Fazit: Widerstand und Wandel

Die internationale Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg ist gro¨ßtenteils durch die Vereinigten Staaten erschaffen und dominiert worden. Im Gegensatz zu fruheren Nachkriegsordnungen war sie durch die zentrale Bedeutung internationaler Institutionen gepragt. Innerhalb dieser institutionellen Ordnung agierten die USA als hegemonialer Akteur; die Anordnung des internationalen Systems und seiner Institutionen spiegelte die materielle, institutionelle, produktive und strukturelle Macht der USA wider. Allerdings kann keine internationale Organisation als ein bloßes Instrumentarium amerikanischer Macht dargestellt werden.

Die US-basierte internationale Ordnung wurde uber viele Jahre und durch viele andere Staaten als praktische Notwendigkeit und als ideologisch legitim erachtet (Hurd 2008). Im Laufe der Zeit regte sich jedoch zunehmend Widerstand gegen die Hegemonie der USA. Dieser Widerstand begann mo¨glicherweise bereits mit der Entkolonialisierungswelle der 1960er Jahre, durch die eine Reihe von Landern in die Vereinten Nationen aufgenommen wurden, die Kritik an den Interessen und Ansichten der USA außerten (Malone 2003, S. 73). Im Zuge der Globalisierung und Deregulierung verstarkte sich die Kritik an der Legitimitat der US-Hegemonie und deren Ausubung durch internationale Institutionen. Diese Kritik kann sowohl als Ausdruck einer anti-Globalisierungspolitik als auch einer neuartigen Politisierung

internationaler Institutionen gedeutet werden – als ein Trend, der sich bereits weit vor dem 11. September abzeichnete (Zurn und Ecker-Ehrhardt 2013). U¨ ber die letzten anderthalb Jahrzehnte wurde die hegemoniale Stellung der USA in Folge

des „War on Terror“ und der Wirtschaftskrise von 2008 geschwacht. Diese Ereignisse haben gemeinsam zu bedeutenden Verlusten an materiellen Ressourcen, Legitimitat und Glaubwurdigkeit gefuhrt. Die USA sind immer weniger dazu in der Lage, internationale Institutionen zu beeinflussen. Dies zeigt sich anhand der Bereitwilligkeit von Verbundeten wie Frankreich oder Deutschland, dem Druck der USA standzuhalten, oder auch anhand des Erfolgs rivalisierender Staaten wie Russland oder China amerikanische Eingriffe in Syrien und Libyen zu erschweren. Heute sind die USA weder materiell in der Lage noch politisch gewillt, weiterhin das Gros der Belastungen zu ubernehmen, die der Erhalt der internationalen Ordnung mit sich bringt. Wirtschaftliche Schwierigkeiten im eigenen Land, zu denen ein gewaltiges Haushaltsdefizit zahlt, werden dabei erganzt durch Kriegsmudigkeit und langgehegtem Argwohn gegenuber exzessiven internationalen Einsatzen. Tatsachlich zeichnet sich eine langsame Verschiebung der Lastenverteilung bereits ab. Die wichtigsten Fragen mit Blick auf die weitere Entwicklung des internationalen Systems sind daher, wie eine neue Arbeitsteilung aussehen kann, welche Akteure dabei eine fuhrende Rolle ubernehmen, und welche Auswirkungen diese Veranderungen auf internationale Institutionen haben werden. Es ist durchaus mo¨ glich, dass die USA zu einem zukunftigen Zeitpunkt keine fuhrende Rolle mehr in der NATO spielen werden. Es ist durchaus denkbar, dass die USA eine weniger aktive Rolle bei Entscheidungen uber humanitare Krisen im Sicherheitsrat spielen wird. Es ist ebenso denkbar, dass die Vereinigten Staaten innerhalb von Wirtschaftsinstitutionen wie dem IWF und den G20, wo China zunehmend in der Lage zu sein scheint, eine starkere Fuhrungsrolle zu ubernehmen, institutionelle Macht an aufstrebenden Volkswirtschaften abtreten werden.

Letzten Endes bleiben die USA jedoch der machtigste internationale Akteur und die Gefahr, durch einen neuen Hegemon ersetzt zu werden, scheint nicht unmittelbar gegeben. Dennoch ist der relative Niedergang der US-Hegemonie real und dies wird sich auch auf die internationale Institutionslandschaft auswirken. Der Niedergang der amerikanischen Vormachtstellung ko¨nnte eine Chance fur Global Governance darstellen – der kritische Zeitpunkt, um eine Neustrukturierung internationaler Institutionen vorzunehmen, die durch jahrzehntelang angekundigte Reformprogramme nicht verwirklicht werden konnten und die praktisch jeder fur

uberfallig halt.

 
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