Einwanderungsland USA: Demographische und politische Verschiebungen

Die Zahlen zur Einwanderung am Anfang des 21. Jahrhunderts kommen denen zur Hochzeit der Immigration ein gutes Jahrhundert zuvor sehr nahe. Zwischen 1890 und 1920 machten Zuwanderer fast 15 % der US-Bevo¨lkerung aus, heute sind es immerhin noch 13 % (Stand: 2011; Pew 2013a, S. 2). Die meisten von ihnen kamen aus Europa, insbesondere aus Italien, Russland und O¨ sterreich-Ungarn (Wasem

2013a, S. 3).

Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es legislative Versuche, die Einreise bestimmter Gruppen einzuschranken oder ganz zu verhindern. So schurte beispielsweise die Aufnahme katholischer Europaer in der damals vorwiegend protestantisch gepragten US-amerikanischen Gesellschaft Ressentiments; und eingeschleppte Krankheiten, die besonders haufig in bestimmten Einwanderergruppen auftauchten, fuhrten zur Diskriminierung derselben. Eine rassistisch motivierte Partei mit dem vielsagenden Namen Know-Nothing-Party (Weißnichts-Partei) scheiterte jedoch in den 1850er Jahren mit ihren legislativen Versuchen, die Zuwanderung dieser Gruppen zu stoppen (Martin 2011, S. 96–100).

Am Ende des 19. Jahrhunderts beschrankte die Regierung in Washington erstmals die regulare Zuwanderung (u.a. durch den Immigration Act of 1882, der eine Einreise nun an medizinische Kriterien knupfte, und den Chinese Exlusion Act aus demselben Jahr, der die Zuwanderung aus China stoppte). Doch erst die Immigration Acts in den Jahren 1921 und 1924 fuhrten zu einem deutlichen Ruckgang der Einwanderung. Durch eine Deckelung der Einwandererzahlen sowie durch praferentielle Herkunftsquoten sollten sie die Zusammensetzung der US-amerikanischen Gesellschaft regulieren. Demnach durfte ein Land nur einen bestimmter Prozentsatz aller Zuwanderer stellen, der sich nach der Gro¨ ße der entsprechenden Einwanderergruppe, die bereits in den USA war, berechnete. Diese Regelung war darauf ausgelegt, Immigranten aus Nordwesteuropa vor denen aus Sud- und Osteuropa (und Asien, die jedoch durch Vorlaufergesetze bereits weitestgehend ausgeschlossen waren) zu bevorzugen. Kanada und die Lander Lateinamerikas waren von der neuen Regelung ausgenommen. Ersetzt wurden die Herkunftsquoten erst im Jahre 1965 durch Landerquoten, die relativ gleichmaßig pro Land und unabhangig von der Zusammensetzung der US-amerikanischen Gesellschaft festgesetzt wurden (Martin 2011, S. 183).

Die Reform des Jahres 1965, ein Produkt der Burgerrechtsbewegung in den USA, fuhrte zu einer Trendwende. Die Einwanderung begann wieder zu steigen, von knapp 2,5 Millionen Einwanderern in den 1950er Jahren auf 6,2 Millionen in den 1980er Jahren. Zuvor hatten nicht nur die Immigration Acts, sondern auch die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und der Zweite Weltkrieg fur einen Ruckgang der Immigration gesorgt (Wasem 2013a, S. 3; LeMay 2006, S. 16–17, 25–26; Martin 2011, S. 150, 191). Die Immigration Amendments aus dem Jahre 1965 bilden damit den Beginn der auch im Jahr 2014 noch andauernden aktuellen Einwanderungswelle. Ihre Bezeichnung als amendments (Gesetzesanderungen) bezieht sich auf das Stammgesetz der heutigen Einwanderungspolitik, den Immigration and Nationality Act aus dem Jahre 1952. Dieser regelt die Ein- und Ausreise in die USA fur Nicht-Staatsangeho¨rige der Vereinigten Staaten. Dazu zahlen auch langerfristige begrenzte Aufenthalte, beispielsweise von Gaststudierende und Gastarbeitern (Wasem 2013a, S. 1–3, 5). Die Festsetzung von Landerquoten und der Wegfall diskriminierender Gruppenkontingente durch die amendments fuhrten zu einer Diversifizierung der Herkunftslander. Kamen zuvor mehr als die Halfte der legal permanent residents (LPRs), also der registrierten Einwanderer, aus lediglich drei bis vier Landern, kommen sie seitdem aus sieben bis acht Landern. Auch die Herkunftsregionen haben sich verandert. Stammten 1960 noch 74 % der dokumentierten Einwanderer aus Europa, sind nun Lateinamerika und Asien mit 81 % (Jahr 2010) die mit Abstand am besten reprasentierten Regionen. Dabei kommen auf jeden asiatischen Einwanderer zwei Immigranten aus Lateinamerika (sogenannte Latinos oder Hispanics) (Wasem 2013a, S. 3–4).

Die Gruppe der Latinos (dazu zahlen hier auch undokumentierte Einwanderer) umfasste im Jahr 2012 insgesamt 53 Millionen Personen. Damit stellen diese etwa 17 % der Bevo¨lkerung der USA – und liegen deutlich vor den Afro-Amerikanern (12 %) und den Einwanderern aus Asien (5 %). Unter den Latinos sind die MexicanAmericans seit jeher die mit Abstand gro¨ßte Gruppe. Bereits 1860 kamen vier von funf Latinos aus Mexiko; allerdings betrug deren Gesamtzahl damals nur 155.000. Im Jahr 2011 waren immerhin noch zwei Drittel aller Hispanics mexikanischer Abstammung. Zum Vergleich: die zweitgro¨ßte Latinogruppe, die der Puerto Ricaner, umfasste nur knapp 10 % (Pew 2013b, S. 3–5). Zwar besitzen Puerto Ricaner grundsatzlich von Geburt an einen US-Pass, da die karibische Insel zu den USA geho¨rt, auch wenn sie kein Bundesstaat ist. Diejenigen, die aufs Festland gezogen sind, zahlen in den Statistiken aufgrund des Sonderstatus der Insel aber als Zuwanderer (vgl. Rezvani 2007).

Der Anteil der Latinos und anderer Einwanderergruppen an der Gesamtbevo¨lkerung der Vereinigten Staaten wird in den nachsten Jahrzehnten weiter zunehmen. In der Mitte des 21. Jahrhunderts werden US-Amerikaner europaischer Abstammung in der Minderheit sein. Nach den Prognosen des renommierten Umfrageinstituts Pew Research Center wurde der Bevo¨lkerungsanteil der Latinos sich bis zum Jahr 2050 auf 29 % nahezu verdoppeln, der Anteil der US-Amerikaner asiatischer Abstammung von 5 % auf 9 % steigen, wahrend die Gruppe der Afro-Amerikaner mit etwa 13 % kaum wachsen durfte. Zusammen bildeten diese Gruppen dann eine Mehrheit der US-amerikanischen Gesellschaft (Taylor und Cohn 2012).

Der Grund dafur ist, dass Zuwanderer fur einen großen Teil des Bevo¨lkerungswachstums der USA verantwortlich sind (zwischen 2000 und 2010 fur 32 %) (Wasem 2013a, S. 4). In den Vereinigten Staaten ist nach einer langeren Phase der Stagnation die allgemeine Geburtsrate zwischen 2007 und 2010 um 8 % gesunken. Zwar sind Immigrantinnen von diesem Ruckgang besonders deutlich betroffen. Ihre Geburtenrate sank um ganze 14 %, unter den Mexican-Americans sogar um 23 %. Immigrantinnen tragen dennoch immer noch knapp ein Viertel aller Geburten aus (Jahr 2010), also signifikant mehr als der Anteil aller Einwanderer von 13 % an der Gesamtbevo¨lkerung der USA (Livingston und Cohn 2012, S. 1–2). Diese hohen Geburtenraten lassen sich teilweise dadurch erklaren, dass ein Drittel aller Immigranten erst seit dem Jahr 2000 im Land ist (Wasem 2013a, S.18). Da Einwanderung meist in einem relativ jungen Alter geschieht, ist diese Gruppe durchschnittlich junger (und umfasst dementsprechend auch mehr Frauen im gebarfahigen Alter) als ihre in den USA geborenen Mitburger, die gleichzeitig auch durchschnittlich immer alter werden.

Somit fallen in den Vereinigten Staaten die demografischen Prognosen fur die Gruppe der Einwanderer letztendlich immer noch deutlich gunstiger aus als fur Nicht-Immigranten. Zwar stagniert insbesondere die illegale Zuwanderung seit dem Jahr 2007, weshalb sich die Frage stellt, ob die europaisch stammige Bevo¨lkerung in der Mitte des Jahrhunderts tatsachlich in der Minderheit sein wird. Doch auch unter einem weniger optimistischen Wachstumsszenario ware der Trend derselbe, wurde bloß ein langsameres Tempo einnehmen. Dann verfugten die „weißen“ US-Amerikaner im Jahr 2050 zwar immer noch mit 52 % uber eine knappe Mehrheit. Es ware aber bloß eine Frage der Zeit, wann sich dies zugunsten heutiger Minderheiten umdrehen wurde (Taylor und Cohn 2012).

Diese demografischen Verschiebungen nehmen Einfluss auf politische Prozesse. Zuwanderer werden zu Wahlern, wenn sie die Staatsburgerschaft der USA erlangen. Dies erfordert zunachst einen in der Regel funfjahrigen Aufenthalt mit einer Greencard, also einer mit einer Arbeitsgenehmigung kombinierten Aufenthaltserlaubnis (Lee 2011, S. 1). Der Schritt zur Staatsburgerschaft ist in den USA insgesamt mit weniger rechtlichen Hurden und kurzeren Wartezeiten verbunden als beispielsweise in Deutschland. Dennoch kann es Jahre dauern, bis der Schritt auch gemacht wird, da er den Nachweis ausreichender Englischkenntnisse erfordert und mit hohen Verwaltungsgebuhren verbunden ist. Nicht zuletzt steht undokumentierten Einwanderern dieser Weg derzeit nicht offen.

61 % der Zuwanderer, welche die rechtlichen Anforderungen dafur erfullen, lassen sich jahrlich einburgern. Ausgerechnet die gro¨ßte Gruppe, die der MexicanAmericans, weist die niedrigste Quote auf. Nur 36 % derjenigen, die eine Staatsburgerschaft beantragen ko¨nnten, entscheiden sich dafur (Gonzalez-Barrera et al. 2013, S. 5–7). Jedoch ist die Tendenz steigend – in den 1990er Jahren lag die Rate noch bei 20 % (Pew 2013c). Die ho¨chsten Einburgerungsraten verzeichnen Einwanderer aus Asien. U¨ ber ein Drittel aller naturalizations im Haushaltsjahr 2011 betrafen diese Bevo¨ lkerungsgruppe (Lee 2011, S. 2). Dies ist verhaltnismaßig viel, sind doch nur etwa ein Viertel aller nicht in den USA geborenen, aber dort lebenden Personen asiatischer Herkunft (Connor et al. 2013, S. 8).

Auch wenn langst nicht alle Einwanderer an Wahlen teilnehmen ko¨nnen und einige auch nicht wollen (ihre Wahlbeteiligung liegt leicht unter ihrem Anteil an der Wahlbevo¨lkerung), nimmt ihr politisches Gewicht mit steigenden Einburgerungsraten doch stetig zu. Im Jahr 2012 war bereits jeder zehnte stimmberechtigte US-Amerikaner lateinamerikanischer Abstammung; bei den Prasidentschaftswahlen entfielen auf diese Gruppe 8,4 % aller abgegebenen Stimmen. Damit haben sich die Anteile der Latinos am Wahlvolk und an den abgegebenen Stimmen seit 1996 fast verdoppelt (U.S. Census 2013, S. 5). Auch vom passiven Wahlrecht machen sie immer mehr Gebrauch. Im 113. Kongress (dessen Legislaturperiode von Anfang 2013 bis Ende 2014 dauerte) waren 35 der 435 Abgeordneten des Reprasentantenhauses lateinamerikanischer Abstammung (also 8 %), ebenso wie drei der hundert Mitglieder des Senats (Manzano 2013).

 
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