Charakteristische Merkmale, Muster und Wirkungen der amerikanischen Bewegungen

Der kursorische U¨ berblick uber die jungsten amerikanischen Bewegungszyklen verdeutlicht, dass einige Merkmale durchgangig charakteristisch sind. In jedem Zyklus tauchen kommunitare Experimente, die mit prafigurativen Praxen und alternativen Projekten und Communities nicht nur jeweilige Gegenentwurfe leben, sondern dafur auch mobilisieren: in den fruhen Phasen geschah dies meist auf religio¨ser Basis (Shaker, Mennoniten), in den 1960er Jahren eher in utopischsozialistischen Gemeinden (vgl. Boal et al. 2012), auch die Occupy-Encampments wurden haufig als Gegenentwurfe einer Polis gesehen (Kimmelman 2012; Mayer 2014, S. 35–38). Ein weiteres durchgangiges Element ist die Starke populistischer Ideologien, die ursprunglich im Lauf des 19. Jahrhunderts im Kampf um die Bewahrung des traditionellen landwirtschaftlichen Familienbetriebs ausgebildet wurden. Beiden Merkmalen ist die widerspruchliche Spannung der US-amerikanischen Ideologie zueigen, die Spannung zwischen liberaler Befurwortung von Marktfreiheit und von kommunitaren Solidarordnungen.

Grundlage fur die stark ausgepragten kommunitaren Orientierungen, an die soziale Bewegungen immer wieder anknupfen ko¨nnen, ist das heterogene und stark segmentierte Grundmuster des Landes aus vielen verschiedenen „Inseln der Gleichheit und Happiness“ (Wagner 1977). Dies Grundmuster impliziert allerdings gleichzeitig eine ausgesprochen ungleichzeitige und disparate gesellschaftliche Entwicklung, so daß Verteilungskampfe eigentlich nie von der politischen Agenda verschwunden sind. Selbst die angeblich „post-materialistisch“ ausgerichteten neuen sozialen Bewegungen (Inglehart 1989) tauch(t)en in den USA stets im Bundnis mit klassenmaßig oder ‚rassisch' diskriminierten Gruppen auf, weil vor allem die working poor, die Arbeitslosen und ethnische Minderheiten unter den scharfen o¨konomischen Disparitaten zu leiden haben. Aufgrund des extrem rudimentaren Wohlfahrtstaats wird selbst in Phasen der Prosperitat wirtschaftliche und soziale Ungleichheit kaum abgefedert. In Krisenphasen gelangen die No¨ te der Unterschichten – Obdachlosigkeit, Lohnraub im abgewerteten Dienstleistungssektor, v. a. bei papierlosen Migranten, Verschuldung und Zwangsraumungen, wie seit 2012 im Zug der Diffusion der OWS-Bewegung in die armen Stadtteile, etc. – massiv auf die Agenda.

Wegen dieser Gleichzeitigkeit materieller und post-materieller Anliegen konnten in den USA in keiner Phase streng definierte „neue“ soziale Bewegungen dominant werden, die durch Infragestellung wirtschaftlichen Wachstums und Priorisierung o¨kologischer sowie von Identitatsthemen definiert sind. Aber weil auch die Ideologie des Locke'schen Besitzindividualismus nach wie vor stark verankert ist und Vorbehalte gegenuber staatlichen Interventionen ebenfalls immer noch weit verbreitet sind, hatten es soziale Bewegungen – bis OWS – schwer, die Verteilungsungerechtigkeit in der US-amerikanischen Gesellschaft zu attackieren. Erst mit der Identifizierung der „1%“ steht die Skandalisierung von Ungleichheit und die Forderung nach social justice auf der politischen Tagesordnung.

Aber auch diese Forderung wird sogleich eingemeindet, dank allgegenwartiger unternehmerischer Ideologie und Praxis, die in den USA nicht nur Interessengruppen und professionelle Bewegungsorganisationen pragen, sondern auch progressive und gegenkulturelle Bewegungen. Beeinflußt von den Strategien des Organizing sind instrumentelle Formen des Fundraising und door-to-door canvassing genauso selbstverstandliche Methoden wie die Nutzung von mass mailings, high-tech Kampagnen, und anderer Werbe- und Verkaufsstrategien. Auch CommunityOrganisationen und alternative Selbsthilfegruppen mutierten schnell zu social enterprises Dienstleistungs- und Entwicklungsunternehmen, oder sogar Mikrokredit-Banken.

Die politischen Konsequenzen sozialer Bewegungen blieben in den USA meist beschrankt. Sie bewirkten nie einen strukturellen Wandel und selten – so wie die

Burgerrechtsbewegung – substantielle Erfolge. Selbst wenn Reformgesetze verabschiedet wurden, konnten sie oft im fragmentierten politischen System nicht implementiert werden. Effektive Wirkungen beschranken sich deshalb zumeist auf Verfahrensanderungen, z. B. in der Form, daß vormals Ausgegrenzte an Entscheidungsprozessen beteiligt werden – ohne daß dabei die Herrschaftsstrukturen als solche angetastet werden.

Deshalb sind vor allem solche Bewegungen (prozedural) erfolgreich, die gemaßigte Forderungen vertreten, welche innerhalb des liberalen Konsens Legitimitat genießen. Daruber hinaus gehende Forderungen haben nur in Krisenzeiten Aussicht auf Erfolg, wenn die gesellschaftliche Kohasion gefahrdet erscheint – wie in der Weltwirtschaftskrise, wahrend der 1960er Jahre, mo¨glicherweise im Gefolge der aktuellen Krise. Die Grunde fur diese begrenzten Wirkungen erklaren auch, weshalb Bewegungszyklen in den USA meist kurzer sind als in Westeuropa. Die Bewegungen werden meist schnell zu Opfern ihres eigenen (prozeduralen) Erfolgs: sowohl legislative Erfolge als auch institutionelle Kooptation haben demobilisierende Effekte. Obendrein rufen erfolgreiche Bewegungen oft auch Gegenbewegungen auf den Plan.

Die Konsequenzen dieser strukturellen Merkmale fur soziale Bewegungen, sind, wie wir gesehen haben, daß in den USA vor allem Bewegungen florieren, deren gemaßigte Forderungen auf soziale Chancengleichheit, politische Fairness, Integration in die dominanten Institutionen, oder die partielle Autonomisierung von Subkulturen abzielen. Bewegungen, die redistributive Forderungen artikulieren oder gesamtgesellschaftliche Veranderungen verlangen, sind weit seltener und erfahren, wo sie auftauchen, scharfere Repression. Durch samtliche Phasen hindurch und bei ganz unterschiedlichen progressiven Bewegungen finden wir deshalb eine starke Betonung ethnischer Gleichheitspostulate beziehungsweise ein Bemuhen, antirassistische Arbeit in den Vordergrund zu stellen: Solche affirmative action eint die Kapitolbesetzer von Wisconsin mit der Gewerkschaft der Hotelarbeiter UNITE-HERE, genauso wie die Organisatoren des Sozialforum mit den OWS-Aktivisten.

 
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