Ausblick: Internationalisierung und politische Polarisierung

In den letzten Jahrzehnten haben sich die politischen und o¨konomischen Rahmenbedingungen fur die Gestaltung von Bildungs- und Hochschulpolitik in den USA nur bedingt zu ihren Gunsten verandert. Dies außert sich zum einen in der zunehmenden bildungspolitischen Internationalisierung mit den damit einhergehenden Bildungsstudien, an denen sich die USA beteiligt, und regionalen Harmonisierungsprozessen, auf die das Land reagieren muss (Powell und Solga 2008). Zum anderen liegt die derzeitige Herausforderung fur das Bildungswesen in der wachsenden politischen Spaltung des Landes und der Lahmung seines politischen Systems, sowie auch im massiven Abbau finanzieller Grundlagen durch die Republikanische Partei auf einzelstaatlicher Ebene (Nelson 2012).

Die USA nimmt an zahlreichen international vergleichenden Bildungsstudien teil, so auch an der von der OECD durchgefuhrten Studie PISA (Programme for International Student Assessment). Trotz der intensiveren Reformbemuhungen der letzten Jahrzehnte befanden sich die Ergebnisse der USA in der PISA-Erhebung kontinuierlich im oder unter dem OECD-Durchschnitt (Martens 2010, Bieber et al. 2014). In den Kompetenzbereichen Lesefahigkeit und Naturwissenschaften liegt die Leistung der 15 Jahrigen in den Vereinigten Staaten im Mittelfeld der OECD-Rangliste, in Mathematik jedoch regelmaßig unter dem Durchschnitt. Dabei ist die Verteilung der Performanz innerhalb der USA recht breit gestreut, mit einigen extrem hohen Leistungen, aber auch einem langen Auslaufer an schwach abschneidenden Jugendlichen und Schulen. Zudem variiert die Leistung der USA in der internationalen Schulvergleichsstudie sowohl stark zwischen den einzelnen Bundesstaaten als auch den einzelnen Schulen.

Die PISA-Studien zeigten jedoch nicht nur ein fachlich unbefriedigendes Abschneiden der USA, sondern auch eine anhaltend starke Benachteiligung der sozial schwacheren Bevo¨lkerungsgruppen im Bildungsbereich (OECD 2010a). Die OECD demonstrierte, dass die Auswirkung des sozioo¨konomischen Hintergrunds auf Lernergebnisse in den USA vergleichsweise groß ist (OECD 2010b). Die Bildungsbenachteiligung wird auch durch das „PISA fur Erwachsene“ belegt, die

sogenannte PIAAC-Studie (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) der OECD von 2013. Ihr zufolge haben die USA – gefolgt von Deutschland – die gro¨ßte Abhangigkeit der Leistungen vom Bildungsstand der Eltern in den Kompetenzbereichen Lesefahigkeit und Mathematik (Kemper 2013). Das erho¨hte Problembewusstsein – zumindest der politischen Elite – spiegelt sich wider in dem Bericht „Tough Choices or Tough Times“ von 2007 der „Neuen Kommission uber Fahigkeiten der amerikanischen Arbeitnehmerschaft“ (NCEE 2007). Die kuhnen politischen Empfehlungen zur Innovation des Bildungssystems von der Vorschulstufe bis zu postsekundaren Bildungseinrichtungen betreffen die Abschaffung der lokalen bzw. kommunalen Finanzierung der Primar- und Sekundarstufe zugunsten einer Finanzierung durch Bundesstaaten. Zudem soll eine zusatzliche Finanzierung fur Schulen mit hohen Schulerzahlen, hohem Schuleranteil an Minderheiten und hohem Schuleranteil einkommensschwacher oder fremdsprachiger Eltern geboten werden (ebd.).

Die Wahrscheinlichkeit, diese Empfehlungen in praktische Reformen umzusetzen, erscheint derzeit allerdings eher gering. Bisher galt Bildungspolitik in den USA als Bereich, in dem – trotz aller Unterschiede hinsichtlich der konkreten Politikinstrumente – ein vergleichsweise großer uberparteilicher Konsens hinsichtlich der Bedeutung von Bildung und der Notwendigkeit hoher o¨ffentlicher Investitionen bestand. Seit etwa einem Jahrzehnt ist die politische Landschaft der USA allerdings zusehends durch eine extreme Polarisierung und Spaltung gepragt. Wahrend die Republikanische Partei fruher bereit war, sowohl auf Ebene des Zentralstaats als auch der Einzelstaaten ho¨ here Bildungsausgaben im Sinne einer praventiven Sozialpolitik mitzutragen, kann man spatestens seit der Amtsubernahme Prasident Obamas von einer Radikalisierung der Partei und des rechten politischen Spektrums sprechen (Mann und Ornstein 2012). Diese Neuausrichtung der Republikaner geht mit einer bisher beispiellosen anti-etatistischen Obstruktionspolitik auf zentralstaatlicher Ebene einher, die es dem Kongress nahezu unmo¨glich macht, Gesetze zu verabschieden, die zu einer Erweiterung staatlicher Handlungsmo¨glichkeiten fuhren ko¨nnten. Zu dieser Konfrontationspolitik geho¨ rt auch die erho¨hte Bereitschaft, den Staatsapparat lahm zu legen, um finanz- und haushaltspolitische Forderungen durchzusetzen, darunter massive Kurzungen im Bildungs- und Sozialbereich (Center for Budget and Policy Priorities 2013). Die außerst eingeschrankte zentralstaatliche Handlungskapazitat hat zur Folge, dass Bildungspolitik zunehmend wieder auf die Ebene der Bundesstaaten verlagert wird. Doch auch auf einzelstaatlicher Ebene kann man – trotz der zunehmenden Sorgen um die globale Wettbewerbsfahigkeit amerikanischer Unternehmen und Arbeitskrafte – eher von einem „Bildungsabbau“ sprechen, der die Erfullung der im Bericht „Tough Choices or Tough Times“ formulierten Empfehlungen noch in weite Ferne rucken lasst. Insbesondere in Republikanisch regierten Bundesstaaten ist der Bildungsbereich von der Austeritatspolitik stark betroffen (Center for Budget and Policy Priorities 2013). Dies hat einerseits zur Folge, dass Schulen weniger Mittel zur Verfugung haben, um ihre integrative und berufsqualifizierende Funktion zu erfullen. Andererseits begrenzen die Haushaltskurzungen die Kapazitaten der einzelnen Bundesstaaten und Schulen, die erforderlich sind, um die im Rahmen des NCLB-Gesetzes zentralstaatlich vorgegebenen Bildungsziele zu erreichen, darunter die Verbesserung der Lehrerausbildung, die U¨ berwindung von Leistungsdefiziten benachteiligter Schulkinder sowie die Steigerung der Performanz leistungsschwacher Schulen.

Vor diesem Hintergrund kehrt die gegenwartige Bildungspolitik der USA zunehmend zu ihrer ursprunglichen historischen Tradition zuruck, namlich zu einer Politik, in der die einzelnen Schulen und Gemeinden weitgehend auf sich allein gestellt sind und ihren Auftrag im Bereich der Integration, Qualifikation, Sozialisation und Erziehung der Schulerinnen und Schuler ohne gesicherte staatliche Unterstutzung erfullen mussen. Ob und auf welche Weise sich diese Tendenz im Kontext der in diesem Beitrag vorgestellten Reform- und Internationalisierungsprozesse verstarkt, bleibt abzuwarten.

 
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