Das amerikanische Bildungssystem: Ein kurzer historischer U¨ berblick

Angesichts seines dezentralen und heterogenen Charakters ahnelt das Bildungssystem der USA in seinen wesentlichen Grundzugen der allgemeinen politischen Struktur des Landes. Das moderne amerikanische Bildungssystem lasst sich als Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung der USA verstehen und unterscheidet sich damit in seinen grundlegenden Merkmalen von der eher staatszentrierten Bildungstradition Europas.

2.1 Historische Entwicklung des amerikanischen Sekundarbildungssystems

Die ersten amerikanischen Schulen entstanden bereits im 16. Jahrhundert. Sie funktionierten primar als eng geknupfte soziale Einheiten und als Erweiterungen von Familien und Kirchengemeinschaften (Loveless 1998). Die fruhen Siedlergruppen nutzten die Schulgemeinschaften zur Vermittlung gemeinsamer religio¨ ser U¨ berzeugungen und Weltanschauungen. Vor diesem Hintergrund etablierte sich schon fruh in der Kolonialzeit die Tradition der lay governance, d. h. weitgehende autonome Regulierung der Schulstrukturen (Alsbury 2008, S. 126), an denen sich gewahlte Interessenten aus dem kirchlichen, sozialen und wirtschaftlichen Umfeld aktiv an der schulischen Selbstverwaltung beteiligten. Bildung wurde damit schon fruh zu einer lokalen Angelegenheit – eine Tendenz, die durch das Fehlen einer starken zentralen Burokratie verstarkt wurde (Busemeyer 2007, S. 60). Die territoriale Expansion nach Westen verstarkte diese Entwicklung weiter, indem neue lokale Schuleinrichtungen zu o¨ffentlichen Sammelpunkten fur Siedlerinnen und Siedler aus den ubrigen Bundesstaaten wurden.

Die fruhe Demokratisierung der USA hinterließ Spuren in der Bildungspolitik und ebnete den Weg fur die relativ fruhe Bildungsexpansion. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts galt Bildung als Mittel zur Demokratisierung und gesellschaftlichen Inklusion. So erkannte bereits 1844 ein Gericht im Bundesstaat Vermont das Burgerrecht auf den Besuch einer allgemeinen Schule an (Martens 2010, S. 236; Busemeyer 2007, S. 61). Danach universalisierte sich die Primarbildung in vielen Bundesstaaten, wobei Bildung immer mehr mit demokratischen und partizipatorischen Grundsatzen verknupft wurde. Bildung wurde zu einem Sozialisierungsinstrument fur die Massen, was wiederum die gesellschaftliche Teilhabe begunstigen sollte. Immer mehr Eltern der wachsenden Mittelschicht wollten ihren Kindern Fertigkeiten vermitteln, die ihnen die Teilhabe an Industrialisierung und wirtschaftlichem Wachstum ermo¨glichen sollten (Busemeyer 2007, S. 62). Dieses humankapitalorientierte Verstandnis von Bildung fuhrte im Vergleich zu Kontinentaleuropa zum fruhen Ausbau des Sekundarbildungswesens, wobei neben rein wirtschaftlichen Interessen mit inklusiver Bildung versucht wurde, die Lage der Arbeiterkinder zu verbessern (Church 1976, S. 60).

Im Gegensatz zu vielen europaischen Staaten, in denen das private bzw. von der Kirche getragene Schulwesen langsam zuruckgedrangt wurde, ist in den USA die parallele Existenz o¨ffentlicher und privater Schulen weitgehend erhalten geblieben. Wahrend die o¨ ffentlichen, auf lokaler Ebene verwalteten Schulen vorwiegend der

„Amerikanisierung und Sozialisierung“ der Einwanderer dienten (Busemeyer 2007, S. 62), grundeten diverse Einwanderergruppen ihre eigenen Bildungseinrichtungen, was die Expansion und Heterogenitat des Bildungssystems weiter vorantrieb. Fur die Verstaatlichung des Schulwesens war das Common School Movement im 19. Jahrhundert von großer Bedeutung. Diese vom Padagogen und Bildungsreformer Horace Mann inspirierte Bewegung zielte nicht nur darauf ab, Primar- und Sekundarbildung fur die breiten Massen unter Ausschluss der afroamerikanischen Bevo¨lkerung zuganglich zu machen, sondern auch nach preußischem Vorbild gemeinsame Inhalte fur alle Schulerinnen und Schuler zu verankern. Auf den ersten Blick handelte es sich bei den Common School-Reformen um eine starkere Orientierung an den europaischen Bildungssystemen des 19. Jahrhunderts. Tatsachlich kam es beispielsweise zu einer Verlagerung von Entscheidungskompetenzen von lokalen Akteuren zu ubergeordneten regionalen Beho¨ rden (z. B. durch die Grundung des Massachusetts Board of Education) sowie zu einer starkeren Professionalisierung der Lehrerschaft. Dennoch trieb das Common School-Movement gleichzeitig auch die weitere Fragmentierung der amerikanischen Bildungslandschaft voran. Zwar pladierten Mann und andere Vertreter der Bewegung fur die Zuruckdrangung der Kirche aus dem Bildungssystem. Doch in Wirklichkeit orientierten sich die neuen Schulcurricula stark an protestantischen Grundsatzen, was wiederum Unmut in katholischen Bevo¨lkerungsgruppen erregte. Vor diesem Hintergrund wendeten sich viele Katholiken gegen das o¨ffentliche Schulwesen und grundeten ihre eigenen Einrichtungen (Dichanz 1991, S. 28; Busemeyer 2007, S. 62). Im Gegenzug wurden vor allem in den Sudstaaten zahlreiche protestantische Schulen gegrundet, um dem zunehmenden katholischen Einfluss entgegenzuwirken.

Neben der Tradition der gesellschaftlichen Teilhabe und der zunehmenden Institutionalisierung von Bildung als Burgerrecht existierte in den USA eine tief verwurzelte Tradition der Segregation, die mit einer starken Bildungsungleichheit einherging bzw. einhergeht. Auch nach der Abschaffung der Sklaverei wurden die Afroamerikaner weiterhin diskriminiert, etwa durch die Jim Crow-Laws, die ihre gesellschaftliche Teilhabe am Bildungssystem erschwerten. Infolge des Plessy vs. Ferguson-Urteils (1896), das die Bereitstellung getrennter Einrichtungen fur Schwarze und Weiße nach dem Prinzip „separate but equal“ (getrennt, aber gleichberechtigt) beinhaltet, wurden sogenannte black schools gegrundet. Danach liefen diverse Bestrebungen ins Leere, die Finanzierungsgrundlage der schwarzen

und weißen Schulen vor allem in den Sudstaaten gleichzustellen, was zur weiteren Fragmentierung der amerikanischen Bildungslandschaft beitrug.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg existierte in den USA keine zentralstaatliche Koordinierungsinstanz fur bildungspolitische Angelegenheiten. Damit zeichnete sich das System nicht nur durch seine beispiellose Heterogenitat im Hinblick auf Qualitat, Finanzierung, und Ausbildung des padagogischen Personals aus, sondern auch durch einen auffalligen Widerspruch. Einerseits lag dem System die Leitidee zugrunde, dass Schulen zur gesellschaftlichen Integration beitragen sollten. Aufgrund ihres segmentierten Charakters verfestigte das Schulsystem andererseits die soziale Segregation und Spaltung weiter (Hochschild 2003).

2.2 Historische Entwicklung des amerikanischen Hochschulsystems

Der amerikanische Hochschulsektor kann auf einen ahnlichen Entwicklungspfad zuruckblicken wie das Sekundarbildungswesen, der ebenso durch die Prinzipien der Dezentralisierung und weitreichenden Autonomie gepragt war. Wie auch die Schulen dienten die ersten Universitaten (z. B. Harvard 1636; Yale 1701) vorwiegend der Ausbildung des kirchlichen Nachwuchses und waren damit eng mit den einzelnen religio¨sen Konfessionen verbunden. Als weitgehend selbstfinanzierte und selbsttragende studentische und akademische Gemeinschaften waren die Universitaten jener Zeit ihren europaischen Pendants sehr ahnlich. Im Zuge der Industrialisierung wurde ho¨here Bildung als Schlussel zur Sicherstellung von Humankapital verstanden, was zur Grundung neuer forschungsorientierter Universitaten fuhrte wie z. B. der American University oder auch der Johns Hopkins University, die sich stark an der Humboldt'schen Leitidee der Einheit von Forschung und Lehre ausrichtete (Fischer, Appelt 2004).

A¨ hnlich wie im Schulwesen existierte keine zentrale Bildungsburokratie, was

zur Folge hatte, dass die amerikanischen Hochschulen schon fruh eine starke Industrie- und Marktorientierung aufwiesen. Aufgrund fehlender staatlicher Finanzierung waren amerikanische Universitaten und Colleges[1] seit jeher auf privates Kapital angewiesen. Die aktive Finanzierung der Universitaten durch Industrielle (z. B. Dartmouth, Cornell) machte sie zu sehr durchdringbaren Institutionen, deren interne Angelegenheiten (z. B. Studien- und Forschungsinhalte, Personalpolitik) durch externe stakeholder mitgestaltet wurden. Zwar wurden Mitte des 19. Jahrhunderts infolge der Morrill Land-Grant-Colleges Acts (1862 und 1890) viele o¨ffentliche Hochschulen gegrundet (state universities und state colleges). Der private Charakter der meisten Hochschulen wurde jedoch weitgehend aufrechterhalten, sodass sie sich eher im Einklang mit den regionalen wirtschaftlichen Anforderungen und den akademischen, beruflichen, religio¨sen und politischen Interessen ihrer studentischen Klientel entwickelten als mit nationalstaatlichen Zielsetzungen. Vor dem Hintergrund des Ziels, außerst heterogenen gesellschaftlichen Gruppen eine maßgeschneiderte Bildung zu bieten, zeichnet sich die Hochschullandschaft der USA bis heute durch eine extreme Vielfalt aus: neben Elite-Universitaten mit starker Forschungsorientierung existieren religio¨ se Hochschulen (v. a. katholische, protestantische, baptistische und judische), sportorientierte Colleges und Universitaten, berufsvorbereitende Elite- und Massenuniversitaten sowie Hochschulen mit expliziter politischer Orientierung (konservativ, liberal).

Das Schulwesen wie das Hochschulsystem der USA zeichnen sich durch eine sehr dezentrale Steuerung durch lokale Beho¨rden und Bundesstaaten und einen hohen Privatisierungsgrad aus (Interview USA 01, Dobbins und Martens 2010). So verstehen sich die ca. 7000 amerikanischen postsekundaren Bildungseinrichtungen als weitgehend autonome, marktorientierte Institutionen. Dies kann auch fur die o¨ffentlichen Universitaten gelten, die einerseits zwar unter der formellen Kontrolle des Staates stehen und starker von Steuergeldern abhangig sind, andererseits aber

uber eine hohe Autonomie hinsichtlich der Einstellung von Personal, der Tatigung strategischer Investitionen und der Festlegung von Bildungsinhalten verfugen. Hier liegt die Annahme zugrunde, dass Universitaten am effektivsten funktionieren, wenn sie wie Wirtschaftsunternehmen gefuhrt werden, und Studierenden und Firmen, die als Marktkonsumenten konzipiert werden, akademische Dienstleistungen anbieten. Anstelle burokratischer Steuerung dominieren unternehmerische Managementmethoden (Clark 1983; Dill 1997; Dobbins et al. 2011). Vor diesem Hintergrund ist die Hochschulausbildung in den USA haufig unmittelbar berufsbezogen, wobei Bildung als Investition betrachtet wird, die Absolventen vermeintlich deutlich bessere Berufsaussichten und Verdienstmo¨glichkeiten bietet als NichtAbsolventen.

  • [1] Colleges sind generell Hochschuleinrichtungen, die in Fachteilungen gegliedert sind und „undergraduate“-Programme (v. a. Bachelor-Abschlusse und „associate degrees“) anbieten. Universities sind im Allgemeinen Hochschulen, die Graduiertenprogramme (d. h. Master-Abschlusse und Doktorandenprogramme) anbieten
 
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