Wirtschaftliches Potenzial und Herausforderungen

Die jungste Finanz- und Wirtschaftskrise war eine der schwersten Rezessionen seit der Großen Depression der 1930er Jahre. Die Wirtschaft hat sich zwar mittlerweile wieder erholt. 2013 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) laut dem Bureau of Economic Analysis um 1,9 % (BEA 2014), wie Abb. 1 zeigt. Dennoch steht das Land wie bisher vor immensen wirtschaftspolitischen Herausforderungen. Dazu geho¨ren Rigiditaten auf dem Arbeitsmarkt, eine steigende Einkommensungleichheit, Infrastruktur- und Bildungsdefizite sowie die hohe Verschuldung auf Bundesaber auch auf Einzelstaatenebene. Hinzu kommt ein Kongress, dem es in den vergangenen sechs Jahren nicht gelungen ist, die Weichen fur umfassende Reformen zu stellen. Ganz im Gegenteil wurden wichtige Reformen immer wieder verschleppt.

Der wirtschaftliche Niedergang der USA wurde schon mehrfach vorhergesagt – in den 1970er Jahren, als das Land durch eine Stagflation (hohe Inflation und hohe Arbeitslosigkeit bei niedrigem Wirtschaftswachstum) gepragt war, ebenso wie in

den 1980er Jahren, als Japan das Land wirtschaftlich zu uberholen drohte. Auch in der jungsten Finanz- und Wirtschaftskrise mehrten sich die Stimmen, die einen Niedergang der Vereinigten Staaten, einen American decline, vorhersagten. Fur solche Kassandrarufe ist es jedoch zu fruh. Denn nicht vergessen werden sollte,

uber welches enorme wirtschaftliche Potenzial die USA nach wie vor verfugen.

In dem flachenmaßig drittgro¨ßten Land der Erde (9.826.675 km2, gro¨ßer sind nur Russland und Kanada) (CIA World Factbook 2014), lebten im Jahr 2013 nach Schatzungen des IWF rund 317 Millionen Einwohner (IMF 2014). Damit verfugen die USA nicht nur uber einen riesigen Binnenmarkt, sondern auch ein gewaltiges Arbeitskraftepotenzial. Die USA sind das Land mit der ho¨chsten Einwanderung; 2012 betrug die Nettomigration laut der Weltbank 5 Millionen Menschen (The World Bank 2014b). Die Fertilitatsrate liegt in den USA seit Jahren bei rund zwei Kindern pro Frau (The World Bank 2014a), was bedeutet, dass das Bevo¨lkerungsniveau auch ohne Einwanderung stabil bleibt. Auch fur die nachsten Jahre wird weiterhin ein kraftiges Wachstum des Arbeitskraftepotenzials der USA prognostiziert: Im Jahr 2012 betrug die Erwerbsbevo¨lkerung rund 155 Millionen Personen. Bis 2022 wird ein Anstieg auf 163,5 Millionen Personen erwartet (Toossi 2013).

Die USA zeichnen sich durch ihre enorme Innovationskraft aus. Viele der weltweit innovativsten Unternehmen haben ihren Ursprung in dem Land. Zudem profitieren die USA von der Schiefergas- und Schiefero¨lrevolution. Wahrend die heimische Produktion von Roho¨l seit Anfang der 1980er Jahre kontinuierlich gesunken war, erleben die USA zurzeit eine Renaissance der fossilen Energietrager. Laut der Internationalen Energieagentur (International Energy Agency, EIA) sind die Elektrizitatspreise fur industrielle Konsumenten in Japan und Europa im

Durchschnitt doppelt so hoch wie fur Wettbewerber in den USA (IEA 2013,

S. 261). Der im internationalen Vergleich niedrige Gaspreis in den USA mindert die Kosten der Herstellung energieintensiver Produkte wie Aluminium und anderer Nichteisenmetalle, Stahl, Baustoffe, Kunststoffe oder auch Papier. Zudem profitiert die chemische Industrie von niedrigen Gaspreisen, da Erdgas als Rohmaterial in der Herstellung vieler Chemikalien, Kunststoffe und Dunger verwendet wird. Inwieweit die verarbeitende Industrie von dieser Entwicklung profitieren und es zu einer Re-Industrialisierung der USA kommen wird, wie viele Analysten vorhersagen, bleibt abzuwarten. Schon heute zeigt sich jedoch, dass auslandische Unternehmen wieder starker in den USA investieren und die zukunftige Entwicklung positiv eingeschatzt wird.

Gleichzeitig stehen die USA jedoch vor einer Reihe von Herausforderungen. Dazu geho¨ren die nach wie vor vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit und die steigende Einkommensungleichheit. Die Verteilung der Einkommen in einer Volkswirtschaft lasst sich anhand sogenannter Einkommensquintile abbilden. Hierbei wird die Zahl der Haushalte in funf gleiche Teile geteilt; jedem Quintil wird dann der Prozentsatz des aggregierten Gesamteinkommens zugeordnet, uber das es jeweils verfugt. Dabei zeigt sich, dass die Schere zwischen Reichen und Armen in den USA immer weiter auseinanderklafft. 1980 entfielen auf das oberste Einkommensquintil 44,1 % und auf das unterste 4,2 % des gesamten Einkommens der Haushalte. 16,8 % lagen im mittleren Quintil. 2012 entfielen auf das oberste Einkommensquintil 51,0 %, auf das unterste 3,2 % des gesamten Einkommens der Haushalte. 14,4 % lagen im mittleren Quintil (DeNavas-Walt et al. 2013, S. 40, 43). Damit haben sich die Einkommen weiter zugunsten der oberen Einkommensgruppen verschoben. Hinzu kommt, dass die Zahl armer Menschen seit den 1970er Jahren steigt. 46,5 Millionen US-Amerikaner (15 % der Bevo¨lkerung) lebten im Jahr 2012 unterhalb der Armutsgrenze (DeNavas-Walt et al. 2013, S. 13).

Trotz wirtschaftlicher Erholung ist die Arbeitslosigkeit immer noch hoch. Wie nach der Rezession 2000/2001, als man vom jobless recovery sprach, gestaltet sich die Erholung am Arbeitsmarkt auch nach der jungsten Krise schleppend. Im April 2014 lag die Arbeitslosigkeit bei 6,3 % (BLS 2014a). Ungewo¨hnlich fur das Land ist auch der hohe Anteil der Langzeitarbeitslosen. Im April 2014 waren 35,3 % der Arbeitslosen bereits fur mindestens 27 Wochen ohne Job. Im Vergleich zum Vorjahr ist damit die Langzeitarbeitslosigkeit etwas zuruckgegangen (April 2013: 37,4 %) (BLS 2014b). Zahlt man diejenigen hinzu, die bereits nicht mehr nach Arbeit suchen oder unterbeschaftigt sind, aber eigentlich eine Vollzeitstelle wollen (Unterbeschaftigungsquote), lag die Quote im April 2014 bei 12,3 % (BLS 2014c) (hierbei handelt es sich jeweils um saisonbereinigte Zahlen). Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit und wachsenden Einkommensungleichheit ist die Bevo¨lkerung zunehmend verunsichert.

Wichtige Determinanten fur das langfristige Wirtschaftswachstum sind Bildung und Infrastruktur. Wahrend die USA uber zahlreiche Spitzenuniversitaten verfugen, beklagt gerade die Industrie einen Mangel an gut ausgebildeten Fachkraften. Im PISA-2012-Ranking der OECD zu den Leistungen 15 bis 16-jahriger in

Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften liegen die USA lediglich im Mittelfeld der 34 OECD-Mitgliedsstaaten sowie 31 weiterer Partnerlander. Im Bereich Mathematik geho¨ren die USA zu den Landern, deren Anteil besonders leistungsstarker Schuler unter dem OECD-Durchschnitt bzw. deren Anteil besonders leistungsschwacher Schuler uber dem OECD-Durchschnitt liegt. In den Bereichen Lesekompetenz und Naturwissenschaften weichen die USA nur sehr geringfugig vom OECD-Durchschnitt ab. Die USA schneiden jedoch insgesamt schlechter ab als beispielsweise Slowenien oder die Tschechische Republik (OECD 2013, S. 5).

Und auch in der Infrastruktur des Landes gibt es Defizite. So schatzt die American Society of Civil Engineers (ASCE), dass bis 2020 Investitionen in Ho¨he von 3,6 Billionen USD in die Infrastruktur des Landes no¨tig sein werden. Diese Zahl umfasst Investitionen in Wasserinfrastruktur und Umweltschutz, Transport zu Land, Luft und Wasser, Parks und Schulen sowie Energieinfrastruktur (ASCE 2013).

Um die Defizite im Bildungssystem und der Infrastruktur zu beseitigen, ist eine

aktive Wirtschaftspolitik notwendig. Doch der finanzpolitische Handlungsspielraum ist eingeschrankt. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise ist der Schuldenberg geradezu explodiert, wie Abb. 2 zum Schuldenstand und dem Haushaltsuberschuss bzw. -defizit zeigt. Die Haushaltsjahre 2009 und 2010 schlossen mit einem Defizit von 9,8 und 8,8 %. Am Ende des Haushaltsjahrs 2013 betrug die Verschuldung mit 16,7 Billionen USD 100,6 % des BIP (White House 2014). Verantwortlich fur diesen Trend waren mehrere Faktoren, darunter die enormen Aufwendungen im US-Verteidigungsetat fur die Kriege in Afghanistan und im Irak, die unter der Bush-Regierung veranlassten Steuersenkungen fur US-Amerikaner aller Einkommensklassen, die Stabilitats- und Konjunkturpakete von 2008 und 2009 sowie die steigenden Staatsausgaben fur Sozialprogramme wie die Arbeitslosenhilfe – bei gleichzeitig sinkenden Steuereinnahmen.

 
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