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2 Die mediale Berichterstattung

Bereits die Anzahl der Beiträge in den untersuchten Medien, die den Vorfall thematisierten, verrät, dass der Fall die Medien interessiert hat. Die überregionalen Tageszeitungen [1] druckten im Zeitraum vom 20. August 2007, und damit bereits ab dem ersten Tag nach dem Übergriff bis zum 1. Februar 2008 jeweils über 50 Artikel. Die Süddeutsche Zeitung publizierte sogar 94 Artikel in ihrer Print-Ausgabe. Hinzu kam eine aktuelle und ausführliche Berichterstattung in den OnlineDiensten. Von einigen Zeitungen wurden spezielle Informationsforen eingerichtet, inklusive Bildmaterial. [2]

Die Berichterstattung zum „Fall Mügeln“ war in allen untersuchten Zeitungen intensiv, wobei FAZ, FR und Die Welt nahezu gleich häufig berichteten, während die TAZ eine leicht höhere, die SZ eine erheblich höhere Artikelanzahl verzeichnete. Auch die überregionalen Wochenzeitungen berichteten. Im Spiegel und insbesondere in der Zeit wurde der Fall häufig als bloße Referenz zum Thema „Rechtsextremismus“ oder „rassistische Gewalt“ genutzt – daher die deutlich höhere Anzahl ihrer Artikel (print) gegenüber dem Focus. In den – tagesaktuellen – Online-Diensten wurde ähnlich intensiv wie in den Tageszeitungen (print und online) berichtet. Die Zeit berichtete hier deutlich weniger. Die Mitteldeutsche Zeitung ist eine Zeitung mit lediglich regionaler Reichweite, ihr Umfang ist deutlich kleiner als der der überregionalen Zeitungen und des Tagesspiegels – was die geringere Artikel-Anzahl in dieser Zeitung erklären kann. Die Sächsische Zeitung allerdings, deren Umfang ebenfalls deutlich schmaler ist, berichtete – als Zeitung der betroffenen Region – am intensivsten.

2.1 Impulse und Problemanalyse im zeitlichen Verlauf
2.1.1 Phase 1: Ausländerhasser und Rechtsextreme

Der Vorfall wird den Medienvertretern durch Bürger, die Zeugen des Vorfalls waren, Engagierte aus der näheren Umgebung und zivilgesellschaftlichen Organisationen aus der Region bekannt. Berichtet wird von ausländerfeindlichen, rassistischen und extrem rechten Rufen („Ausländer raus!“, „Hier kommt der nationale Widerstand“) und dem aggressiven, gewalttätigen Verhalten gegen die als „fremd“ Stigmatisierten und die Polizei. Bereits am Tag nach dem Vorfall treffen die ersten Journalisten in der Kleinstadt Mügeln ein und fotografieren die verletzten und geschockten Gesichter der Opfer. Berichte über den Vorfall erscheinen unter stichwortartigen Überschriften wie „Rechtsextremismus“, „Rechtsradikalismus“ oder „Ausländerfeindlichkeit“. In einigen Berichten wird von Neonazis als mutmaßliche Täter berichtet (vgl. Schellenberg, 2014a, S. 232ff.).

Die Zeitungen bringen in den folgenden Tagen den Vorfall als „Thema des Tages“ oder „Brennpunkt“ auf der Titelseite ihrer Printausgaben. [3] Neben schlichten Meldungen werden ausführliche Berichte gedruckt. Dabei wird die lebhafte regionale rechtsextreme Szene beschrieben, ebenso das Ausmaß rechtsextremer Gewalt in Deutschland. Zudem erscheinen Informationskästen zu Begriffen wie

„No-go-Area“ und Interviews mit Vertreterinnen von Beratungsstellen zu rassistischer Gewalt oder der Jüdischen Gemeinde. Die Einschätzung „rechtsextrem“ wird von den Print-Zeitungen geteilt, unabhängig davon, ob es sich um regionale oder überregionale Medien handelt, um Publikationen aus den neuen oder alten Bundesländern und auch weitgehend unabhängig von der politischen Ausrichtung des Mediums. Allerdings gab es in den ersten Tagen vereinzelt zurückhaltende Stimmen in der Presse. So betont die Rheinische Post, man solle erst einmal die Ermittlungen abwarten, bevor man „Neonazi-Überfall“ rufe. [4] Auch die konservativen Blätter FAZ und Die Welt drucken anfangs jeweils (nur) einen Artikel, in dem auch gefragt wird, ob es sich – wie mutmaßlich im „Fall Sebnitz“[5] – um eine falsche Rechtsextremismus-Zuschreibung handeln könnte. [6]

Dramatisierung, Dämonisierung und Entmenschlichung: Während das Geschehen als „rechtsextrem“ eingeordnet wird, wird die Täter-Gruppe in den Berichten häufig als „Meute“ oder „Horde“ bezeichnet. Beispiele sind: Ausländer bzw. Migranten „wurde(n) (...) von einer Meute Neonazis durch Mügeln gejagt und brutal zusammengeschlagen“, „Mob von Mügeln“, „Horde Neonazis samt Sympathisanten“ und „Mob von 50 deutschen Jungmänner(n)“ oder „rechtsradikale Prügelhorden in Mügeln“. Häufig verwendet wird auch der Begriff „Hetzjagd“. So heißt es etwa: „Ausländerjagd in Mügeln“, „Hetzjagd auf Ausländer“, „brutale Treibjagd“, „Menschenjagd von Mügeln“, „Hetzjagd auf Inder in Sachsen“, „Hetzjagd auf Ausländer in Sachsen“ oder „brutale Hetzjagd auf indische Besucher im sächsischen Mügeln“ (vgl. Schellenberg, 2014a, S. 257f.). Sowohl die Begriffe „Meute“ und „Horde“ als auch „Hetzjagd“ veranschaulichen und dramatisieren das Tatgeschehen. Mit den Begriffen „Meute“ und „Horde“ werden die Täter entindividualisiert und entmenschlicht. Sie werden im Kontrast zu „normalen“ Menschen dargestellt und als animalisch, verroht und aus einer niedrigen Bildungsund Sozialschicht stammend beschrieben. Mit dem Begriff „Hetzjagd“ wird die Perspektive auf die Opfer gelenkt. Sie würden behandelt wie Tiere, die verfolgt werden, weil sie eingefangen und ermordet werden sollten. Manchmal wird betont, dass die Hetzjagd durch die „gesamte Stadt“ bzw. „die Stadt“ ging – allerdings lässt der Begriff „Hetzjagd“ – auch ohne konkrete Lokalisierung – durchaus assoziieren, dass die Opfer über eine längere Zeit oder Strecke „gejagt“ wurden. Da dies nicht zutrifft, der Fluchtort war etwa 30 bis 50m vom ersten Ort des Übergriffes entfernt, greifen die Kritiker „die Medien“ für diese Begriffsverwendung später an.

In der ersten Phase der Berichterstattung, als von einem Neonazi-Übergriff ausgegangen wird, gibt es keine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Tätern, ihren Beweggründen und Ursachen für ihre Probleme, es werden auch keine Möglichkeiten diskutiert, wie bei entsprechenden Taten gegengesteuert werden könnte.

2.1.2 Phase 2: Keine Rechtsextremen.Was steckt hinter der Gewalteskalation?

Bereits am Tag zwei und drei nach dem Übergriff wenden sich Polizei und Staatsanwaltschaft mit Pressemitteilungen an die Öffentlichkeit: Hierin heißt es, ein rechtsextremer Hintergrund sei auszuschließen und selbst ein fremdenfeindliches Motiv müsse nicht vorgelegen haben. Dass dies behauptet wird, obwohl die diensthabenden Polizisten noch in der Tatnacht das Delikt der „Volksverhetzung“ aufgenommen hatten und obwohl die bereits vorliegenden Aussagen von Polizisten, Zeugen, inklusive Opfern, in den Polizeiakten klar das Gegenteil belegen, bleibt der Öffentlichkeit unbekannt.

Aufgrund der Fehlinformation durch die Ermittlungsbehörden verändert sich die Berichterstattung: Gemeldet wird nun, dass die polizeilichen Ermittlungen keinen rechtsextremen Hintergrund bestätigt haben. Fest stünde, dass es sich weder um einen von Rechtsextremen „geplanten Vorfall“ noch um einen Übergriff, „an dem organisierte Rechtsextreme beteiligt gewesen seien“ handele. [7] Allerdings bleibt der „Fall Mügeln“, trotz des (angeblichen) Ermittlungsergebnisses, „kein Rechtsextremismus als Tathintergrund“, Thema der Presse. Es kommt sogar zu einer zeitlich längeren und nun auch inhaltlich intensiven Auseinandersetzung: In der Öffentlichkeit wird heftig darüber gestritten, ob es sich um einen fremdenfeindlichen bzw. rassistischen Vorfall handelte oder nicht. Das Thema wird kontrovers diskutiert – und hält sich gerade durch den Nachrichtenfaktor „Kontroverse“ in den Medien. Außerdem war zwar die Feststellung „Rechtsextremismus“ eine vielfach replizierte Nachricht wert, doch hatte der Befund kaum zu einer Auseinandersetzung mit Verursachern und Hintergründen der Gewalteskalation geführt. Jetzt, als geglaubt wird, „Neonazis“ hätten nichts mit der Tat zu tun, gewinnt das Thema für viele Medienvertreter an Bedeutung. Die Frage, warum sich „normale“, nicht-rechtsextreme, Bürger in eine fremdenfeindliche/rassistische „Gewaltorgie“ verstiegen, scheint für viele Journalisten und Redaktionen interessanter als die Frage, was Rechtsextreme bewegt (und warum viele Bürger zuschauen).

Denn: Angesichts der bereits stattgefundenen Interviews mit Zeugen, auch Opferzeugen, eigner Beobachtungen in der Kleinstadt, aber auch erster patriarchalischer Abwehrversuche des Bürgermeisters sind sich die meisten Journalisten sicher: hier spielt Fremdenfeindlichkeit/Rassismus eine Rolle. So beginnt in den Medien eine lebhafte Diskussion über (Mit-)Verursacher der Gewalt, die Sozialisationshintergründe der scheinbar „normalen“ Beteiligten sowie ihre möglichen negativen Eigenschaften und Beweggründe.

Tabelle 1 Problemanalyse Journalisten

Impuls von außen

Deutung: Problem

(Mit-) Verursacher

Begründung/ Argumentationsmuster

Zeugenberichte, auch Opferzeugen, Gespräche vor Ort

Der Fall war „rechtsextrem“, „neonazistisch“ motiviert.

Rechtsextreme und/oder Neonazis (keine weiteren Verantwortlichen werden festgestellt)

---

Pressemitteilung der Polizei und Staatsanwaltschaft:

kein Rechtsextremismus,

vielleicht auch keine fremdenfeindliche Motivation,

Hintergründe noch unklar

Der Fall war

„rassistisch“ bzw.

„fremden-feindlich“ motiviert.

Rassisten/ Fremdenfeinde

in „spezifischen Regionen“

Zeigt sich häufig in

a) manchen Regionen

b) Sachsen

c) Ostdeutschland

Lokalund Regionalpolitik

a) ... weil Äußerungen des Mügelner Bürgermeisters Verdrängung der Probleme und/ oder eigenen Rassismus zeigen.

b) ... weil Politiker Probleme nicht zugeben wollen (Abwiegelung).

c) ... weil es viele Probleme in der sächsischen Politik gibt und diese nicht gelöst werden.

-7 Aber auch: Einordnung der zum Teil mehrdeutigen Äußerungen der Lokalund Regionalpolitik als problemorientierte Stellungnahme.

Polizei

a) ... zeigt sich in Äußerungen zum Vorfall.

b) ... zeigt sich auch in unsensibler und inkorrekter Behandlung der Opfer.

a Die Tabellen in diesem Artikel stellen überarbeite Versionen aus Schellenberg 2014a dar.

Problemanalyse: Ausführlich wird diskutiert – angereichert durch Zitate diverser Akteursgruppen – warum es in der Kleinstadt zu den fremdenfeindlichen Ausschreitungen kommen konnte. Wiederkehrende Muster der Argumentation sind: Es müsse eine allgemein verbreitete Fremdenfeindlichkeit unter den Mügelner Altstadtfestbesuchern geben. Und: Diese sei typisch für „spezifische Regionen“. Diese Regionen werden nicht immer verortet, allerdings wird häufig speziell auf das Bundesland Sachsen Bezug genommen oder generell auf Ostdeutschland. Als Problemverschärfer wird zudem recht häufig auf den Mügelner Bürgermeister als Vertreter der Gemeinde und zum Teil auch auf die Sächsische Staatsregierung verwiesen: ihre Reaktionen werden als Mangel an Aufklärungswillen interpretiert, zum Teil wird auch Fremdenfeindlichkeit bei den Zuständigen selbst vermutet und mit Zitaten untermauert (der Bürgermeister hatte der Financial Times gegenüber geäußert: „Ausländer-raus-Rufe können jedem Mal über die Lippen kommen“). Einzelne Journalisten glauben darüber hinaus, dass die Polizei eine problematische Rolle bei der Bearbeitung des Vorfalls spielt, auch weil einige ihrer Vertreter gegenüber der Gruppe der Opfer voreingenommen zu sein scheinen (eine Ermittlerin hatte formuliert: „Die Inder sollten sich jetzt nicht in die Opferrolle hineinsteigern“).

Normorientierungen: Das Selbstverständnis eines friedliebenden, vielfältigen, demokratischen Deutschlands sehen die meisten Journalisten durch den Vorfall und seine Bearbeitung angegriffen. Der Vorfall gewinnt daher für Viele noch grundlegender an Bedeutung, als zunächst von der Polizei und Staatsanwaltschaft ausgeschlossen wurde, dass die Verursacher des rassistischen Vorfalls Neonazis waren. Als besonders bedrohlich wird empfunden, dass sich viele Bürger, die nicht zur extrem rechten Szene gehören, an den Ausschreitungen beteiligten. Vor dem Hintergrund der eigenen Normvorstellungen, die sich – ob bewusst oder unbewusst – auf das Grundgesetz und menschenrechtliche Standards beziehen, steht zum einen der rassistische Gewaltakt an sich in der Kritik, zum anderen aber auch jene Bürger und Institutionen, die akzeptierten, dass die Grundrechte verletzt wurden und jene, welche eine effektive Aufklärung behindern.

Doch obwohl die Berichterstattung nun „Rassismus“, „Fremdenfeindlichkeit“ und „fremdenfeindliche Gewalt“ thematisiert, wird diese neue inhaltliche Einordnung in den Überschriften (die übrigens selten von den Autoren selbst stammen) häufig nicht durchgehalten: Es finden sich weiterhin „Rechtsextremismus“-Headlines. Dies deutet darauf hin, dass die Themen „Rassismus“ und „Fremdenfeindlichkeit“ kaum selbstständig, sondern als Teile der Kategorie „Rechtsextremismus“ wahrgenommen werden. Durch die undifferenzierten Überschriften kommt es aber zu argumentativen Widersprüchen bzw. zu einer mangelnden Stringenz in der Argumentation. Damit eröffnet sich auch eine Angriffsfläche für Kritiker, die „den Medien“ vorwerfen, immer wieder unberechtigt, aber hysterisch, „Rechtsextremismus“ zu thematisieren – und kann somit zum Beweis für die (angeblich) mangelnde Glaubwürdigkeit der Medien herangezogen werden.

Das „Ost“-Framing: Häufig kommt es (nicht in der Sächsischen Zeitung) zu einer weiteren nicht unproblematischen Zuschreibung: Breiten Raum nimmt die Diskussion, (ob und) warum Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus speziell ostdeutsche Probleme seien, ein. Es werden diverse Ursachen diskutiert und Erklärungen gefunden. So wird der Vorfall oft recht schlicht und stigmatisierend als „Problem Ostdeutschland“ eingeordnet und damit scheinbar „erklärt“. Natürlich ist es nicht entscheidend, dass sich der Vorfall, der rassistische und rechtsradikale Übergriff, das Wegschauen, Vertuschen und Verdrehen von Tatsachen in Mügeln, in Nordsachsen, in Sachsen, in Ostdeutschland ereignet hat. Es scheint sich eher um eine Abwehrhaltung zu handeln: Pauschale, vorurteilsgeleitete Einordnungen von Problemen helfen den Urhebern, sich persönlich nicht mit entsprechenden Phänomenen tiefer und auch selbstreflexiv auseinandersetzen zu müssen. Zwar ist eine örtliche, regionale, kulturell-historische Einordnung des Vorfalls nicht völlig irrelevant. Aber die Vehemenz und Emotionalität, mit der eine örtlichkulturelle Zuordnung die Debatte über den Vorfall prägt, muss verwundern. Sie zeigt, dass Ost-West-Befindlichkeiten die Debatte über „Rechtsextremismus“ in problematischer Weise überlagern. Die Ost-Fokussierung führt sogar dazu, dass herangezogene Experten, wie der Wissenschaftler Wilhelm Heitmeyer, entsprechend der Kategorisierung „Rechtsextremismus ist ein Problem Ostdeutschlands“ zitiert werden, obwohl deren Forschungen diesem Befund differenziert widersprechen.

Allerdings wird das „Ost“-Framing keineswegs flächendeckend durch „die Medien“ betrieben und wird in einigen Berichten deutlich kritisiert. Nachhaltig thematisiert und diskutiert wird es in der ostdeutschen Sächsischen Zeitung. Eine starke öffentliche Diskussion um den „Fall Mügeln“ und eine Fokussierung auf „Ostdeutschland“ wird als einseitig und diskriminierend beklagt. Doch trotz offensichtlich problematischer Muster bei vielen Journalisten, kann keinesfalls von einer pauschalen Verurteilung durch „die Medien“ gesprochen werden. Allerdings zeigte die Gesamtanalyse, dass die Ost-West-Befindlichkeiten die Debatte über Rechtsextremismus und Rassismus überlagerten – sie scheinen (das legen die Inhalte der Artikel und Leserbriefe/-kommentare nahe) mit dafür verantwortlich zu sein, dass sich das Thema relativ lange in den Medien hielt.

Verurteilung einer Stadt? Ein weiterer Vorwurf gegen „die Medien“ ist, dass sie die Kleinstadt Mügeln pauschal verurteilen würden. Unmittelbar nach dem Übergriff besuchten Journalisten diverser Medien Mügeln, fotografierten und suchten das Gespräch mit Bürgern, dem Bürgermeister und vor Ort anzutreffenden Opfern.

Die Journalisten kommen, als die Menschen vor Ort noch keine Antworten auf die vielen Fragen, die sich nach den Ausschreitungen ergaben, gefunden hatten. Die Journalisten fragten und waren schnell für Viele unerwünschte Gäste. Die meisten Kleinstadtbürger fühlten sich überfordert von den Medien-Teams, die in ihre kleine, ruhige Stadt kamen und eine Vielfalt und Unruhe mitbrachten, die es dort nicht gab. Nur Einzelne waren den gegenüber Journalisten auskunftsbereit: Einige Bürger, die zum Teil nicht beim Namen genannt werden wollten, und die Opfer. Bereits einen Monat nach dem Übergriff wollten auch die Opfer nicht mehr mit der Presse reden, weil sie den Eindruck hatten, diese verschlimmere bestehende Probleme.

Tatsächlich berichten Journalisten oft kritisch über die Bürger und den Bürgermeister der Kleinstadt. Die Mügelner werden vielfach als Passive beschrieben; sie seien oft selbst fremdenfeindlich oder es fehle ihnen an Zivilcourage und einer eigenen Haltung. So berichtet der Stern beispielsweise, dass viele Bürger dem Vorfall passiv beiwohnten. Sie würden „Rechtsradikalen“ eine Bühne geben. Hingegen stellt die sächsische Regionalzeitung, Sächsische Zeitung, die sehr breit berichtet, die Bürger auch als „ausländerfreundlich“ dar.

2.1.3 Phase 3: (Noch) eine Wende in der Einschätzung der Tathintergründe?

Eine gute Woche nach der Gewalteskalation beschäftigt eine neue Nachricht die Medien: Der Focus (print) berichtet, dass die Polizei bestätigt hat, inzwischen gebe es „Anzeigen von Deutschen gegen Inder“ (die bisher als Opfer bekannt sind). Das Blatt spottet: „Sachsen. Die üblichen Verdächtigen“ und glaubt, „politisch korrekte Meinungsmacher“ könnten einen harmlosen Fall zum rechtsextremen oder fremdenfeindlichen Übergriff stilisieren. [8] Ähnlich hatte schon einige Tage zuvor die Junge Freiheit argumentiert. [9] Doch erst mit dem Printartikel im Focus kommt die Idee, die Opfer könnten auch Täter sein, in der seriösen Presse an. In vielen Medienorganen wird nun verkündet: Es gebe eine Wende in den Ermittlungen, die Inder seien Täter. Diese Nachricht wird als neu in den Medien repliziert, meist ohne Einordnung durch die Autoren. Besonders häufig heißt es „Inder sind möglicherweise auch Täter“, etwas seltener wird die Nachricht als Befund präsentiert „Inder sind auch Täter“ und nur sehr selten wird zwar die neue Nachricht mitgeteilt, jedoch ihre Bedeutung kritisch hinterfragt: in diesen wenigen Berichten wird betont, dass die Migranten mit indischen Wurzeln Opfer rassistischer Gewalt bleiben und dass einer Anzeige gegen die Opfer allein keinerlei Bedeutung zukommen müsse, da prinzipiell Jeder gegen Jeden Anzeigen erstatten könne. Beachtlich ist an dieser Stelle, wie wenige Journalisten die Nachricht kritisch reflektieren (können?).

Schon einige Tage darauf folgt allerdings der nächste Impuls, durch die Junge Freiheit. Am 31. August veröffentlicht die Wochenzeitung ein Interview mit dem Mügelner Bürgermeister, das von der Presse vor allem kritisch aufgenommen wird. Der Bürgermeister äußert sich hierin abwertend über all jene, die dem Vorfall eine fremdenfeindliche oder rechtsextreme Bedeutung zusprechen. Er behauptet, Mügeln werde durch Medien und Politik unzulässig vorverurteilt und sagt auch, möglicherweise wären „die Inder“ (mit)schuld am Geschehen. Seine Interpretation des Falls und der Debatte gewinnt einen deutlich rechtsradikalen Drall (vgl. unten ausführlich). Das Bürgermeister-Interview in der rechtsradikalen Zeitung garantiert weiterhin Konflikt und Kontroverse und verlängert damit die starke Präsenz des „Falls Mügeln“ in den Medien. Erst nach einigen Tagen geht die Intensität der Berichterstattung wieder zurück. Das Interview scheint vielen Journalisten (wieder) vor Augen zu führen, dass es sich um einen rassistischen und fremdenfeindlichen Übergriff gehandelt haben muss. Als Chronisten geben sie kritische Zitate aus der gesamten Bundesrepublik, insbesondere von Regionalund Bundespolitikern, wieder. Diskutiert wird, ob nicht der Bürgermeister mit seinen Aussagen Teil des Problems „Rechtsextremismus“ und „Fremdenfeindlichkeit“ ist, kritisiert wird auch, dass er sich einer rechtsradikalen Zeitung als Interviewpartner zur Verfügung stellte. Allerdings berichten viele Journalisten nicht alleine durch Zitate, sondern kommentieren auch kritisch selbst. Sie erinnern beispielsweise an frühere problematische Aussagen des Bürgermeisters (etwa gegenüber der Financial Times Deutschland „fremdenfeindliche Parolen können jedem mal über die Lippen kommen“) und bemängeln, dass er nicht Probleme in der Kleinstadt thematisiert.

Kon.ftikt und Kontroverse: Die Nachrichtenfaktoren „Konflikt“ und „Kontroverse“ sind mit ausschlaggebend für die lange Präsenz des Falls in den Medien (vgl. Tabelle 2). Jedoch fällt auf, dass die mediale Inszenierung der Kontroverse zum Teil mehr handwerkliche Schablone ist als eine korrekte inhaltliche Auseinandersetzung: insbesondere die Positionen der Politik (Bundesparteien) werden als kontrovers dargestellt, obwohl diese weitgehend identisch in ihren Deutungen und Normsetzungen (insbesondere Bundespolitiker) sind. Zivilgesellschaftliche Akteure hingegen werden – ebenso realitätsfern – recht einmütig als Kontrapunkt zur Politik präsentiert. Überraschend wird übrigens überdurchschnittlich häufig der Zentralrat der Juden befragt.

Dass es sich tatsächlich um einen Konflikt über Aufklärungswillen und bundesdeutsche Normen handelt, den zwei ideologische Gruppen konflikthaft austragen, wird kaum sichtbar. [10] Auf der einen Seite die Zeugen, inklusive Opfer, ihre Unterstützer wie Opferanwälte und zivilgesellschaftliche Organisationen, Bundespolitiker, viele Regionalpolitiker und die Journalisten selbst, auf der anderen Seite die Radikale Rechte, die Ermittlungsund Sicherheitsbehörden, die lokale Politik und – mit im Verlauf der Debatte zunehmenden Positionierungsschwierigkeiten – die sächsische Staatsregierung/CDU.

2.1.4 Phase 4: Abklingen und Ende der Berichterstattung

Nach dem Abklingen der Kommentare über das Bürgermeister-Interview sinkt die Quantität der Berichterstattung rapide. Berichtet wird nur dann wieder, wenn Urteile in den Gerichtsverfahren gefällt werden. Aufsehen erregt vor allem der Urteilsspruch vom 4. Dezember 2007 gegen einen (Haupt-)Täter wegen Sachbeschädigung und Volksverhetzung. Das Gerichtsurteil (acht Monate Gefängnis) provoziert wieder ausführlichere Artikel und Hintergrundberichte. Die Presse druckt die Begründung des von Vielen als hart bewerteten Urteils: Die Tat sei „im Vorfeld eines Pogroms“[11] verübt worden. Die Medien titeln „Es war der Anfang eines Pogroms“ oder „Knapp am Pogrom vorbei“.[12] In den bald erscheinenden Jahresrückblicken wird der Vorfall dann noch einmal thematisiert, dabei wird er als „rassistischer“ bzw. „fremdenfeindlicher“ Übergriff „im Vorfeld eines Pogroms“ erinnert. Von einigen Medien werden zudem die staatlichen Bearbeitungskompetenzen, insbesondere des Bürgermeisters und der Polizei, kritisch erinnert. Der Focus (print) erzählt eine etwas andere Geschichte, ist damit aber innerhalb der überregionalen, seriösen Medien alleine:

„Im Juni 2007 endete der Prozess im Fall Ermyas M. mit einem Freispruch. Der vermeintlich extremistische Überfall war zur Schlägerei unter Betrunkenen geschrumpft. Nichtsdestotrotz wiederholte sich das Szenario der Vorverurteilung einen Monat später nach einer Schlägerei im sächsischen Mügeln: Obwohl bis heute nicht geklärt ist, was genau passiert war, sprachen die meisten Medien von einer

‚ausländerfeindlichen Hetzjagd'. Es gab aber nicht nur acht (durch Schläge) verletzte Inder, sondern auch vier (durch Stiche und Schnitte) verletzte Deutsche, und keiner weiß, wer angefangen hat. Von den verletzten Deutschen war deshalb sicherheitshalber meist gar nicht erst die Rede. Was hoffentlich kein Trend wird.“ [13]

Dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits ein erstes einschlägiges Urteil gegen einen (Haupt-)Täter u. a. wegen Volksverhetzung in Tateinheit mit Sachbeschädigung vorlag, bleibt unerwähnt. [14]

Tabelle 2 (Neu-) Interpretation nach Impulsen/„Nachrichten“

Datum

Impuls/

„Nachricht“

Kernaussage

(Neue) Interpretation Medien (Häufigkeit)

Art der Berichterstattung

21. und 22.08.2007

Pressemitteilungen Polizei und Staatsanwaltschaft

Es gibt keinen rechtsextremen

Hintergrund.

Ob Fremdenfeindlichkeit eine Rolle spielte, müssen die Ermittlungen erst noch zeigen.

Keine Rechtsextremen.

Der Vorfall war fremdenfeindlich motiviert.

Chronisten & Aufklärer

27.08.2007

Artikel im Focus (Print)

Basiert auf

Artikel der Jungen Freiheit

vom 24.08.2012

und

Polizeiaussage: Anzeige von Deutschen/gegen Inder* erstattet.

Es gibt eine Wende in den Ermittlungen:

Die Inder sind (auch) Täter.

Inder sind auch Täter. (++)

Vorwiegend als Chronisten berichtet, selten eigene Einordnung der Informationen.

Inder sind möglicherweise auch Täter. (+++)

Inder sind Opfer – es hat sich nichts verändert. (+)

Tabelle 2 (Fortsetzung)

Datum

Impuls/

„Nachricht“

Kernaussage

(Neue) Interpretation Medien (Häufigkeit)

Art der Berichterstattung

31.08.2007

Mügelner Bürgermeister

im Interview mit der Jungen Freiheit

Der Fall war weder fremdenfeindlich noch rechtsextrem.

Die wahren Täter sind Inder, Medien und die Bundespolitik (etc.).

Kritik am Interview mit Rechtsradikalen

(+++)

Kritik wird häufig über Zitate geübt, insb. von Bundespolitikern aller Parteien. Zudem: Vielfach eigene Stellung-nahmen von Journalisten.

Bürgermeister hat selbst Problem mit RE u. Ff. (+++)

Bürgermeister ist nicht mehr tragbar (gegen Grundwerte verstoßen)

(+)

4.12.2007

Urteilsspruch Amtsgericht Oschatz

Es war ein besonders schlimmer Fall („Im Vorfeld eines Pogroms“),

u. a. Volksverhetzung

Es war ff, gewalttätig, gefährlich

(+++)

Sachliche Berichte über Urteilsspruch. Teilweise auch Kommentierung.

Kein problematischer Fall, scheinbar nicht fremdenfeindlich oder rechtsextrem (nur Focus Print, 10.12.07)

Ignoriert Urteilsspruch

Im Januar 2008 berichten viele Zeitungen, allerdings knapp, wieder über den „Fall Mügeln“ und zwar, weil Zeuginnen, die einen weiteren Täter belasteten, erfolglos versuchten, ihre Aussagen wegen Erinnerungslücken zurückzunehmen. Dass die folgenden Urteile mild ausfielen oder nach späteren Revisionen zurückgenommen bzw. abgemildert wurden, dass die Neonazi-Gewalt in Mügeln explodierte und die NPD in den kommenden Stadtrat einzog, ging im medialen Alltag unter. Keine Nachricht auch, dass viele, die sich damals in Mügeln gegen Rassismus und Neonazismus engagierten, inzwischen fortgezogen sind, weil sie selbst zu Opfern der Neonazis wurden. Nur einzelne investigativ arbeitende Journalisten besuchten noch einmal ein Jahr nach dem Übergriff das Mügelner Altstadtfest 2008: hier stellten Neonazis ihre Dominanz deutlich zur Schau. Meine Veröffentlichungen haben allerdings 2014 zum Wiederaufgreifen des Vorfalls in den Medien geführt. [15]

  • [1] Komplett erfasst wurden Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und die Welt. Weitere berücksichtigte Zeitungen vgl. Literaturverzeichnis.
  • [2] Die Berliner Zeitung schaltet in Reaktion auf den Fall Mügeln am 21. August ein Dossier „Rechtsextremismus“: berliner-zeitung.de/rechte-gewalt (10.01.2015). Andere Medienorgane nutzen bereits vorhandene Seiten ihrer Institution, um den Fall Mügeln ausführlicher zu thematisieren, Stern etwa eine Themenseite zu „NeonaziGewalt“, die sie bereits im Juli 2007 eingerichtet hatte und ihre mut-gegen-rechte-gewalt-Seite.
  • [3] Beispielsweise ist Mügeln das Tagesthema in der Berliner Zeitung vom 21.08.2007, in der TAZ am 22.08.2007 und in der FR sowohl am 21.08. als auch am 23.08.2007, in der MZ am 22.08.2007 in der SZ am 23.08.2007; SäZ vom 25./26.08.2007; MZ vom 22.08.2007, S. 4; Die Welt am Sonntag vom 26.08.2007: „Rechte Gewalt in Deutschland.“ Von Freia Peters. Zudem stellt die MZ ein Brennpunkt zu Mügeln ins Netz. Ebenfalls werden Fernsehbeiträge gesandt, z. B. ein Kontraste-Beitrag, ARD vom 20.09.2007: „Mügeln – eine Stadt wäscht sich rein.“ Von Caroline Walter und Alexander Kobylinski (Zeit: 7:42 min). rbb-online.de/kontraste/ueber_den_tag_ hinaus/extremisten/muegeln_eine_stadt.html (10.01.2015).
  • [4] Rheinische Post: „Der Mob und das Dorf Mügeln.“ Vom 20.08.2007. Von Reinhold Michels. presseportal.de/pm/30621/1035325/rheinische_post (10.01.2015).
  • [5] Der Tod eines Jungen in Sebnitz wurde zunächst als rechtsextrem motiviert eingestuft, was zu einer großen öffentlichen Debatte führte. Die Gerichte stellten später keinen rechtsextremen Tathintergrund fest. Seither wird bei entsprechenden Vorfällen immer wieder spekuliert, es gebe falsche oder auch böswillige Rechtsextremismus-Verdachtsfälle.
  • [6] FAZ vom 21.08.2007: „Gruß aus Sebnitz“, S. 10; ähnlich Welt: Die Welt vom 22.08.2007: „Was geschah im sächsischen Mügeln? Voreilige Empörungsgemeinschaft.“ Von Thomas Schmid.
  • [7] N-tv vom 31. August 2007. Unter n-tv.de: n-tv.de/846548.html. (10.01.2015); Die Welt vom 30.08.2007: „Mügeln: Offenbar kein politischer Hintergrund.“ Die Welt vom 1.9.2007: „Gewalt gegen Inder in Mügeln war nicht von langer Hand geplant.“
  • [8] Focus vom 27.08.2007, Nr. 35/2007: „Sachsen. Die üblichen Verdächtigen.“ von Alexander Wendt. Focus-Online interpretiert den Fall komplett konträr. Grund hierfür könnte neben unterschiedlichen Normvorstellungen der Autoren der Hang zur Konformität bei Online-Medien sein. Sie müssen schneller reagieren, haben weniger Zeit für eigene Recherche und halten sich daher stark an die Meldungen der Nachrichtenagenturen.
  • [9] Junge Freiheit vom 24.08.2007.
  • [10] Das liegt sicherlich auch am fehlenden Akten-Wissen der Journalisten.
  • [11] Zitat aus dem Gerichtsurteil vom 4. Dezember, Amtsgericht Oschatz.
  • [12] Vgl. u. a. FR vom 6.12.2007: „Knapp am Pogrom vorbei /Mit der Haftstrafe gegen einen der Täter von Mügeln statuiert das Gericht ein Exempel.“ Von Bernhard Honnigfort, S.5.
  • [13] Focus vom 10.12.2007, Nr. 50/2007: „Jahresrückblick 2007 – Essay: Chinalinksruck? Weltklimadoping?“ Von Michael Klonovsky. Zu diesem Zeitpunkt war das erste einschlägige Urteil bereits gefällt. Allerdings waren die Anzeigen gegen die Opfer mit indischem Migrationshintergrund noch nicht fallen gelassen worden.
  • [14] Auch der Verfassungsschutz geht einen überraschenden Weg: In seinem Jahresbericht erwähnt er den rassistischen und neonazistischen Fall nicht – aber stattdessen erstund einmalig indischen Extremismus in Sachsen. Einen entsprechenden Vorwurf hatte die NPD in der Debatte über den Vorfall in Mügeln den indischen Opfern gemacht. (Vgl. Schellenberg, 2014b, S. 88-90).
  • [15] U. a. in Spiegel, FAZ und Tagesspiegel. Vgl. Spiegel, 25/2014 „Rassistische Hegemonie“ von Steffen Winter. FAZ vom 17.06.2014: „Die Idylle sollte keine Kratzer bekommen“ von Stefan Locke; Tagesspiegel vom 21.06.2014: „Motiv Rassismus – erkannt und gleich verdrängt“ von Andrea Dernbach.
 
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