Arbeitsmarktpolitik und Außenhandel in den USA

Julia Puschel

Einleitung

Gegenwartige Globalisierungsprozesse unterscheiden sich wirtschaftlich betrachtet in zentralen Punkten von fruheren historischen Entwicklungen. Zunachst hat sich das weltweite Exportvolumen von 1.838 Milliarden USD (USD) seit 1983 nahezu verzehnfacht und damit ein bisher unerreichtes Niveau von 17.930 Milliarden USD im Jahr 2012 erlangt (WTO 2013). Neben dieser quantitativen Ausweitung des internationalen Handels ist die gegenwartige „zweite Phase der Globalisierung“ seit Mitte der 1980er Jahre auch in qualitativer Hinsicht besonders.[1] Der Anteil des Zwischenprodukthandels am gesamten Handel hat stark zugenommen, wobei dieser proportionale Zuwachs die zunehmende Bedeutung der internationalen Fragmentierung von Wertscho¨pfungsketten, dem sogenannten „offshoring“, widerspiegelt. Zudem hat sich die gehandelte Produktpalette erweitert und insbesondere der Dienstleistungshandel verzeichnet seit Mitte der 1990er Jahre starke Zuwachsraten. Die lange den Welthandel dominierenden Mitgliedsstaaten der Organisation fur wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) handeln daruber hinaus verstarkt mit großen Schwellenlandern, wie China, Indien, Brasilien und Russland, welche ein besonders niedriges Lohnniveau aufweisen (OECD 2007, S. 105–148).

O¨ konomen sind sich grundsatzlich einig, dass eine zunehmende außenwirt-

schaftliche Verflechtung den beteiligten Landern viele Vorteile bringt. Vor dem konjunkturellen Einbruch durch die Weltwirtschaftskrise seit 2009 hat der internationale Handel beispielsweise wesentlich zum Wirtschaftswachstum und den hohen Beschaftigungsquoten in den USA beigetragen. Allerdings sieht ein Großteil der Bevo¨lkerung in den OECD-Staaten die Auswirkungen der Globalisierung zunehmend skeptisch. Insbesondere die keineswegs klaren Auswirkungen fur die einheimischen Arbeitsmarkte aus den resultierenden o¨konomischen Restrukturierungen schaffen Unsicherheiten und damit verbunden Angst und Ablehnung (The PEW Research Center 2006, S. 2). Diese o¨ffentliche Wahrnehmung steht nur auf den ersten Blick im Widerspruch zu der Einschatzung der Wirtschaftswissenschaftler, welche die weit verbreiteten positiven Gesamtwohlfahrtseffekte des internationalen Handels betonen. Gleichzeitig besteht namlich auch unter O¨ konomen ein breiter Konsens, dass die mit dem Handel einhergehenden o¨konomischen Anpassungsprozesse negative Konsequenzen fur bestimmte Berufsgruppen mit sich bringen (Pavcnik 2011).

Der Arbeitsmarkt ist ausschlaggebend fur die Lebensstandards und -perspektiven der meisten Menschen. Die aktive Teilnahme am Arbeitsmarkt ist nicht nur maßgeblich fur die Sicherung materieller Wohlfahrt, sondern auch fur den sozialen Status, den Gesundheitszustand sowie eine Teilhabe am politischen Prozess. In den USA, deren wohlfahrtsstaatliches System gemeinhin als „liberal“ bezeichnet wird (Esping-Anderson 1990), nimmt der Arbeitsmarkt in dieser Hinsicht eine besonders zentrale Stellung ein, da eine Verschlechterung der Lebensverhaltnisse durch Arbeitsplatzverlust oder Einkommensruckgang sozial weniger abgefedert wird (Grell und Lammert 2013, S. 108–130). Die neuen Charakteristika der wirtschaftlichen Globalisierung in Kombination mit fortschreitenden technologischen Innovationen stellen den US-amerikanischen Arbeitsmarkt vor eine historisch neue Herausforderung. Wahrend bis Mitte der 1990er Jahre vor allem Geringqualifizierte in der produzierenden Industrie einen Verlust ihrer Arbeitsplatze oder einen Einkommensruckgang befurchten mussten, sind zunehmend auch Beschaftigungsverhaltnisse der traditionellen Mittelklasse und im Dienstleistungssektor betroffen. Allerdings sind nationale Arbeitsmarkte dem o¨ konomischen Strukturwandel nicht willkurlich ausgesetzt. Generell lassen sich drei Dimensionen unterscheiden, entlang derer der Staat Einfluss auf die Arbeitsmarkte und die daraus resultierenden Lebensverhaltnisse nehmen kann: indirekt uber makroo¨konomische Maßnahmen wie die Fiskal- und Geldpolitik, uber die Arbeitsmarktregulierung (Arbeitszeit- und Lohnpolitik) und uber die Arbeitsmarktpolitik im engeren Sinn. Letztere interveniert am direktesten (auf der Mikroebene) im Arbeitsmarkt – entweder passiv durch die Unterstutzung von Arbeitslosen oder aktiv durch die gezielte Fo¨ rderung der Beschaftigungsfahigkeit bestimmter Gruppen.

Dieses Kapitel beschaftigt sich mit der Frage, inwiefern in den USA existierende arbeitsmarktpolitische Maßnahmen im engeren Sinn den strukturellen Herausforderungen auf dem einheimischen Arbeitsmarkt erfolgreich begegnen ko¨nnen. Dafur wird zunachst ein U¨ berblick uber die Besonderheiten des US-amerikanischen Arbeitsmarktes gegeben, wobei weniger auf konjunkturelle, kurzfristigere Probleme als auf langerfristige Restrukturierungsprozesse und die daraus resultierende Polarisierung des US-amerikanischen Arbeitsmarkts eingegangen wird. Danach werden die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen im engeren Sinn beschrieben. Im Fokus der Betrachtung steht, inwiefern diese Maßnahmen an die Herausforderungen eines zunehmend polarisierten Arbeitsmarkts angepasst sind. Die Trade Adjustment Assistance kann in diesem Kontext als ein besonderes, US-amerikanisches arbeitsmarktpolitisches Instrument verstanden werden, welches darauf abzielt, Globalisierungseffekte auf dem Arbeitsmarkt abzufedern. Zieht man jedoch insgesamt Bilanz, so haben politische Reaktionen auf die Polarisierung und die ihr zugrunde liegenden tiefgreifenden strukturellen Veranderungen nur unzureichend und mit großer zeitlicher Verzo¨gerung Eingang in konkrete arbeitsmarktpolitische Maßnahmen gefunden.

  • [1] Die „erste Globalisierung“ dauerte vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs (Wolf 2013).
 
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