Der flexible und polarisierte US-amerikanische Arbeitsmarkt

Im Jahr 2011 haben die OECD Mitgliedslander im Durchschnitt 1,46 % ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) fur aktive und passive arbeitsmarktpolitische Maßnahmen ausgegeben. Innerhalb dieser Landergruppe haben die USA mit 0,71 % des BIP unterdurchschnittlich wenig fur arbeitsmarktpolitische Maßnahmen

aufgewendet (OECD 2014).[1] Diese im internationalen Vergleich geringe Bedeutung der Arbeitsmarktpolitik im engeren Sinn lasst sich auf ein in den USA vorherrschendes, neoklassisches Verstandnis der Arbeitsmarkte zuruckfuhren. Staatliche Eingriffe in den Arbeitsmarkt werden weitestgehend als unerwunscht betrachtet, da sie das reibungslose Funktionieren der unsichtbaren Hand (invisible hand) und damit das Erreichen optimaler Allokationsergebnisse beeintrachtigen (Knapp 2004).

Trotz dieser generellen Skepsis gegenuber staatlichen Eingriffen in den Arbeitsmarkt, gibt es auch in den USA vielfaltige arbeitsmarktpolitische Regulierungen. Diese weisen allerdings aufgrund der geringen Verbreitung bundesweiter Regelungen ein besonders hohes Maß an Heterogenitat auf. Auf Bundesebene werden die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern lediglich in einigen wenigen Bereichen geschutzt. Durch den Fair Labor Standards Act von 1938 wurde ein Verbot von Kinderarbeit eingefuhrt, ein bundesweiter Mindestlohn etabliert und die Bezahlung von U¨ berstunden geregelt. Gesundheitliche Aspekte werden durch den Occupational Health and Safety Act aus dem Jahr 1970, Eltern- und Pflegezeiten durch den Family and Medical Leave Act aus dem Jahr 1993 geregelt. Zudem existiert in den USA seit Mitte der 1960er Jahre ein bundesweites Diskriminierungsverbot aufgrund perso¨nlicher Merkmale wie Hautfarbe, Geschlecht und Religion (Grell und Lammert 2013, S. 112). Neben diesen vier allgemeinen Regelungen gibt es im Vergleich zu Kontinentaleuropa in den USA jedoch kein spezielles Arbeitsrecht. U¨ ber 80 % aller Arbeitsverhaltnisse basieren dort auf Privatvertragen und auf dem „at will-“ Prinzip des amerikanischen Common Law. Es gibt weder verbindliche Kundigungsfristen noch Abfindungsregelungen und auch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist nicht gesetzlich geregelt. Zudem besteht keine allgemeine gesetzliche Verpflichtung zum Abschluss einer Krankenversicherung (Jahn 2004).

Zur Eigenheit des US-amerikanischen Arbeitsmarktes tragt auch bei, dass die Gewerkschaftsmacht seit den 1980er Jahren in den USA besonders stark abgenommen hat (Milberg und Winkler 2011). Waren im Jahr 1983 noch mehr als 20 % aller Beschaftigten Gewerkschaftsmitglieder, so fiel dieser Anteil im Jahr 2013 auf 11 %. Berucksichtigt man ausschließlich Beschaftigte in der Privatwirtschaft, so fallt dieser Anteil mit knapp 7 % noch geringer aus, wahrend Beschaftigte im expandierenden Dienstleistungssektor kaum gewerkschaftlich organisiert sind und im Jahr 2013 nur 2,9 % aller Beschaftigten Gewerkschaftsmitglieder waren (Bureau of Labor Statistics 2014b). Aufgrund des geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrads werden Lohnverhandlungen hauptsachlich dezentral auf Unternehmensebene ausgehandelt (Werner 1999, S. 64–66).

Aufgrund dieser vergleichsweise geringen Regulierung und dem geringen Grad gewerkschaftlicher Organisation gilt der US-amerikanische Arbeitsmarkt als besonders flexibel. Diese herausragende Flexibilitat wurde lange von der OECD

und dem Internationalen Wahrungsfond (IWF) als Grund fur die hohen und seit der Nachkriegszeit nahezu stetig gestiegenen Erwerbsquoten in den USA gepriesen (OECD 1994). Zwischen 1947 und 2012 hat sich die Zahl der Erwerbstatigen mit einem Anstieg von 57,038 Millionen auf 142,469 Millionen in der Tat mehr als verdoppelt. Dadurch ist die Erwerbsquote von 56 % im Jahr 1947 auf einen Ho¨ chststand von 64,4 % im Jahr 2000 gestiegen und lag damit zwischen 1980 und 2000 10 Prozentpunkte uber dem Durchschnitt in den EU-Staaten (Bureau of Labor Statistics 2014a; Grisse et al. 2011). Jene positive Einschatzung erscheint jedoch, vor allem im Licht jungster Entwicklungen, als problematisch. Empirisch lasst sich zum einen kein kausaler Zusammenhang zwischen der Ho¨he der Arbeitslosigkeit und der Regulierung des Arbeitsmarktes feststellen (OECD 1999). Im Jahr 2009 ist außerdem der Unterschied in den Erwerbsquoten zwischen Europa und den USA auf lediglich 1,7 % gesunken (Grisse et al. 2011).

Aktuell ist der US-amerikanische Arbeitsmarkt schwer von den Auswirkungen der Wirtschaftskrise betroffen. Die Erwerbsquote fiel von 63 % im Jahr 2007 auf 58,6 % im Jahr 2012 und die Arbeitslosenquote stieg von 4,6 % (2007) auf 8,1 % im Jahr 2012. Da die Arbeitslosenquote trotz eines Wiederauflebens der Konjunktur seit dem Sommer des Jahres 2009 nur unterproportional abgenommen hat, wird von einer „jobless recovery“ gesprochen.[2] Im Januar 2014 lag die Arbeitslosenquote bei 6,5 % (Bureau of Labor Statistics 2014a). Dieser konjunkturelle Anstieg der Arbeitslosigkeit hat langerfristige Trends im US-amerikanischen Arbeitsmarkt verstarkt, die sich in besonders ungleichen Beschaftigungschancen fur verschiedene Gruppen manifestieren und auf den o¨konomischen Strukturwandel zuruckzufuhren sind. Wie in anderen Industrielandern auch, kam es in den vergangenen 50 Jahren zu einer Verschiebung der relativen Gewichte uber die verschiedenen Wirtschaftssektoren. Wahrend in den USA im Jahr 1960 65 % der Beschaftigten außerhalb des Primarsektors im Dienstleistungssektor beschaftigt waren, so ist dieser Anteil im Jahr 2007 auf 85 % angestiegen. Insbesondere die Beschaftigung in unternehmensbezogenen Dienstleistungen (business services) hat starke Wachstumsraten verzeichnet. Ihr Anteil an der Gesamtbeschaftigung außerhalb des Primarsektors lag im Jahr 1960 bei nur 15 % und entsprach damit ungefahr der Halfte des Beschaftigungsanteils der verarbeitenden Industrie. Im Jahr 2007 war dieser Anteil mehr als doppelt so hoch wie im Industriesektor und lag bei 21 % (Jensen 2011, S. 14–15).

O¨ konomische Restrukturierungsprozesse stehen im Zusammenhang mit

verstarkten o¨ konomischen Ungleichheiten. Einhergehend mit der Tertiarisierung galten die Beschaftigungen geringqualifizierter Industriearbeiter als besonders gefahrdet. Wegen des Eintritts der hochausgebildeten Baby Boom Generation in den Arbeitsmarkt wahrend der 1970er Jahre hat sich dieser Ruckgang in den Beschaftigungsmo¨ glichkeiten jedoch erst seit den 1980er Jahren auch in niedrigeren Erwerbseinkommen fur Geringqualifizierte niedergeschlagen und damit zu einem Anstieg der Lohndisparitaten gefuhrt. Wahrend die ersten drei Jahrzehnte der Nachkriegszeit lediglich durch einen leichten Anstieg der Lohnungleichheiten in den USA gekennzeichnet waren, kam es deshalb in den fruhen 1980er Jahren zu einer Trendwende (Levy und Murnane 1992). Wenn sich die Erwerbseinkommen zwischen dem 90er Perzentil und dem 10er Perzentil der Einkommensverteilung auch in nahezu allen OECD Landern auseinander entwickelt haben, so ist die Lohndisparitat in den USA besonders stark ausgepragt.[3] Verscharft wird das Problem dort durch eine seit den 1970er Jahren gestiegene Armutsrate. Laut dem US-Census lebten 2012 15 % der US-amerikanischen Bevo¨lkerung unterhalb der offiziellen Armutsgrenze (DeNavas-Walt et al. 2013, S. 13).

Seit Mitte der 1990er Jahre ist daruber hinaus die Mittelklasse zunehmend schmerzhaften Anpassungsprozessen ausgesetzt. Die sogenannte „Job-Polarisation“ (Goos und Manning 2007) ist durch einen relativen Ruckgang in Erwerbseinkommen und Beschaftigungsmo¨ glichkeiten fur die Mittelschicht gekennzeichnet (Autor 2010). Wahrend die Nachfrage nach hoch- und niedrig qualifizierten Arbeitern gestiegen ist, werden Arbeiter mit einem mittleren Bildungsniveau und Einkommen zunehmend weniger nachgefragt. Fur diese Arbeitsmarktpolarisierung werden in der Fachliteratur momentan verschiedene Erklarungsansatze diskutiert. Da eine solche Polarisierung des Arbeitsmarktes ebenfalls in zahlreichen europaischen Landern stattfindet, sehen O¨ konomen neben dem fortschreitenden technologischen Wandel und der damit einhergehenden Automatisierung bestimmter Tatigkeiten auch die neuen Charakteristika des Außenhandels als ursachlich an. Besonders Mittelklasseberufe sind durch Tatigkeitsprofile charakterisiert, die leicht durch computergesteuerte Programme ersetzt oder ins Ausland verlagert werden ko¨ nnen. Beispielsweise fuhren mittel-qualifizierte und -bezahlte Arbeiter besonders haufig Routineaufgaben aus (Autor 2010). Da Routineaufgaben durch klare Handlungsablaufe gekennzeichnet sind, ko¨nnen diese Tatigkeiten entweder automatisiert werden oder durch eine klare Beschreibung der Handlungsvorgaben in Lander mit einem geringeren Lohnniveau ausgelagert werden.

Die Polarisierung des Arbeitsmarkts, welche sich bis in die 1980er Jahre zuruckverfolgen lasst, stellt den US-amerikanischen Arbeitsmarkt seit der Mitte der 1990er Jahre damit vor eine neue Herausforderung. Wahrend ursprunglich vor allem geringqualifizierte Arbeiter in der Industrie die negativen Konsequenzen des o¨konomischen Strukturwandels tragen mussten, sind seit Mitte der 1990er Jahre zunehmend auch die Mittelschicht und bestimmte Beschaftigungen im Dienstleistungssektor jenen schmerzhaften Anpassungsprozessen ausgesetzt. Dem Wandel des Arbeitsmarkts und den neuen Herausforderungen der o¨konomischen Umstrukturierung hat man sich in der Politik auf verschiedene Weise und mit unterschiedlichem Erfolg angenommen.

  • [1] Deutschland hat im Jahr 2011 mit 1,82 % des BIP fur arbeitsmarktpolitische Maßnahmen im engeren Sinn ausgegeben (OECD 2014).
  • [2] Dieser Begriff wurde in der Rezession von 1990-91 gepragt, weil im Vergleich zum Anstieg des U.S. BIP in den darauf folgenden eineinhalb Jahren nur wenige neue Beschaftigungsverhaltnisse geschaffen wurden (Groshen und Potter 2003).
  • [3] Eine ungleiche Entwicklung der Erwerbseinkommen kann sich entsprechend verschiedener staatlicher Maßnahmen mehr oder weniger stark auf das erzielte Nettogesamteinkommen auswirken. Da sich dieses Kapitel auf die Herausforderungen fur arbeitsmarktpolitische Maßnahmen konzentriert, werden hier die direkt aus dem Arbeitsmarkt resultierenden Ungleichheiten beschrieben. Die Effekte beispielsweise von steuerlicher Umverteilung werden dadurch außen vor gelassen. Es lasst sich festhalten, dass Erwerbseinkommen und Gesamtnettoeinkommen seit Mitte der 1980er Jahre einem gemeinsamen Trend folgen und dass Erwerbseinkommen 2003 in den USA einen Anteil von 67 % des Nettogesamteinkommens ausmachten (OECD 2007, S. 117).
 
< Zurück   INHALT   Weiter >