Die Hegemonie der USA und die Beschaffenheit ihrer institutionellen Macht

Der Begriff der Macht lasst sich als die Fahigkeit eines Akteurs definieren, andere dazu zu bringen, etwas zu tun, das sie sonst nicht tun wurden (Dahl 1957). Die Forschungen zu Internationalen Beziehungen (IB) waren bis vor kurzem besonders

an dem Zwangspotential von materieller – d. h. militarischer und wirtschaftlicher – Macht interessiert. Materielle Macht bezieht sich auf die Mo¨ glichkeiten eines starken Staats, einen anderen Staat durch die Androhung von Strafmaßnahmen zu bestimmten Handlungen zu zwingen. Diese Form der Macht ist jedoch im Regelfall nicht diejenige, welche innerhalb und durch internationale Institutionen ausgeubt wird.

Barnett und Duvall (2005) unterscheiden daher neben dem Zwang drei weitere Machtformen: Die institutionelle, die strukturelle und die produktive Macht. Durch institutionelle Macht kontrollieren Akteure indirekt uber formelle und informelle Regeln andere Akteure. Die Regeln und Prozessablaufe innerhalb von Institutionen ko¨nnen dabei genutzt werden, um Handlungen anderer zu lenken und einzuschranken. Strukturelle Macht bezieht sich demgegenuber auf soziale Strukturen, durch welche Kapazitaten, Identitaten und subjektive Interessen einzelner Akteure konstruiert werden. Strukturelle Macht weist somit auf Positionsbestimmungen und beziehungen hin, vor allem bei der Produktion und Reproduktion von Positionen der U¨ ber- und Unterordnung – beispielsweise die Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie oder Nord und Sud. Wahrend strukturelle Macht durch direkte struktu relle Beziehungen wirkt, bezieht sich produktive Macht auf allgemeinere soziale Prozesse. Produktive Macht entsteht durch diskursive Prozesse und Wissenssysteme, welche ihrerseits Akteure hervorbringen und diese mit verschiedenen Arten und Maßen von sozialer Macht ausstatten. Was produktive Macht somit ‚produziert', ist intersubjektive Bedeutung.

Die Vereinigten Staaten haben einen erheblichen Einfluss auf IOs. Dieser Schluss folgt aus den beachtlichen Ressourcen, uber die die USA in samtlichen (materielle, institutionelle, strukturelle und produktive) Dimensionen der Macht verfugen. Ein Hegemon verlasst sich aber nicht nur auf eine Form der Machtausubung, beispielsweise auf Macht durch Zwangsmaßnahmen, sondern vereint vielmehr diverse Machttypen, um einen uberproportionalen Einfluss auf andere Akteure ausuben zu ko¨nnen. Der hegemoniale Einfluss der USA ist bestimmt durch ein Zusammenspiel von materiellen Fahigkeiten, der Kultivierung und Reproduktion von bestimmten strukturellen Hierarchien, sowie der diskursiven Artikulation einer bestimmten Vorstellung von internationaler Ordnung, die als legitim akzeptiert werden kann. Dies alles mundet in ein Regelgeflecht, welches die Vereinigten Staaten als zentralen Entscheidungstrager institutionalisiert hat (vgl. Cox und Jacobson 1973). Ein zentraler Aspekt der erfolgreichen Herstellung der amerikanischen Hegemonialrolle nach dem Zweiten Weltkrieg war die Formulierung einer liberalen politischen Ordnung, der sich auch andere Staaten verschreiben konnten. Dies legitimierte die US-Vormachtstellung bei anderen Demokratien. Neben der diskursiven Macht der liberalen Ideologie ist das internationale System auch dadurch legitimiert, dass die USA selbst dazu bereit waren, sich den Regelwerken der Institutionen zu unterwerfen. Ein hegemonialer Akteur wie die USA kann sich gelegentlich von diesen Einschrankungen lo¨ sen, langfristig erfordert eine wirksame Hegemonie jedoch, Macht an Institutionen oder an andere Mitgliedstaaten innerhalb der Institutionen abzutreten (Ikenberry 2001). Die internationale Ordnung ist jedoch keinesfalls das Resultat altruistischer Motive. Sie ist vielmehr stets dazu bestimmt, die wirtschaftlichen und politischen Interessen der Vereinigten Staaten voranzutreiben und zu festigen. Obwohl die USA institutionelle Zugestandnisse machten, um die Rechte anderer zu wahren (Ikenberry 2001), kommt dem Hegemon letztendlich der Lo¨wenanteil der materiellen Gewinne der Zusammenarbeit zu. Zudem kann er – und das ist vielleicht noch wichtiger –, die Verfahrensregeln einer Institution zu seinen Gunsten strukturieren. Internationale Institutionen verankern daher sowohl ein Bekenntnis zur Gleichheit souveraner Staaten als auch eine real existierende Ungleichheit in ihrem operativen Betrieb (Viola et al. 2014).

 
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