasse' und Ethnie. Fur die schwarze Bevo¨lkerung wird eine sinkende Erwerbsquote bis 2022 vorausgesagt.

In Bezug auf die Wirtschaftssektoren setzt sich der Anstieg der Erwerbstatigen im Dienstleistungssektor fort. 2010 betrug der Anteil 81,2 % im Vergleich zu 74,3 % in 2000 (Statista 2014).

Die amerikanische Wirtschaft ist im Vergleich zu anderen Landern starker marktorientiert und weniger auf sozialstaatliche Regelungen ausgerichtet. Es besteht weiterhin ein Kostenvorteil in der amerikanischen Wirtschaft aufgrund geringer sozialer Zusatzleistungen bei den Lohnnebenkosten (vgl. Tab. 5).


3.1 Einkommen und Einkommensverteilung

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in den USA auch im Vergleich der Industrielander besonders hoch. Die USA haben unter den OECD-Landern den schlechtesten sozialen Schichtaufbau und die geringste soziale Mobilitat (Klein 2013, S. 17). Die Einkommensungleichheit ist seit den 1970er-Jahren stetig gewachsen. Insbesondere der Anteil der Mittelklasse, definiert als die mittleren 60 % der Haushalte, am Einkommen ist von 53,2 % in 1968 auf 45,7 % in 2011 gesunken. Hingegen ist der Anteil der oberen 20 % aller Haushalte auf 51,1 % und der oberen 5 % auf 22,3 % gestiegen. Das unterste Funftel der Einkommensschichten konnte in den letzten Jahrzehnten seinen Anteil nicht verbessern und verblieb unter 4 % (vgl. Tab. 6). Diese Einkommenskluft wird bei dem bloßen Betrachten des Durchschnittseinkommens nicht deutlich, wenngleich beim Vergleich mit dem Medianeinkommen der Zuwachs an der Spitze der Einkommenspyramide ersichtlich wird (vgl. Abb. 6). Erklarungen uber den zunehmenden Trend einer Einkommensungleichheit sind vielfaltig. Neben dem Verweis auf Globalisierungseffekte und technologische Fortschritte, etwa im Bezug auf das Qualifizierungsniveau der Facharbeiter, spielen weiterhin demografische und ethnische Faktoren eine Rolle. Auffallend ist das hohe Einkommensniveau bei den Asiaten (vgl. Tab. 7). Gleiches gilt fur das Bildungsniveau, das weiterhin Einfluss auf die Einkommensho¨he hat und dementsprechend auch bei den Berufsprofilen sichtbar wird (vgl. Abb. 7 und 8).

In der Bevo¨ lkerung wird die Einkommensungleichheit zunehmend als sozialer Konflikt zwischen Reich und Arm wahrgenommen. Sahen 2009 noch lediglich 47 % der Bevo¨lkerung in dieser Spaltung einen gesellschaftlichen Konflikt, waren es 2011 bereits 66 %. Insbesondere in der Mittelschicht bei den Einkommensklassen zwischen 40–75 Tausend Dollar jahrlich wuchs die Konfliktwahrnehmung um 24 Prozentpunkte auf 71 %. Unterschiede gibt es in der Einschatzung, inwieweit von einem schwelenden Klassenkonflikt gesprochen werden kann (Pew Research Center 2012a). Zum Vermo¨gen geho¨ rt auch der Besitz des eigenen Hauses. Der amerikanische Traum ist mit dem Wunsch nach einem eigenen Heim verbunden. Dieser alle Amerikaner verbindende außergewo¨hnliche Hang zu Hauseigentum (Cullen 2003, S. 148) hat in der Wirtschaftsrezession 2007–2009 einen schmerzlichen Einbruch erlitten. Mehr als 7 Millionen Amerikaner haben ihr Eigenheim verloren. Die Hauseigentumerrate liegt in 2013 bei 65,2 % so tief wie vor 20 Jahren und ist noch lange von der Rekordho¨ he von 69,2 % in 2004 entfernt (U.S. Census Bureau 2014, S. 5). Viel Hoffnung fur die wirtschaftliche Erholung wird auf die neue, gut ausgebildete und technikaffine Generation der Millennials, der heute 18bis 32-Jahrigen gesetzt, die nach 1980 geboren wurden. Die Beschaftigungsrate liegt bei ihnen in 2013 bei 65 % im Vergleich zu 2007 von 71 % und nur 34 % besitzen Hauseigentum (Pew Research Center 2013).

3.2 Soziale Mobilitat – Chancen des sozialen Aufstiegs

Chancengleichheit ist das zentrale Merkmal des amerikanischen Traums: der Glaube, dass jeder, der hart arbeitet sozial und wirtschaftlich erfolgreich sein wird.

Es ist die rags-to-riches story, die Geschichte vom Tellerwascher, der Millionar wird. 70 % der Amerikaner sind der Auffassung, dass sie entweder den American Dream schon verwirklicht haben, oder es zu einem spateren Zeitpunkt tun werden. Der Glaube an den sozialen Aufstieg starkt den amerikanischen Optimismus auch

in wirtschaftlich schlechten Zeiten. An diesen Glauben wird stets appelliert, so auch von Prasident Obama in seiner State of the Union Address 2014, wenn er erneut die Chancengleichheit fur alle beschwo¨rt (The White House, Office of the Press Secretary, Januar 28, 2014). Im Mittelpunkt steht die Einkommensmobilitat, deren Realitat allerdings anders als optimistisch aussieht. Die USA geho¨ren im internationalen Vergleich zu den Landern, in denen eine anwachsende Ungleichheit die Einkommensmobilitat der nachsten Generation junger Erwachsener begrenzt. Dieser Zusammenhang von Ungleichheit und intergenerationaler Einkommensmobilitat wird seit Ende 2012 unter der Bezeichnung Great Gatsby Kurve diskutiert (Corak 2013; S. 2–3). Es ist heute schwerer als fur fruhere Generationen, die Einkommensleiter hinauf zu klettern. 43 % der Amerikaner, die im unteren Ende der Einkommensleiter aufgewachsen sind, sind auch dort als Erwachsene geblieben und insgesamt 70 % erreichten niemals den mittleren Bereich. Nur 4 % erreichten jemals die Spitze der Einkommensleiter. Hingegen verblieben 40 % derjenigen, die an der Spitze der Einkommensleiter aufgewachsen sind, auch dort und insgesamt 63 % verblieben oberhalb des mittleren Bereichs (vgl. Abb. 9; Pew Charitable Trusts 2012).

Die Einkommensmobilitat wird erheblich durch das Bildungsniveau bestimmt. Ein vierjahriges Hochschulstudium beispielsweise begunstigt den Aufstieg und schutzt vor dem Abstieg auf der Einkommensleiter. 47 % derjenigen, die in der untersten Stufe der Einkommensleiter aufgewachsen sind und keinen Hochschulabschluss haben, bleiben auch dort als Erwachsene. Die Nichtwirksamkeit der

Chancengleichheit manifestiert sich auch bei den ‚Rassenunterschieden'. Schwarze Kinder, die in Einkommensarmut hineingeboren wurden, haben weniger Chancen auf einen Aufstieg als Weiße Kinder. Mehr als die Halfte der Schwarzen (53 %), die in der untersten Einkommensstufe aufgewachsen sind, verbleiben auch dort als Erwachsene (Levine 2012; Pew Charitable Trusts 2012, S. 18–22, 23–26).

Nichts zerrt so sehr am Nerv des amerikanischen Selbstverstandnisses, wie die Mo¨glichkeit zur Mittelschicht zu geho¨ ren und dort auch zu bleiben. Inzwischen wird von einem verlorenen Jahrzehnt fur die Mittelklasse gesprochen. Noch 2008 gaben 53 % der Amerikaner an, zur Mittelschicht zu geho¨ ren, 2012 waren es nur noch 49 %. In 2008 ordneten sich 25 % der Unterschicht zu, 2012 waren es 32 % (vgl. Abb. 10).

85 % der sich der Mittelschicht zuordnenden gaben an, dass es in den letzten 10 Jahren schwieriger geworden sei, den Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Die Mittelschicht hatte ferner Einbußen beim Einkommen und beim Vermo¨gen zu verbuchen. Die Wahrnehmung einer Abkopplung von der reichen Oberschicht wurde als eine neue soziale Ungleichheit perzipiert und von einem gedampften Optimismus fur die Zukunft begleitet (Pew Research Center 2012c). Im Vergleich zu anderen Landern wird immer auf die gro¨ ßere Toleranz in den USA gegenuber sozialer Ungleichheit hingewiesen. Diese Toleranz ist aber implizit verbunden mit dem Vorhandensein einer gro¨ßeren sozialen Mobilitat. Hohe Ungleichheit mit geringer sozialer Mobilitat bedroht den Glauben an den eigenen Erfolg (Ferguson 2013).

 
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