Bildungspolitik in den USA

Michael Dobbins und Tonia Bieber

Einleitung

Das Bildungssystem in den USA ist seit Jahrzehnten von einem inharenten Spannungsfeld gekennzeichnet. Einerseits fungiert das Bildungswesen und vor allem das Hochschul- und Forschungssystem als Magnet fur auslandische Talente und leistet damit einen unermesslichen Beitrag zum wirtschaftlichen Fortschritt und Wohlstand des Landes. Anderseits weist das Bildungssystem aber auch erhebliche Schwachen auf, wie z. B. bei der Chancengleichheit (Hochschild 2003; Dobbins und Martens 2010). Spatestens seit dem Bericht A Nation at Risk aus dem Jahre 1983 ist bekannt, dass breiten gesellschaftlichen Gruppen der Zugang zu erstklassiger Bildung verwehrt bleibt, was wiederum die wirtschaftliche und technologische Wettbewerbsfahigkeit gefahrdet. Dabei erreichten die Reformen der letzten Jahrzehnte – wie viele nationale und internationale Leistungsvergleiche belegen (Martens 2010; Bieber et al. 2014) – nur selten ihre gesteckten Ziele. Trotz diverser Bemuhungen und durchaus positiver Tendenzen in einigen Bereichen wird das US-Bildungswesen den Herausforderungen der globalen Wissenso¨konomie nicht gerecht und meistert die Integration und Ausbildung sozial- und lernschwacher Schulerinnen und Schuler nur bedingt.

Dieser Beitrag gibt aus historischer und politikwissenschaftlicher Perspektive einen umfassenden U¨ berblick uber die Strukturen, Institutionen und Steuerungsfor-

men des amerikanischen Bildungssystems. Da die USA uber ein sehr fragmentiertes und schwach institutionalisiertes System der beruflichen Bildung und Erwachsenenweiterbildung verfugen (Deissinger 1994), stehen im Mittelpunkt der Analyse die Grund-, Sekundar- und Hochschulsysteme. Der zweite Teil des Beitrags setzt sich mit der Entstehung und historischen Entwicklung des amerikanischen Bildungswesens auseinander, das im Gegensatz zu den meisten kontinentaleuropaischen Bildungssystemen bereits im 19. Jahrhundert gut ausgebaut war. Dabei liegt der Fokus der Untersuchung auf den historischen Ursachen fur den hohen Dezentralisierungsgrad und ausgepragten wettbewerbs- und marktorientierten Charakter des US-Bildungssystems. Im dritten Abschnitt wird detailliert auf die wesentlichen Merkmale des modernen Bildungssystems eingegangen, wie beispielsweise seine politische Steuerung und Finanzierung, die Rolle von Zentralregierung, lokalen Bildungstragern und Justiz, sowie seine Entwicklung von sozialer Segregation zu Integration. Im vierten Teil werden dann die jungsten bildungspolitischen Reformbemuhungen erlautert. Dazu geho¨ren vor allem das No Child Left Behind-Gesetz sowie die Versuche des Bundes und der Einzelstaaten, die steigenden Kosten des Hochschulstudiums in den Griff zu bekommen. Das abschließende funfte Kapitel widmet sich den veranderten Rahmenbedingungen fur die Gestaltung der Bildungspolitik im Zeichen der zunehmenden Globalisierung bzw. Internationalisierung von Bildungspolitik, aber auch der steigenden innenpolitischen Polarisierung des Landes.

 
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