Soziale Bewegungen: Zwischen kommunitarer Solidaritat und Gleichheitsversprechen des American Dream

Margit Mayer

Einleitung

Wahrend in Europa mit dem Begriff soziale Bewegungen uber Jahrhunderte hinweg primar die Arbeiterbewegung oder andere auf fundamentale gesellschaftliche Umwalzung gerichtete Mobilisierungen gemeint waren, steht der Begriff in den USA nicht erst seit den sogenannten neuen sozialen Bewegungen der 1960er und 70er Jahre fur eine enorme Vielfalt von Protest- und Reformbewegungen. Er umfasst religio¨se Sekten, nationalistische Bewegungen, ethnische Minderheitsbewegungen, und organisierte Burger(rechts)- und Klassenbewegungen genauso wie Aufstande, populistische Bewegungen sowie militante, politische Gewalt einsetzende – rechte wie linke Bewegungen. Diese aus europaischer Sicht diffus erscheinende Definition reflektiert bestimmte Eigenheiten der US-amerikanischen Geschichte, in der Klassenbeziehungen fur gesellschaftliche Konflikte zwar nicht unbedeutend waren, aber stets von demographischen, ethnischen, politischen, und soziokulturellen Variablen uberlagert wurden (vgl. Kitschelt 1985). Diese enorme Vielfalt von unterschiedlichsten Bewegungen wurde durch spezifische Merkmale, wie bspw. die Durchlassigkeit und Offenheit der gesellschaftlichen und politischen Strukturen der USA, noch befo¨rdert, die mit dazu beitrugen, dass kaum je eine antagonistische Polarisierung zwischen sozialen Bewegungen einerseits und politischem Establishment andererseits, vergleichbar der zwischen europaischer Arbeiterbewegung und jeweiligem Staat, entstanden ist. Soziale Bewegungen, selbst rebellische, galten also keineswegs, wie bspw. sozialistische oder kommunistische (Arbeiter)Bewegungen in europaischen Landern, als systemische Herausforderung. Ganz im Gegenteil: die Meinung Thomas Jeffersons, dass „eine kleine Rebellion ab und an eine gute Sache (ist), und in der politischen Welt genauso notwendig wie Sturme in der physischen Welt“ (Jefferson 1787, U¨ bersetzung MM), pragte lange Zeit die politische Kultur des Landes, wo Protestbewegungen und Aufstande als selbstverstandliche und weit verbreitete Bestandteile des politischen Lebens wahrgenommen werden.

Die Spezifik der Konflikttradition lasst sich an drei zentralen Charakteristika festmachen, welche die Entstehung sowie den Verlauf von US-amerikanischen Bewegungen kennzeichnen:

– Erstens, die enorme Heterogenitat der sozio-o¨konomischen Bedingungen einer Gesellschaft, in der liberale demokratische Wertvorstellungen gleichzeitig mit ausgrenzenden Ideologien koexistierten, ließ dezentrale, sog. single issue-Bewegungen florieren, die weder von Klasseninteressen noch anderen umfassenden Ideologien gepragt waren. Wahrend solche Ein-Punkt-Bewegungen in Europa erst nach den Aufbruchen der 1960er Jahre als signifikante gesellschaftliche und politische Akteure auftauchten, spielten sie in den USA bereits im 19. Und 20. Jahrhundert immer wieder eine wichtige Rolle. Unter anderem deshalb entwickelten sich die sog. neuen sozialen Bewegungen – also Umwelt-, Frauen-, Alternativ-, Friedens-, Schwulen- und andere sog. „neue“, vorgeblich postmaterialistische oder identitare Bewegungen – in den USA fruher als in Europa, konnten sie doch an Traditionen vorgangiger, ahnlicher Bewegungen anknupfen. Zweitens fo¨rdert auch die dezentrale, zerkluftete politische Struktur der USA eher solch themenbezogene, fragmentierte Mobilisierungen. Die durchlassigen und offenen Strukturen des politischen Institutionengefuges haben dazu beigetragen, dass sich soziale Bewegungen in den USA haufig unkompliziert bilden und schnell erstarken konnten. Gleichzeitig bewirken dieselben Faktoren und Strukturen, dass soziale Bewegungen in ihrer Wirkmachtigkeit eher gebremst werden, denn ihre Fragmentierung fuhrt zu disparaten Entwicklungen und das politische System absorbiert, kooptiert, und torpediert Forderungen und Akteure von Bewegungen auf vielfaltige Weisen, so dass nicht nur die Aufwartszyklen von Bewegungen schnell und unkompliziert verlaufen, sondern meist auch ein schnelles Abebben typisch ist.

– Schließlich wirkt sich drittens die libertar-individualistische politische Kultur positiv auf die Entstehung solcherart disparater Bewegungen aus – wahrend sie umgekehrt eher hinderlich ist fur die Ausbildung einer florierenden Arbeiterbewegung oder anderer, an gesellschaftlichen Strukturkonflikten ansetzenden transformativen Bewegungen. Sie bietet unterschiedlichsten benachteiligten Gruppen Anknupfungspunkte, ihre Forderungen nach Gleichberechtigung innerhalb des vorherrschenden liberalen Paradigmas zu begrunden. So entwickelten die Feministinnen des 19. Jahrhunderts ihre Argumente, weshalb den Frauen Zugang zu Ausbildung, Menschen- und Burgerrechten, sowie die Verfugung uber eigenen Besitz und Verdienst zustehen sollten, genau so aus den liberalen Annahmen der Unabhangigkeitserklarung wie die Burgerrechtsbewegung oder die Students for a Democratic Society (SDS) der 1960er Jahre.

Obwohl die USA bis zur Verabschiedung der Burgerrechtsgesetzgebung 1964/ 1965 – also uber mehr als zwei Jahrhunderte – eine ho¨ chst beschrankte und ungleichzeitige Demokratie blieben, weil vor allem AfroamerikanerInnen von politischen und den meisten Burgerrechten ausgeschlossen waren, wurden im Lauf dieser Zeit doch vielfaltige Reformbewegungen immer wieder in die dominante Amerikanische Ideologie integriert: Welle um Welle von neuen Einwanderern, ethnischen Gruppen, Frauen, und andere diskriminierte Gruppen wurden – vermittelt uber soziale Kampfe und pressure group politics – in das vergleichsweise offene, aber auch fragmentierte politische System der USA integriert. Sowohl die Flexibilitat des Parteiensystems als auch die Heterogenitat der Lebensbedingungen befo¨ rderten die Entstehung einer Vielzahl spezifischer Bewegungen, von außerstaatlichen Selbsthilfe-Bewegungen (die wir heute als NGOs bezeichnen wurden), voluntary associations und unterschiedlichen Formen des bereits von de Tocqueville beschriebenen civic engagement, aber auch kulturell-orientierter Bewegungen sowie in jeder historischen Periode auch starke moralisierende Protestbewegungen. Aus Sicht der komparativen sozialen Bewegungsforschung erscheinen all diese vielfaltigen amerikanischen Bewegungen, genauso wie die Burgerrechtsbewegung der 1950er und 60er Jahre, durch eine Beschrankung auf spezifische, einzelne Forderungen sowie durch ‚unkonventionelle' Aktionsformen charakterisiert, und eher komplementar als antagonistisch zum existierenden politischen (Parteien-) System.

Die Spezifika der US-amerikanischen sozialen Bewegungslandschaft – die Leichtigkeit der Entstehung, die Heterogenitat und starke Verbreitung, sowie die pragmatische beziehungsweise unideologische Ausrichtung der meisten Bewegungen, die Schwache der Arbeiterbewegung bei gleichzeitiger Vielfalt anderer, pragmatischer oder moralisierender Einpunkt-Bewegungen, aber auch die Bedeutung von auf Inklusion gerichteten Gleichberechtigungsforderungen – ko¨ nnen mit in der Geschichte der USA zu verortenden Variablen erklart werden (vgl. Mayer 1991, 1995; Frey et al. 1992).

Das politische System selbst reagierte zumeist keineswegs abweisend oder ausschließend, sondern, aufgrund seiner offenen, fo¨deralen, und fragmentierten Struktur (v. a. auf o¨ffentlichkeitswirksam vorgetragene Beschwerden) haufig mit Konzessionen und Inkorporierungsangeboten (wenn auch selektiv). Dies Muster trug dazu bei, dass viele der US-amerikanischen Bewegungen bis heute eher unternehmerisch und kompetitiv sowie unideologisch ausgerichtet sind. Das Kapitel kann dies Muster nur exemplarisch an wenigen Fallen illustrieren: der Fokus

liegt auf den Bewegungszyklen der fordistischen A¨ ra, gefolgt von der Entwicklung

der Bewegungen der 1980er Jahre zum globalisierungskritischen Social Justice Movement, und schliesslich auf den durch die Finanzkrise von 2008 angestossenen jungsten Bewegungen auf progressiver wie konservativer Seite, Occupy und Tea Party.

 
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