Wahlverhalten

Um Wahlverhalten zu erklaren, spielt die Identifikation mit politischen Parteien eine wichtige Rolle. Gemaß dem sozialpsychologischen Erklarungsansatz (Campbell et al. 1960) werden Burger bereits in jungen Jahren politisch sozialisiert und erwerben dabei ein Zugeho¨rigkeitsgefuhl zu einer Partei, das sich im Laufe des Lebens nur selten grundlegend andert. Das Wahlverhalten sollte weitgehend dieser Parteiidentifikation folgen, auch wenn kurzfristige Einflusse bzw. Abweichungen aufgrund der Beliebtheit der Kandidaten oder der Parteiprogramme grundsatzlich mo¨ glich sind. Infolgedessen sind drastische A¨ nderungen des Wahlerverhaltens kaum zu erwarten. Wird eine Partei von einer Mehrheit der Wahler unterstutzt, musste sie den politischen Wettbewerb uber mehrere Wahlen hinweg dominieren. Darauf aufbauend werden haufig mehrere Phasen des Parteiensystems unterschieden. Wahlerkoalitionen ko¨nnen sich aber auch wandeln. Dies ist dann der Fall, wenn sich gesellschaftliche Gruppen anderen Parteien zuwenden und wird als realignment bezeichnet (Key 1955, 1959). Realignment kann einerseits auftreten durch langfristige A¨ nderungen der Parteiidentifikationen. Andererseits kann es auch als Konsequenz von kurzfristigen Ereignissen – wie zum Beispiel außen- und innenpolitischen Konflikten, Wirtschaftskrisen oder der Ausdehnung des Wahlrechts auf bis dahin nichtwahlberechtigte Burger – zu sogenannten kritischen Wahlen kommen, in denen ein abruptes realignment stattfindet.

Als Paradebeispiel einer erfolgreichen Wahlerkoalition, die zur langjahrigen Dominanz der Demokraten gefuhrt hat, gilt die in der Prasidentschaft Franklin

D. Roosevelts geschmiedete New Deal Coalition. Neben der traditionellen Hochburg in den Sudstaaten („solid South“) konnte er vor allem Industriearbeiter aus dem Norden sowie katholische Wahler hinter sich bringen; spater kamen noch Afroamerikaner und Juden hinzu (Schreyer 2007). Die Wahlerbasis der Republikaner – vorwiegend bestehend aus White Anglo-Saxon Protestants (WASPs) – war hingegen kaum mehrheitsfahig. Infolgedessen identifizierten sich deutlich mehr Wahler mit den Demokraten als mit den Republikanern und da die meisten Wahler auch entsprechend ihrer Parteiidentifikation wahlten, waren beide Kammern des Kongresses – von kurzen Unterbrechungen abgesehen – jahrzehntelang in den Handen der Demokraten (s. ebd.).

Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg begann jedoch der schleichende Zerfall der

New Deal Coalition, der mindestens fur die Sudstaaten ein Lehrbuchbeispiel fur

langfristiges realignment darstellt (Niemi et al. 2011, S. 319–332). Weiße Sudstaatler wandten sich bereits in den 1950er Jahren von den Demokraten ab und den Republikaner zu, was sich bis in die 2000er Jahre kontinuierlich fortgesetzt hat. Ausgelo¨st wurde diese Entwicklung durch mehrere Faktoren: 1. Wahrend nach dem Zweiten Weltkrieg im Wahlverhalten noch kein merklicher Unterscheid zwischen einkommensstarken und einkommensschwachen weißen Wahlern im Suden auszumachen war, begannen weiße Wahler mit hohem Einkommen bereits in den 1950er Jahren sich den Republikanern zuzuwenden, wahrend solche mit eher niedrigen Einkommen mehr und mehr die Demokraten praferierten. Durch diese neue Politisierung der o¨konomischen Verhaltnisse passte sich das Wahlverhalten im Suden dem nationalen Muster an. 2. Die Demokratische Partei anderte ihre Haltung gegenuber der Rassentrennung, die sie zuvor stets unterstutzt hatte. Nachdem bereits 1948 der Parteitag sich fur die Gewahrleistung der Burgerrechte auch von Afroamerikanern ausgesprochen hatte – was zur Abspaltung einiger Befurworter der segregation fuhrte –, war der entscheidende Wendepunkt die Unterzeichnung des Civil Rights Acts 1964 durch Prasident Lyndon B. Johnson. Als Folge dieser Neupositionierung wahlen seitdem Afroamerikaner mit Mehrheiten um die 90 % fur die Demokraten. Im Gegenzug warben die Republikaner bereits ab 1968 mit ihrer „Southern strategy“ erfolgreich um weiße Wahler im Suden, deren Ansichten teilweise rassistischen Ressentiments zugrunde lagen.

3. Ab den 1980er Jahren wurden außerdem moralisch umstrittene und religio¨s aufgeladene Themen wie Abtreibung oder gleichgeschlechtliche Ehen zunehmend politisiert. Auch hier wandten sich konservativere Wahler im Suden immer starker den Republikanern zu.

Im Ergebnis fuhrte das realignment dazu, dass die Republikaner die Demokraten als Mehrheitspartei im Suden abgelo¨st haben. Umgekehrt konnten aber auch die Demokraten ihre Position an der Westkuste und im Nordosten des Landes festigen. Entgegen der gewohnten Erwartung, dass durch ein realignment die zuvor unterlegene Partei, also die Republikaner, danach in einer vorherrschenden Position sein musste, hat sich stattdessen auf nationaler Ebene schon seit zwei Jahrzehnten ein Patt eingestellt. Einige sprechen daher nicht von einem realignment. Stattdessen ist auch die These des dealignments verbreitet, die eine generell abnehmende Bindung der Wahler an politische Parteien bezeichnet. Auch dafur gibt es Anzeichen. So hat seit den 1950er Jahren der Wahleranteil, der sich stark oder schwach mit den Demokraten identifiziert, von 47 % auf 34 % abgenommen (Stanley und Niemi 2011, S. 107). Zugenommen hat hingegen der Anteil der Wahler, die bei einer Befragung zunachst antworten, unabhangig zu sein, um dann bei einer Nachfrage doch eine Neigung zu einer Partei zugeben (leaners). Aber auch die Unabhangigen im engen Sinn haben sich von 6 % 1952 auf 11 % 2008 vergro¨ßert. Allerdings finden seit zwei Jahrzehnten keine nennenswerten Verschiebungen mehr statt und im selben Zeitraum hat der zuvor seit 1968 erho¨ hte Anteil an Wahlern, die entgegen ihrer Parteiidentifikation abstimmen, wieder merklich abgenommen (Schreyer 2007, S. 277). Die Hochzeit des dealignments durfte also voruber sein. Dennoch sind die Wahler heute weniger fest an die Parteien gebunden als zu Zeiten der New Deal Coalition. Das ero¨ffnet den Parteien die Mo¨ glichkeit, sich starker mit Kandidaten und Themen zu profilieren und damit ihre Wahlerkoalitionen zu erweitern. Beispielsweise gelang es den Republikanern durch die Politisierung von moralischen Themen wie Abtreibung oder gleichgeschlechtlichen Ehen, religio¨se Wahler starker an die Partei zu binden.

 
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