Perspektiven

Dies bedeutet allerdings, dass die EU und der Rest der Welt sich auch in Zukunft damit abfinden mussen, dass es eben von Zeit zu Zeit aufgrund der unterschiedlichen Wahrnehmung von Sicherheitsbedrohungen und der angemessenen Reaktion darauf zu Situationen kommen kann, in denen die unverandert global ausgerichtete Politik der USA (im Gegensatz zur vorwiegend regional ausgerichteten europaischen Außenpolitik, mit Praferenz fur multilaterales Vorgehen und politisch-o¨konomische Mittel) bisweilen ein eher instrumentelles Verstandnis von Multilateralismus entfaltet und die sicherheitspolitische Handlungsfreiheit leitende Maxime bleibt – auch auf die Gefahr einer vorubergehenden Entfremdung gegenuber den Bundnispartnern und anderen Akteuren hin. Allenfalls kann in solchen Momenten von einem realistischen Multilateralismus im Sinne der engen Zusammenarbeit mit ausgewahlten und gleich gesinnten Staaten zur Umsetzung bestimmter Ziele die Rede sein, bei denen die Aufgabe die „flexiblen Koalitionen“ bestimmt.

Auf die Unterstutzung der Europaer wird Washington dabei auch kunftig angewiesen sein – sie ist, bei allen Defiziten, die einzig verlassliche und ohne Alternative. Insofern bedeutet die Hinwendung zum pazifischen Raum auch nicht die Abkehr von Europa, wie vielfach falschlicherweise angenommen. Das schließt nicht aus, dass es auch kunftig in dem einen oder anderen Fall Spannungen gibt. In vielen Punkten gibt es nicht unuberbruckbare, aber doch deutliche Differenzen, die auch mit unterschiedlichen Wertvorstellungen (zumindest aber unterschiedlichen Priorisierungen bestimmter Normen) zu tun haben. An Amerikas Grund uberzeugung und Selbstverstandnis, wonach es aufgrund seines unverandert uberragenden Machtpotentials die globale Ordnung gestalten kann (und im Gegensatz zu China, Russland, anderen Schwellenlandern sowie der EU auch will), wird sich auch kunftig, gleich unter welchem Prasidenten, nur wenig andern. Dabei wird man selektiv, und unter Abwagung der ordnungspolitischen Ziele und Interessen, uber den Einsatz der zur Verfugung stehenden uberragenden Mittel in der Welt und mo¨ gliche Bundnispartner im Sinne „flexibler Koalitionen“ entscheiden. Trotz Wirtschafts- und Finanzkrise und enormer politischer Herausforderungen haben die USA dazu unverandert die besten Voraussetzungen, wenn sie sich kunftig auch und vor allem auf die strukturellen Elemente und Vorteile ihrer „soft power“ besinnen: von ihrer Gro¨ße und den materiellen Ressourcen uber das Humankapital und die Dominanz in den Bereichen der Spitzentechnologien bis hin zur amerikanischen Massenkultur, der ungebrochenen Anziehungskraft ihrer Universitaten und Forschungseinrichtungen sowie der liberalen politischen und o¨konomischen Traditionen sind die Vereinigten Staaten pradestiniert, eine weltweite Fuhrungsrolle einzunehmen – nicht im Sinne der Bush-Administration, sondern orientiert am Bild des „wohlwollenden Hegemon“, der sich auf die traditionell liberale und multilaterale Konzeption amerikanischer Außenpolitik besinnt, erkennt, dass die Sicherheit des Landes untrennbar mit dem Wohlergehen anderer Staaten verbunden ist, und die neuen Aufsteiger in enger Abstimmung mit den europaischen Bundnispartnern starker einbindet. So oder so aber gilt: Der Hegemon ist angeschlagen und hat relativ an Fuhrungskraft eingebußt, taumeln aber tut er deshalb noch nicht. Amerika wird das kunftige Weltgeschehen auf der Basis seines außenpolitischen Rollenverstandnisses weiterhin entscheidend (mit)bestimmen.

 
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